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Romney vs. Santorum Müde Witze und Gottes Schubkraft


Mitt Romney, der Favorit der Republikaner für das Präsidentenamt, hat die erste Vorwahl gewonnnen. Mit einem Denkzettel: Viele fürchten seine Langeweile. Ein anderer punktete mit Gottes Segen.
Von Giuseppe Di Grazia und Martin Knobbe, Des Moines

Nein, ein Kandidat der Herzen ist er nicht, dieser Mitt Romney. Wie er da auf der Bühne steht, das Gesicht zu einem Zahnpastalächeln verzerrt, die Bewegungen wie einstudiert, die Witze ohnehin. "Und hier ist unsere Jüngste", ruft Mitt Romney, nachdem er gerade vier seiner fünf Söhne vorgestellt hat. "Ich habe sie vor 48 Jahren in der Schule kennen gelernt." Er holt seine Frau Ann auf die Bühne. "Nein, nein, nur ein Witz", schiebt er dem höflichen Applaus hinterher, als könnte ihn tatsächlich jemand nicht verstanden haben, diesen Witz. Mitt Romney hat ihn heute schon vier Mal gemacht.

Er ist keiner, der mitreißt. Keiner, der seine Anhänger zum ausgelassenen Jubeln bringt. Oder zum beherzten Lachen. Oder gar zu Tränen rührt, wie Barack Obama vor vier Jahren. Mitt Romney, einst Gouverneur von Massachusetts, gilt als solide, lösungsorientiert und auch ein bisschen langweilig. Er ist kein Visionär, sondern, einer der anpackt. Eigenschaften, wonach sich die verunsicherten Konservativen im Obama-Land offenbar sehnen: Mitt Romney ist der Mann, von dem die Republikaner glauben, er könne Barack Obama schlagen. In Iowa hat er am frühen Morgen mit 25 Prozent die republikanischen Vorwahlen gewonnen. Hauchdünn allerdings, mit nur acht Stimmen Vorsprung. Einzigartig, in der Geschichte des "Caucus" von Iowa. Die Auszählung dauerte bis 1.36 Uhr am Morgen.

Santorum fühlt sich schon seit Tagen auf der Überholspur

Der wahre Sieger ist ein anderer: Rick Santorum, der ehemalige Senator aus Pennsylvania. Einer, den vor ein paar Wochen noch kaum einer kannte. Einer, der nun dem Favoriten Romney in den Vorwahlen richtig gefährlich werden könnte. Einer, dem es gelungen ist, die Herzen der republikanischen Wähler zu gewinnen und nicht nur ihre Köpfe.

Als Rick Santorum das Podium im Ballroom des Hotels Stoney Creek betritt, lassen seine Wahlkampfmanager dazu einen Triumphmarsch spielen. Für sie ist er natürlich der Gewinner des Abends, für seine Anhänger im Saal sowieso, und Rick Santorums Gesicht strahlt heller als jede Lampe im Raum. Er fühlte sich schon seit Tagen auf der Überholspur, er glaubte wirklich an den Sieg, und als er nun da so strahlt, steht das Endergebnis zwar noch gar nicht fest, aber Santorum weiß, dass er die Überraschung des Abends ist. Und wer überrascht, der hat schon allein dafür Aufmerksamkeit und Anerkennung gewonnen. "Sie sagten, ich könne nicht gewinnen, aber nun...", lässt ein maliziös lächelnder Santorum den Satz unter dem Jubel seiner Anhänger unvollendet.

Der bibelfeste Rick ist der Anti-Mitt-Romney

Vor Wochen noch lag er weit hinten im Feld der Kandidaten, seine Umfragewerte dümpelten bei unter zehn Prozent, aber dann holte er von Tag zu Tag auf. Nachdem Michele Bachmann, Rick Perry, Herman Cain und zuletzt auch Newt Gingrich als Sternschnuppen der Tea-Party-Bewegung jäh verglühten, gaben die Republikaner in ihrer verzweifelten Suche nach einem Anti-Mitt-Romney am Ende dem Mann aus Pennsylvania ihre Stimmen.

Rick Santorum steht mit seiner klaren Ablehnung des Rechts auf Abtreibung für die christlichen Konservativen in der Partei. Er stellte sich während seines Wahlkampfes immer wieder als der "wahre Konservative" vor, um sich von Mitt Romney besser abzugrenzen. Diesen sehen viele Republikaner nur als einen gemäßigten Rechten, manche nennen ihn sogar liberal.

Auf dem Podium von Stoney Creek bedankt sich Santorum zuerst bei seiner Frau, dann bei Gott. Von dem habe er jeden Tag die Zustimmung und Aufmunterung erhalten, trotz mieser Umfrageergebnisse immer weiter zu machen. "Es war nicht leicht, jeden Morgen aufzustehen und raus zu gehen, zur nächsten Bürgerversammlung, in den nächsten Bezirk, aber ich hatte Gottes Gnade", sagt Sartorum.

Das Glück findet ein Mann nur bei einer Frau

Der Sohn italienischer Immigranten profitierte bei seinem Endspurt auch von den Evangelikalen-Wählern in Iowa, die etwa 40 Prozent unter den Republikanern in diesem Agrarstaat ausmachen. Vor vier Jahren verhalfen diese dem Baptisten-Prediger Mike Huckabee zum Sieg in Iowa, nun unterstützten sie mehrheitlich Santorum. Der hält wie Huckabee die Bibel für glaubwürdiger als Darwins Lehren, glaubt, dass Männer nur mit Frauen glücklich werden können und Frauen nur mit Männer. Santorum redet immer voller Ehrfurcht von Gott. Dieser habe ihm auch geholfen, seinen bisher schwersten Schicksalsschlag zu verarbeiten: Den Tod des vierten Kindes, das seine Frau Karen geboren hatte. Der kleine Junge starb nach zwei Tagen.

Lesen Sie auf der zweiten Seite: Santorum absolvierte 381 Bürgerversammlungen in zehn Tagen. Er sei eben ein harter Bursche, sagt sein Manager

Der Opa schuftete bis 72 in den Kohleminen

Santorum erzählt bei Auftritten auch immer wieder eine andere Geschichte: Wie sein Großvater aus Italien nach Amerika kam, weil er das Leben unter Mussolini nicht mehr ausgehalten hatte. Wie er in den Kohleminen schuftete, bis er 72 Jahre alt war. Wie der Großvater schließlich starb, und er als kleiner Junge vor dem Sarg kniete und ehrfürchtig den Rosenkranz in den alten Händen des Opas betrachtete. Solche Geschichten mögen die Wähler. Rick Santorum erzählt sie mit warmer und weicher Stimme. Eine Fähigkeit, die Mitt Romney gänzlich fehlt.

Santorum verdankt seine Aufholjagd auch seinem enormen Fleiß und einem traditionellen Wahlkampf. Er machte in Iowa das, was man in einem Agrarland machen muss: Er stellte den direkten Kontakt zwischen sich und den Wählern her. Am Ende hatte sich der Marathon gelohnt, die Fahrt durch Iowas 99 Bezirke in zehn Tagen, die 381 Bürgerversammlungen, die Treffen in 36 Pizza-Ranches, die vielen Hände, Autogrammkarten und Klingelknöpfe, die er drückte.

Goldman Sachs unterstützt Romney

Zum Schluss fehlten nur acht Stimmen zum Sieg. Die drei Millionen Einwohner des nördlichen US-Bundesstaates sind traditionell die ersten, die für ihre Parteien über den Präsidentschaftskandidaten abstimmen. Bei den Demokraten entfällt in diesem Jahr der aufwändige Findungsprozess. Sie haben ja schon einen Kandidaten: Präsident Barack Obama. Bei den Republikanern kämpfen sechs Männer und eine Frau darum in den nächsten Monaten, Obamas Herausforderer zu werden. Mitt Romney wurden zuletzt die besten Chancen zugeschrieben. Was vor allem auch daran liegt, dass er die größten Sponsoren für seinen Wahlkampf hat, unter anderem die Wall Street-Größe Goldman Sachs.

Romneys Gegner fürchten dessen Geld und perfekte Wahlkampforganisation. Am Abend wurde der Wahlkampfmanager von Rick Santorum gefragt, ob auch er Angst habe. Michael Biundo sagte: "Rick ist ein harter Junge, der wird das schon aushalten. Und die Gegenseite wird uns nun endlich erst nehmen müssen." Um 23.40 Uhr, noch vor dem endgültigen Endergebnis, trat Mitt Romney in Des Moines vor seine Anhänger. Seine Frau begrüßte in als "künftigen Präsidenten" und der Kandidat versuchte sich wieder an einem Witz über Obamas "erste und - übrigens - letzte Amtszeit". Er hat diesen Witz schon die letzten Tage angebracht. Und auch seine Dankesrede gleicht jenen der letzten Auftritte fast aufs Wort. Seine Anhänger johlen brav. Leidenschaft sieht anders aus.


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