US-Vorwahlen Huckabee zündelt am Präriefeuer


Vor wenigen Monaten hätte niemand einen Dollar auf ihn gewettet, nun geht er aus der ersten Vorwahl als Sieger hervor: Mike Huckabee, Baptist und ziemlich konservativ. Er will aus den Amerikanern wieder ein stolzes Volk machen und hofft, ein "Präriefeuer der Hoffnung zu entfachen".
Von Giuseppe di Grazia, Des Moines

Die Nacht des Siegers beginnt mit einem Gebet. Sechs Frauen und zwei Männer bilden in einem Bankettsaal des Embassy Suites Hotels in Des Moines einen Kreis und geben sich die Hände. Sie schließen die Augen, und eine der jungen Frauen bittet zuerst Jesus, dann Gott um Hilfe für den Mann, an den sie hier auf Erden in Iowa glauben. Sie erfleht Kraft für den Mann, der das Land so führen wird, wie Gott es führen würde. Sie bittet um Beistand für den Mann, der im Land Gottes wieder Gottes wahre Werte predigen wird. Sie bittet um den Sieg für diesen Mann, der der nächste Präsident der USA werden soll. Der Mann heißt Mike Huckabee, und wie die acht evangelikalen Christen später zugeben, kannten sie diesen Mann bis vor einem halben Jahr noch nicht mal. Jetzt sehen sie in ihm den Retter für ihr krankes Land. Und sie sind nicht allein.

Der Sieger dieser Nacht kommt zwei Stunden nach dem Gebet seiner Anhänger in den Saal. Es wird Marschmusik gespielt. Etwa 300 Leute jubeln ihm zu. Farmer, Mechaniker, Lehrer, junge Eltern tragen ihr Baby auf den Armen. Die kleine Gebetsgruppe darf ihn auf die Bühne begleiten. Auch Chuck Norris ist da, der Action-Star, der Huckabee im Wahlkampf unterstützt hat. Huckabee weiß schon seit gut einer Stunde, dass er es geschafft hat: Er hat die Vorwahlen der Republikaner in Iowa gewonnen. Das ist an diesem Abend nicht mehr die Überraschung.

Den ärgsten Konkurrenten abgehängt

Die größere Überraschung ist, dass er seinen ärgsten Konkurrenten Mitt Romney weit hinter sich gelassen hat. 34 zu 25 Prozent. Romney gab 15-mal so viel Geld aus wie Huckabee, er hatte die beste Walkampfmaschine, Huckabees Bustouren übers Land wurden von seiner 25 Jahre alten Tochter Sarah organisiert. Geld und Organisation haben gegen Glauben und Leidenschaft verloren. Huckabee hatte in den letzten Wochen den Menschen in Iowa immer wieder gesagt: "Eure Stimme ist nicht käuflich. Ich weiß das." Jetzt, oben auf der Bühne mit dem Riesenplakat "I like Mike" im Rücken, sagt er: "Ich hoffe, wir werden heute Abend für immer die Art und Weise verändern, wie Amerikaner ihr politisches System sehen und wie wir Präsidenten wählen. Menschen sind wirklich wichtiger als der Geldbeutel."

Mike Huckabee lag im Mai vergangenen Jahres ganz weit hinten. Er hatte noch nicht mal die Aussicht auf vier Prozent der Stimmen. Er war Baptistenprediger gewesen, danach, immerhin, zehn Jahre ein ordentlicher Governeur in Arkansas. Er war ein Provinzler in diesem Rennen der großen Männer wie New Yorks ehemaliger Bürgermeister Rudy Giuliani. Er ist in den letzten Monaten durch Iowa gereist, dieses kleine Agrarland, das so wichtig ist, weil es als erstes entscheiden darf. Er hat viele kleine Orte aufgesucht, die so schöne indianische Namen haben wie Indianola, Osceola, Ottumwa oder Maquoketa. Er hat dort nichts anderes getan, als auf die Bühne zu steigen, mit Bands auf der Bassgitarre Songs der Rolling Stones oder von Bruce Springsteen zu spielen und danach zu den Leuten zu sprechen.

Er will alle wieder stolzer machen

Er hat den Farmern, Mechanikern, Lehrern und jungen Eltern erzählt, dass er Iowa und das ganze Land wieder stolzer machen will auf Amerika. Dass er den Amerikanern den American Dream wieder ermöglichen will. Dass ihm die Familie heilig ist. Dass er das Land ein Stück weiter vor den Millionen von illegalen Einwanderern verschließen will. Dass es der nächsten Generation besser gehen muss als dieser. Manchmal hat er auch Unsinn zu außenpolitischen Dingen erzählt, aber das hat ihm hier keiner übel genommen.

Er hat Anekdoten aus seinem Leben erzählt, wie er 50 Kilo abnahm und nun Marathon läuft. Wie er als Sohn armer Eltern aufwuchs. Er hat von seiner ersten Gitarre erzählt, die er mit elf von seinen Eltern bekam und die 99 Dollar ein ganzes Jahr lang abbezahlen mussten. Und am Ende hat er den Leuten immer wieder gesagt: "Ich schaue euch in die Augen, und ich werde euch immer die Wahrheit sagen. Denn Amerika braucht einen Präsidenten, der die Wahrheit sagt. Und ich bin aufrichtig. Glaubt mir das." Und die Menschen in Iowa glauben ihm, dem Mann, der an die Irrtumsfreiheit der Bibel glaubt.

Die religiösen Rechten bei den Republikanern

In Iowa machten dieses Mal etwa 40 Prozent der religiösen Rechten die republikanischen Wähler aus. Das sind doppelt so viele wie beim letzten Caucus. In den Umfragen sagen die Leute, die ihn wählen wollten, es sei nicht der Religion wegen, sondern weil er die Werte verkörpere, die ihnen wichtig wären. Was bei vielen von Huckabees Anhängern vermutlich dasselbe ist.

Mike Huckabees Geschichte ist eine der außergewöhnlichten Erfolgsgeschichten des amerikanischen Wahlkampfes. Und natürlich liebt Amerika solche Geschichten. Aber wird Amerika Mike Huckabee auch noch lieben, wenn es mehr weiß über ihn? Wenn das ganze Amerika weiß, dass er strikt gegen Abtreibung ist, dass er die Bibel für glaubwürdiger hält als Darwins Lehren, dass Männer nur mit Frauen glücklich werden können und Frauen nur mit Männer? Wird er die Dotcom-Jungs in Kalifornien mit seinen rührseligen Geschichten und seinem schlagfertigen Charme genauso zur Wahl treiben wie die Farmer in Iowa? Werden die Männer von der Wall Street ihm mit seinem Plädoyer für die kleinen und mittleren Betriebe genauso vertrauen wie die Handwerker in Iowa?

Auswärtsspiel in New Hampshire

Am nächsten Dienstag wird in New Hampshire gewählt. Dort lag Huckabee bis zur Wahl in Iowa abgeschlagen an vierter Stelle. New Hampshire ist ein Staat, in dem die religiösen Rechten nicht eine solche Rolle spielen wie in Iowa. New Hampshire ist für den selbst ernannten Führer der Christen ein Auswärtsspiel. Huckabee glaubt trotzdem, dass er auch andere Wählerschichten für sich begeistern kann und glaubt, dass das, was in Iowa geschah, "ein Präriefeuer der Hoffnung entfachen wird". Huckabee macht eine Pause. Er spricht dann weiter, und mit jedem Wort spricht er immer schneller, und mit jedem Wort jubeln seine Anhänger immer lauter: "Es startet hier in Iowa, aber es endet hier nicht, sondern nimmt seinen Weg durch alle anderen Bundesstaaten und endet in 1600 Pennsylvania Avenue" - das ist die Adresse des Weißen Hauses. Noch in der Nacht macht sich Mike Huckabee auf zur nächsten Partie - dem Auswärtsspiel in New Hampshire.


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