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US-Präsidentschaftswahlkampf: Die Königsmacher

Den Kandidaten schützen, den Gegner attackieren: Dafür sorgen die beiden Top-Berater der Bewerber um die US-Präsidentschaft. Während McCain auf den Rammbock Steve Schmidt setzt, vertraut Obama einem Idealisten, der sich auf historischer Mission wähnt. Doch dies könnte Obama zum Verhängnis werden.

Von Matthias B. Krause, New York

Der Mann sieht aus wie ein Bodyguard. Hoch gewachsen, schwergewichtig, die Glatze frisch rasiert. Der Blick konzentriert, einige sagen: kalt. Sein Job ist nicht die physische Unversehrtheit seines Chefs John McCain, er sorgt sich um die Reinheit und die Klarheit der Botschaft, die der republikanische Präsidentschaftskandidat unter das Volk bringt. Und wehe, dabei geht etwas schief. Dann, sagen seine Mitarbeiter, zieht Steve Schmidt hektisch die Luft durch seine geweiteten Nasenlöcher, seine Gesichtsfarbe verwandelt sich ins Dunkelrote, seine Stimme wird laut, sehr laut.

Manchmal, heißt es, rege er sich so sehr auf, dass ihm Blut aus der Nase tropfe. Aber das dementiert er. Die Spitznamen, die Schmidt, 38, sich verdient hat, deuten ebenfalls auf sein ausgeprägtes Temperament hin. "Human Artillery", Menschliche Artillerie, ist einer. Ziehvater Karl Rove nennt ihn "Bullet", was Glatze, aber auch Kanonenkugel bedeutet. McCain ruft seinen wichtigsten Berater "Sergeant Schmidt".

Sein Gegenspieler ist ein Mann, der sich eine Lederjacke anziehen muss, um auf dem Titelblatt des "New York Times"-Magazine wie ein harter Bursche auszusehen. David Axelrod, 53, trägt einen Schnauzbart, schütteres Haupthaar und eine innere Ruhe mit sich, die in der Branche die Ausnahme ist. Vielleicht passt er deshalb so gut zu seinem Chef Barack Obama, der nichts mehr hasst als "Drama Queens", Leute, die aus einer Maus einen Elefanten machen. Sie nennen sich politische Berater, Kampagnen-Manager, Strategen, aber am Ende wollen sie alle dasselbe sein: Königsmacher. Sie wollen einen unkontrollierbaren Prozess kontrollieren, einen gewöhnlichen Politiker zum mächtigsten Mann der Welt verwandeln, sie wollen den nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten küren.

Was Bill erfand, hat Schmidt modernisiert

Wie das geht, lernte Schmidt im "Breakfast Club", dem engen Zirkel republikanischer Berater, die der berüchtigte Wahlkampf-Guru Karl Rove um sich scharte. Ihre Mission: George W. Bush eine zweite Amtszeit im Weißen Haus zu sichern. Schmidt bekam die Aufgabe, den "War Room" zu leiten, jene Abteilung in der Wahlkampfzentrale, die jede Bewegung des Konkurrenten mit Argusaugen verfolgt und nach einer Schwäche sucht. Nach einem unbedachten Moment, der sich von einem Fehltritt zu einem Versagen ausbauen lässt. Oder um zurückzuschlagen, wenn der Ruf des eigenen Kandidaten auf dem Spiel steht.

Bill Clinton erfand den "War Room" einst, Schmidt darf für sich in Anspruch nehmen, dass er ihn modernisierte. Er verstand als Erster, dass in Zeiten von Kabelnachrichtensendern und Internet der Tag um 23.59 Uhr endet, wenn die letzten Sendungen zu Ende gehen. Und um 0.01 Uhr beginnt, wenn Nachrichtenagenturen ihre Frühmeldungen rausschicken.

"Kaltblütig ins Negative gesteuert"

Schmidt war es, der dem demokratischen Präsidentschaftsbewerber John Kerry 2004 sein "Ich-stimmte-für-den-Krieg-bevor-ich dagegen-stimmte" um die Ohren schlug. Schmidt ist es nun, der Britney Spears und Paris Hilton ins Spiel bringt, Obama als "den größten Celebrity der Welt" brandmarkt - und in McCains Wahlwerbespots scheinheilig fragen lässt: "Aber kann er ihrer Familie helfen?" Er bläst Obamas Bemerkung, die Amerikaner sollten den Luftdruck ihrer Autoreifen regelmäßig kontrollieren, um Sprit zu sparen, zu dessen angeblich einziger "Energiepolitik" auf.

Er lässt McCain sagen: "Wir müssen nach Öl bohren, hier und jetzt." Vor allem aber glaubt er an die Macht der ständigen Wiederholung. Wenige Tage, nachdem Schmidt Anfang Juli das Ruder von McCains schlingernder Kampagne übernahm, begannen deren Botschafter, die Celebrity-Formel den Wählern auf allen Kanälen einzutrichtern. Wieder und wieder, bis heute.

Tad Devine, der Kerry 2004 beriet, sagt, Schmidt habe McCains Wahlkampf "kaltblütig" ins Negative gesteuert: "Das war eine strategische Entscheidung, weil sie erkannt haben, dass sie die Wahl nicht mit Sachthemen gewinnen. Ich denke, Karl Rove hat seine Hand im Spiel." Schmidt charakterisiert er als "extrem aggressiv und stur". Zudem hat er keine Probleme, Kunden wie die konservativen Richter Samuel Alito und John Roberts durch den Senat und in den Supreme Court zu bringen und am nächsten Tag für die Wiederwahl des kalifornischen Gouverneurs Arnold Schwarzenegger zu arbeiten, der liberalsten Ausgabe eines Republikaners, die man sich in den USA denken kann.

Eine Chance Kennedy zu dienen

Axelrod dagegen sieht sich als Idealist. In keinem Interview versäumt er zu erwähnen, dass er als Sohn einer linksliberalen Journalistin in New York einst als Fünfjähriger in den Bann John F. Kennedys fiel. Später, als Dreizehnjähriger, verteilte er für Robert Kennedy Wahlkampf-Buttons. Acht Jahre arbeitete er als politischer Journalist bei der "Chicago Tribune" bevor er die Seiten wechselte. Seitdem beriet er viele Lokalgrößen in der Stadt, deren politische Szene als hart und nicht immer sauber gilt. 2004 sekundierte er John Edwards als Kerrys potentiellem Vize, auch Hillary Clinton gehörte zu seinen Kunden. Während des Wahlkampfes 2008 wollte er eigentlich aussetzen, weil er sich befangen fühlte, doch in Obama sah er einen Wiedergänger Kennedys, gewissermaßen einen Weg, seinem alten Idol zu dienen.

Die beiden Männer kennen und schätzen sich gegenseitig schon eine ganze Weile, Axelrod hält Obama für ein politisches Jahrhundert-Talent. Die Wahlbotschaft vom Wechsel, Change, schneiderte er ihm auf den Körper. Wenn es um besonders elegante Passagen in wichtigen Reden geht, kann man sicher sein, dass Axelrod seine Finger im Spiel hatte. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner David Plouffe tüftelte er eine Strategie aus, der Hillary Clintons vermeintlich so erfahrenes Team auf den Leim ging. Als es begriff, welche Bedeutung die Wahlversammlungen, die in einigen Bundesstaaten die Abstimmung per Wahlzettel ersetzten, in dem engen Rennen bekommen würden, war es zu spät. Überhaupt leistete sich Axelrods Mannschaft unglaublich wenige Fehler. Es gab keine inneren Zwistigkeiten, die nach außen drangen, keine großen Fettnäpfchen, in die der Kandidat trat. Zumindest bislang.

Ein Idealist, der seine Kunden liebt

Die ärgste Gefahr für das Tandem Obama-Axelrod dürfte ihre Liebe zur großen Geste sein, womöglich zu pompös, um im konservativen Mittleren Westen anzukommen. Der Auftritt vor 200.000 in Berlin droht, sich als ein solcher Moment zu erweisen. Auch die Entscheidung, Obamas Auftritt auf dem Parteitag der Demokraten in ein 75.000 Menschen fassendes Stadion zu verlegen, könnte sich am Ende als falsch erweisen. Sein ehemaliger Kollege bei der "Chicago Tribune", George de Lama, sagt über Axelrod: "Zu seiner zentralen Stärke gehört, dass er ein wirklicher Idealist ist. Seine Kritiker sagen manchmal, er sei ein Träumer, einer, der sich in seine Kunden verliebt."

Das könnte Schmidt kaum passieren. Gefragt, warum er nach McCains überraschendem Vorwahlsieg in New Hampshire begann, die ersten Aufgaben für den damaligen Underdog zu übernehmen, antwortete er einst: "Alle begannen, ihre Sachen zu packen und auf einmal waren nur noch vier Leute mit McCain im Raum. Ich dachte, es sei unhöflich, jetzt auch zu gehen."