Wahl in den USA McCain und die Palinisten


Er hat verloren, und er hat in Ehren verloren. John McCains Auftritt nach seiner Niederlage war der beste seines Wahlkampfs. Doch er zeigte auch, wie sehr McCain das Gestern der Republikaner verkörpert - anders als seine Vizekandidatin, die ahnungslose Sarah Palin.
Von Giuseppe di Grazia, Phoenix

Schlafen ist ja eine Art Waffenstillstand mit sich selbst. Das Gezerre der Gedanken hört auf. Die Bilder des Tages flüchten aus dem Kopf. Leere. Innere Ruhe. Endlich. John McCain hat diesen Zustand in den vergangenen Monaten nur noch selten erreicht. Dieser epische Wahlkampf hat ihm die Nächte geraubt. Fast zwei Jahre lang ist er durchs Land gereist, allein in den letzten 48 Stunden vor der Stimmabgabe flog er durch neun Staaten, durch vier verschiedene Zeitzonen, all das, um das Unmögliche noch möglich zu machen. Er hat alles gegeben, er wusste, es ist seine letzte Chance, Präsident der USA zu werden. Der Mann ist 72 Jahre alt.

Und nun steht er auf einer Bühne im von Palmen umsäumten Garten des feinen Biltmore Hotels in Phoenix, hinter ihm der Camelback Mountain, das Wahrzeichen der Stadt, eine gigantische amerikanische Flagge flattert im Abendwind, hellblaue Laserstrahlen erhellen den Nachthimmel über Arizona. Vor McCain auf dem Rasen etwa 1000 Anhänger. Die Fernsehsender haben vor wenigen Minuten vermeldet: Barack Obama hat die Wahl gewonnen. "Meine Freunde, wir sind am Ende einer langen Reise angelangt", sagt McCain. "Soeben hatte ich die Ehre, Senator Barack Obama anzurufen, um ihm zu gratulieren." Als McCain den Namen seines demokratischen Gegners ausspricht, fängt das Publikum an zu buhen. Er bittet die Zuhörer, damit aufzuhören. McCain appelliert an alle Amerikaner, "notwendige Kompromisse einzugehen, um unsere Differenzen zu überbrücken". Amerika mache schwere Zeiten durch, sagt McCain, und: "Ich verpflichte mich heute Abend, alles in meiner Macht stehende zu tun, um Barack Obama dabei zu helfen, diese Herausforderungen zu meistern."

Er bietet Obama Unterstützung an

John McCain spricht etwa zehn Minuten von seiner Niederlage, er tut es würdevoll, versöhnlich, nur seine leicht brüchige, erschöpfte Stimme lässt seine Enttäuschung erahnen. Es ist ein stilvoller Abschied, den der Republikaner nach einer monatelangen Schmutzkampagne gegen Obama da hinlegt. Es ist beeindruckend, wie er dem Sieger Obama seine Unterstützung anbietet, mit ihm gemeinsam das Land aus der Krise zu führen. Wie er sich nun wirklich an das Motto seiner Kampagne hält: "Country first". Es ist vielleicht der beste Auftritt, den John McCain in seinem gesamten Wahlkampf da abliefert.

Als John McCain das Podium verlässt, eilen seine Fans davon, als müssten sie ihr Auto ganz schnell aus dem Halteverbot fahren. Sie rufen seinen Namen nicht in Sprechchören, sie feiern ihn nicht für seinen Einsatz, sie bleiben seltsam unberührt. Es ist ein trauriger Abgang, es ist ein trauriges Ende für John McCain. Es ist ein Ende, das John McCain nicht verdient hat.

McCain ist die Vergangenheit

An diesem Abend in Phoenix wird klar, was man schon in den letzten Wochen geahnt hat: John McCain ist die Vergangenheit der Republikaner, und in Amerika schaut man nicht gerne zurück, erst recht nicht auf Verlierer. Die Zukunft ist Sarah Palin, McCains Vizepräsidentschaftskandidatin, seine "Running Mate", die ahnungslose Gouverneurin aus Alaska. Die Karikatur einer Vize-Präsidentin. Die Frau, die Abtreibungsgegner, Wiedergeborene Christen, Kreationisten begeistert, die die republikanischen Stammwähler mobilisiert. Als John McCain sich bei ihr bedankt, kommt an diesem Abend im Biltmore Hotel zum ersten Mal Stimmung auf. Sarah Palin wird mehr bejubelt als McCain.

Es war Steve Schmidt, der Sarah Palin auf die nationale Bühne brachte. Der 38-jährige Chefstratege von McCain steht mit einer Flasche Budweiser in der Hand und der Sonnenbrille auf dem kahlrasierten Schädel im Garten des Biltmore Hotels. Er verteidigt seine Entscheidung. Er schlug die junge Gouverneurin Alaskas als Kandidatin für das Amt des Vize-Präsidenten vor, weil er sich von ihr erhoffte, die unentschiedenen Wähler und die Frauen für McCain zu gewinnen. Das klappte jedoch nicht. Trotzdem glaubt Schmidt weiterhin, dass Palin die richtige Wahl war. "Sie hat unsere Basis euphorisiert und mobilisiert", sagt der Leiter von McCains Wahlkampfteam stern.de. "Sie wird ihren Weg machen."

Finanzkrise schuld an Niederlage

Für die Niederlage McCains macht Schmidt vor allem die Finanzkrise verantwortlich. "Bis Mitte September sah es für uns gut aus, aber mit dem Kollaps der Finanzmärkte begann unser Abstieg", sagt er.

Joe Lieberman ist Senator von Connecticut, er war im Jahr 2004 noch Vize des demokratischen Präsidentschaftskandidaten John Kerry. Er verließ danach die demokratische Partei, er ist heute ein Unabhängiger, aber vor allem ist er ein sehr guter Freund von John McCain. Lange Zeit wurde er als McCains Vize gehandelt. Auch für ihn ist die Wirtschaftskrise die Ursache für McCains Wahldesaster. "Bis zum Zusammenbruch der Finanzmärkte und dem von Lehman Brothers haben wir einen guten Wahlkampf gemacht, bis dahin lagen wir vorne", sagt Lieberman, während er sich im Biltmore einen Weg durch die Menge bahnt. Und später wird auch Mark Salter, der Redenschreiber von McCain, alles auf die Wirtschaftskrise schieben: "Kein Republikaner hätte angesichts dieser Situation die Wahl gewinnen können."

Aufruf nach Versöhnung verhallt

Wer an diesem Abend durch das Biltmore Hotel schlendert und sich mit den republikanischen Stammwählern unterhält, dem wird schnell klar, dass sie McCains Aufruf nach Versöhnung und Zusammenarbeit nicht annehmen werden. Für viele Republikaner bleibt Barack Obama ein Gegner, ein Sozialist, ein Moslem, ein Terroristenfreund. Ein Präsident, dem sie nicht vertrauen.

Das Ehepaar Ramirez aus Phoenix sitzt mit der kleinen Tochter Maria auf der Terrasse des Biltmore. Sie können es immer noch nicht glauben, schütteln dauernd den Kopf. Raul Ramirez sagt: "John McCain hat diesen Wahlkampf verloren, weil die Amerikaner immer noch nicht die Wahrheit über Barack Obama wissen - er ist kein wahrer Amerikaner, und er muss nun beweisen, dass er ein wirklicher Amerikaner ist." Was sie mit diesen Unterstellungen meinen, die die McCain-Kampagne ihnen monatelang einhämmerte, können die Ramirez nicht erklären. Wie viele andere hier sprechen sie von manipulierten Wahllisten. Es sind seltsame Unterstellungen, haltlose Vorwürfe und zum Teil auch abstruse Behauptungen, die man an diesem Abend von den Republikanern hört. Frau Ramirez sagt zum Beispiel: "Es werden seine Feinde von ihm profitieren und nicht wir Amerikaner. Warum verhalten sich denn unsere Feinde so ruhig? Weil ihnen ein Präsident Obama tausendmal lieber ist als ein Präsident McCain."

"Das Amt des Präsidenten ist käuflich"

Auch für Mark Lazare ging in diesem Wahlkampf nichts mit rechten Dingen zu. Für Obamas Sieg macht der Unternehmer aus Phoenix die Obama-hörigen Medien und ausländische Geldgeber verantwortlich. Obama habe doppelt so viel Geld zur Verfügung gehabt wie McCain. Lazare trägt ein Stars-and-Stripes-Hemd, nuckelt eine dicke Zigarre und sagt: "Mir ist klar geworden, dass das Amt des Präsidenten käuflich ist."

Lindsay Graham, Senator von South Carolina und McCains engster Freund, nimmt Abstand von den Verschwörungstheorien. "Am Ende hat das amerikanische Volk die Botschaft von McCain nicht angenommen", sagt er stern.de. "McCain ist der Mann, der mit seiner Erfahrung das Land in dieser schwierigen Situation hätte führen müssen, nicht Barack Obama - wir werden sehen, was daraus wird."

Der Ehrenmann, der Unbeugsame, der Überparteiliche

Doch McCain setzte in diesem Wahlkampf seit Monaten nicht mehr auf seine Erfahrung, sondern auf eine Schmutzkampagne, eine, die Obama attackierte, anstatt seine eigenen Stärken zu betonen. John McCain hat sich im Laufe dieses langen Wahlkampfes selbst aufgegeben, den wahren John McCain, oder den John McCain, den er stets vorgab zu sein: den Ehrenmann, den Unbeugsamen, den Überparteilichen, den John McCain, der sich im Jahr 2000 schon mal um das Amt des Präsidenten bewarb und dabei die Sympathien der Medien und der Menschen gewann. McCain hat acht Jahre später nicht nur mehrmals sein Kampagnen-Team ausgewechselt, er hat auch seine Strategien geändert und geändert und wieder geändert und sich dabei verloren. Er hat zu viel auf andere gehört.

Die viel größere Gefahr für Obama wäre gewesen, gegen den McCain von 2000 anzutreten. Gegen den wahren Unabhängigen, den wahren Maverick. Gegen den wahren John McCain.

Es könnte gut sein, dass wenn John McCain in den nächsten Monaten darüber nachdenkt, weitere schlaflose Nächte haben wird.

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