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US-Präsidentschaftswahl 2012 Obama, der Außenseiter


Am Dienstag beginnen die Vorwahlen in den USA. Der Präsident muss auf die Schwäche der republikanischen Kandidaten hoffen. Es ist seine einzige Chance.
Von Florian Güßgen

Silvester haben die Obamas auf Hawaii verbracht, in der Sonne. Die Sicherheitsleute, die Journalisten, Zigmillionen Zuschauer waren zwar auf Schritt und Tritt dabei, auch hier. Aber einerlei. 2012 wird ohnehin kein Jahr, in dem der Präsident sich zurückziehen kann. Im November stellt er sich zur Wiederwahl. Und auch wenn der Herausforderer noch lange nicht feststeht, so ist eines vor dem Start der republikanischen Kandidatenkür am Dienstag in Iowa sicher: Obama, der Ex-Messias, wird es unendlich schwer haben, das Weiße Haus zu verteidigen. Da können ein paar sommerlich-entspannte, halbprivate Fotos aus dem Urlaub nicht schaden. Im Gegenteil.

Einmal Messias und zurück. Hoch, höher, noch höher - und dann mit Karacho runter: Obamas Image hat in den vergangenen vier Jahren eine Achterbahnfahrt hingelegt. 2008, im historischen parteiinternen Duell der Demokraten gegen Hillary Clinton, erschien er noch wie ein Lichtschwert in jener bleiernen Finsternis, die George W. Bush über das Land gebracht hatte. Der Senator aus Illinois verhieß ein wiedervereintes Land, auch die Wahl eines Schwarzen würde Beleg des Aufbruchs sein. Obama war Hoffnungsträger, Ikone, des liberalen Amerika, aber auch der internetaffinen Jugend. "Yes, we can." Was für ein Slogan! Kennedy schien auferstanden, in einer schwarzen Variante. Kein Bild steht so sehr für die damalige Stimmung wie das mittlerweile kopierte, stilisierte Obama-Poster "Hoffnung" von Shepard Fairey.

Ein vergilbtes Image mit Eselsohren

Die Zeiten sind lange vorbei. Das weiß auch Obama. "Das Hoffnungsplakat ist ein wenig vergilbt und hat ein paar Eselsohren bekommen," sagte der 44. US-Präsident laut "New York Times" neulich in San Francisco. Und Recht hat er. Kaum hatte der frisch vereidigte Obama mit Frau Michelle und den Töchter Malia und Sasha im Januar 2009 das Weiße Haus bezogen, begann der Absturz aus jenen Höhen, in die wir Medien Obama geschrieben hatten. Seine großspurig versprochene Gesundheitsreform hexelte die Opposition klein, angestachelt von der immer stärker auftretenden Tea-Party-Bewegung. Jede Wiedervereinigungs- und Gemeinsamkeitsrhetorik verkam zur bedeutungslosen Farce. Bis heute agitiert die Rechte, die so genannten "Birthers" - mit dem abstrusen Gerücht, Obama sei nicht einmal legal Präsident, weil er - anders als er behaupte - nicht in Hawaii geboren worden sei, sondern im Ausland. Seine liberalen Fans vergrätzte Obama mit seiner Vorsicht gegenüber dem Großen Geld, gegenüber der Wall Street, vor allem aber dadurch, dass es ihm nicht gelang, das völkerrechtswidrige Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba wie er es im Wahlkampf versprochen hatte zu schließen.

Vielen erschien Obama zudem zu volksfern, zu professoral. Er blieb vielen Bürgern fremd, vor allem, weil er lange nicht zu verstehen schien, was den Amerikanern in diesen wirtschaftlich lausigen Zeiten am Wichtigsten war: Jobs. Jobs. Jobs. Wen interessiert schon die Verleihung des Friedensnobelpreises an den eigenen Präsidenten, wenn zu Hause eine Arbeitslosenquote nah an den zehn Prozent gemeldet wird, wenn wieder mal eine Staatspleite droht, weil sich Demokraten und Republikaner partout nicht auf einen Sparhaushalt einigen können oder wenn eine Ratingagentur der Nation ihre Triple-A-Bonität entzieht? Obama wurde der Präsident, in dessen Amtszeit Amerika herabgestuft wurde, während am Horizont jenseits des Pazifiks Chinas Stern stärker zu strahlen begann denn je. Mehr als zuvor merkten die Amerikaner, dass China, geostrategisch und ideologisch der Klassenfeind, der größte Gläubiger der auf Pump über ihre Verhältnisse lebenden USA war.

Bei den Kongresswahlen im November 2010 erhielten die US-Demokraten für Obamas Bilanz schon eine erste mächtige Ohrfeige. Sie verloren die Mehrheit im Abgeordnetenhaus, konnten nur noch auf eine Mehrheit im Senat bauen. Die Zustimmungswerte des Präsidenten selbst rauschten in für Obama unvorstellbare Tiefen. Im Oktober 2011 lagen sie laut "Gallup" zeitweise bei nur 38 Prozent, 54 Prozent der Befragten sagte die Art und Weise, wie der Präsident seinen Job erledigte, nicht zu. Ein Desaster. Obama schien beste Chancen zu haben, als "One-Termer", als Präsident mit nur einer Amtszeit in die Geschichte einzugehen. Wie der ungeliebte Vietnamkrieger Lyndon B. Johnson, der gleich auf den zweiten Versuch verzichtete, wie Jimmy Carter, der Ronald Reagan unterlag, wie George H., der ältere Bush, der nach einer Amtszeit von Bill Clinton besiegt wurde. 38 Prozent? Bye, bye Barack also?

Wie stehen seine Chancen?

Nein, noch ist nichts gewiss. Und schon gar nicht der Ausgang der Präsidentschaftswahl am ersten Dienstag im November 2012. Allein die Tatsache, dass Obama aus luftigen Höhen ins tiefste Tal fiel, schreit gerade danach, dass er sich als Außenseiter wieder erhebt, wieder zurückkehrt, wieder einen Sieg erringt. Zeit für so ein Wunder ist mehr als genug. Jene zehn Monate bis zur Wahl dauern in der politischen Zeitrechnung so lange wie drei Ewigkeiten. Alles kann passieren. Und genau deshalb verwenden US-Polit-Auguren ebenso wie eine Armada an Parteistrategen derzeit alle Energie darauf, die Faktoren herauszuarbeiten, die für Obamas Wiederwahl wichtig sein könnten - und daraus eine Wahrscheinlichkeit zu destillieren. Wie wahrscheinlich ist es also, dass der 50-Jährige es noch einmal packt?

Nun, schwierig zu sagen. Obama, da sind sich alle sicher, wird zwar im Laufe des Jahres noch einmal punkten können. Er wird seine unbestreitbaren außenpolitischen Erfolge ins rechte Licht rücken, auch wenn seine außenpolitische Bilanz eher gemischt ist - die Kairoer Rede an die Muslime vom Juni 2009, den Sturz Muammar al Gaddafis, den Rückzug der US-Soldaten aus dem Irak und natürlich und vor allem die Tötung Osama bin Ladens, dem Staatsfeind Nummer eins Anfang Mai des vergangenen Jahres. Operation "Geronimo" ist für Obamas Wahlkampf ein Trumpf. Und der Präsident wird seine Botschaften mit Hilfe einer prall gefüllten Wahlkampfkasse - bis Ende September hatte er bereits über 150 Millionen Dollar an Wahlkampfspenden gesammelt - und einer straffen landesweiten Organisation tun, die vom Mastermind der Wahl 2008, David Axelrod von Chicago aus dirigiert wird.

Aber dennoch, da sind sich alle Polit-Astrologen einig, wird Obamas Wiederwahl am Ende an zwei Faktoren hängen: dem Wachstum der US-Wirtschaft und dem Namen seines republikanischen Herausforderers. Wächst die US-Wirtschaft 2012 noch beträchtlich geringer als 2011 oder schrumpft das Bruttoinlandsprodukt gar, erleben die USA nach 2009 gar eine zweite Rezession, eine "Double-Dip"-Rezession, sieht es finster aus für den Amtsinhaber. Stellen die Republikaner dazu mit dem Ex-Gouverneur aus Massachusetts, Mitt Romney, dann noch einen zwar glatten, aber moderaten und für viele Mittelklassen-Wähler akzeptablen Herausforderer auf, dürfte der im Januar 2013 wohl ins Weiße Haus einziehen. Wächst die Wirtschaft jedoch stärker oder entsteht zumindest eine Dynamik, die das Gefühl entstehen lässt, dass eine bessere wirtschaftliche Zukunft unmittelbar bevorsteht, steigen Obamas Chancen. Stellen die Republikaner dazu einen radikaleren Kandidaten auf, etwa den Texaner Rick Perry - im schwachen Bewerberfeld der Partei einer der Lieblinge der Rechten - käme das dem Amtsinhaber zusätzlich zupass. Er könnte sich als Kandidat der Mitte profilieren - gegenüber einem vermeintlichen Extremisten. Schon jetzt müht sich Obama nach Kräften, sich nicht mehr als wolkiger Messias zu präsentieren, sondern als Retter der bedrohten Mittelschicht, als einer, der den Staat, wie so viele Republikaner, keineswegs entmannen will, sondern einer, der die vernünftig-helfende Kompetenz des Staates betont.

Verbesserte Umfragewerte

Ob es Obama tatsächlich gelingt, das Weiße Haus in der Außenseiterrolle zu verteidigen, ist wie gesagt völlig offen. Dass es für ihn tatsächlich wieder aufwärts gehen könnte, haben jedoch allein die vergangenen beiden Wochen gezeigt. In mehreren Umfragen konnte er wieder zulegen. Bei "Gallup" erreichte er immerhin eine Zustimmungsrate von 43 Prozent, ein Erfolg, auch wenn 48 Prozent seine Arbeit weiter ablehnen. Immerhin, der "Todeszone" der Dreißigerwerte ist er vorerst entronnen. Und offenbar gelingt es Obama auch immer besser, den Schwarzen Peter den Republikanern im Kongress zuzuschieben, sie für die Lähmung der US-Politik verantwortlich zu machen. Die Republikaner blockierten bis zur letzten Minute einen Vorschlag des Präsidenten, Regelungen für Steuererleichterungen zu verlängern.

Obama erscheint dagegen derzeit als derjenige Politiker, der lebensnäher und pragmatischer ist als seine Kontrahenten. Dazu passt, dass das Obama-Camp, wie verschiedene Medien berichten, es schon lange darauf anlegt, den anstehenden Wahlkampf mit massiven Angriffen auf die Republikaner zu führen. Obama soll nicht als Hoffnungsträger verkauft werden, sondern als vernünftigste Lösung angesichts durchgeknallter, verbohrter Republikaner. Die einzige Chance des Ex-Messias ist es, so scheint es, im politischen Nahkampf Pragmatismus unter Beweis zu stellen. Und wer würde es angesichts dieser wenig erbaulichen Aussichten Obama verdenken, dass er sich vor Beginn des Entscheidungsjahres 2012 noch ein paar Tage Sonne auf Hawaii gegönnt hat? Jetzt geht es zurück nach Washington. In den Ring. Es wird ein anstrengendes Jahr für Obama.

Korrektur: In einer früheren Fassung des Textes hieß es, die Amerikaner würden ihren Präsidenten traditionell am zweiten Dienstag im November wählen. Das war falsch. Es ist der Dienstag nach dem ersten Montag im November. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen. Ihre Redaktion.


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