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US-Präsidentschaftswahl 2012 Newt Gingrich - ein Haudrauf gegen Obama


Bald beginnen die Vorwahlen in den USA. Gute Aussichten, Herausforderer von Präsident Barack Obama zu werden, hat ein alter Bekannter: Newt Gingrich. Porträt eines Grobschrötigen.
Von Nora Schmitt-Sausen

Er gilt als ein Favorit der Republikaner, gar als möglicher neuer Präsident der USA. In der jüngsten Umfrage von "Washington Post" und ABC vom Dienstag liegt Kandidat Newt Gingrich gleichauf mit Mitt Romney. Es deutet sich ein Kopf-an-Kopfrennen an. Kein Wunder, dass die Einschläge langsam näher kommen.

Einen Vorgeschmack auf die kommenden Wochen bekam der Präsidentschaftskandidat in Sioux City/Iowa. Gingrichs schärfste Rivalen Ron Paul und Romney bemängelten bei einer Debatte seine zu große Nähe zu dem in finanziellen Schwierigkeiten steckenden Hypothekenfinanzierer Freddie Mac. Die Vertreterin der rechtskonservativen Tea-Party-Bewegung Michele Bachmann warf ihm gar vor, als Lobbyist des Unternehmens zu arbeiten. Gingrich wies die Vorwürfe als lächerlich und unwahr zurück - aber eines ist klar: Die Konkurrenten haben ihr Hauptthema gefunden. Rechtzeitig zu den Vorwahlen, die am 3. Januar in Iowa starten.

In den Wochen zuvor wirkte Newt Gingrich meist tiefenentspannt. Relaxte Körperhaltung, besonnene Gesten, ruhige Stimme. So lernte ihn das Wahlvolk schätzen. Kein Wunder, dass Gingrich in den Umfragen vorne liegt. Punkten konnte der Konservative unter anderem beim vorweihnachtlichen Plauderstündchen mit Fox-News-Moderator Sean Hannity. Gingrich zeigte sich hellwach: Er beantwortete die Fragen des Moderators souverän, gab sich besonnen und geerdet ("Ich muss mich disziplinieren und mein Temperament im Griff haben."). Kommt das Gespräch aber auf Präsident Barack Obama, fällt der 68-Jährige mit dem schneeweißen Haar schon mal aus der Rolle des freundlichen Onkels. "Obama ist ein Radikaler", sagt Gingrich. Der Präsident sei "inkompetent und naiv".

Gemäßigten Amerikanern sträuben sich bei solchen Sätzen die Nackenhaare. Doch für viele Konservative klingen Gingrichs Worte wie Musik in den Ohren. Sie können mit seiner Scharfzüngigkeit weit mehr anfangen als mit dem glatt gegelten Romney. Ob Gingrich realistische Chancen hat, im Kampf um das Weiße Haus eine bedeutende Rolle zu spielen, wird davon abhängen, welches Gesicht er in den kommenden Wochen zeigt.

Palästinenser ein "erfundenes Volk"

Zeitweise war es zuletzt das des weltpolitischen Brandstifters. Im Bemühen um die Unterstützung der jüdischen Bevölkerung für seine Kampagne hatte Gingrich schlicht die Existenz der Palästinenser geleugnet. "Erinnern Sie sich, es hat nie einen Staat Palästina gegeben", sagte der stramm rechte Repuplikaner in einem Interview des Fernsehsenders Jewish Channel. "Ich glaube, dass wir ein erfundenes palästinensisches Volk haben, die faktisch Araber sind und historisch ein Teil der arabischen Gemeinschaft." Und sie hätten die Möglichkeit gehabt, in viele Gebiete zu gehen. Äußerungen, die bei einem Duell mit Mitt Romney in Des Moines (ebenfalls Iowa) zu einem hitzigen Wortgefecht führten.

An eigener Selbstherrlichkeit gescheitert

Gingrich ist in der amerikanischen Politszene ein randvoll beschriebenes Blatt. Seit vier Jahrzehnten mischt er in Washington mit. Auf dem Scheitelpunkt seiner Macht war er Mitte der 90er Jahre. 1994 war Gingrich maßgeblich daran beteiligt, dass die Konservativen nach vier Jahrzehnten wieder die Mehrheit im US-Kongress erobern konnten. Das renommierte Time Magazine wählte ihn 1995 zum "Mann des Jahres". Als Sprecher des Repräsentantenhauses (1995 bis 1999) gehörte Gingrich zu den Mächtigsten im Staat.

Doch dann verbrannte sich der Republikaner an seiner Selbstherrlichkeit die Finger. Gingrich überdrehte die Blockadehaltung der Konservativen in bitterharten Verhandlungen um das Budget des damaligen Präsidenten Bill Clinton. Er spielte sich öffentlich als Moralapostel auf, als Clintons Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky aufkam – gleichwohl er selbst außereheliche Affären eingestehen musste. Der Schuss ging nach hinten los. Gingrichs Licht verglühte. Er wurde zum unpopulärsten Mann in der amerikanischen Politik und zu einer Persona non grata in der republikanischen Partei. 1999 jagten ihn die eigenen Leute aus dem Amt. Den Geschassten zog es danach in die Privatwirtschaft. Er machte ein Vermögen mit teils umstrittenen Beratergeschäften wie bei Freddie Mac. Seit einem Jahr ist er zurück auf dem politischen Parkett.

Wer Gingrich wählt, weiß worauf er sich einlässt

Gingrichs Bekanntheit ist Ballast und Pluspunkt zugleich. Er wird nicht über Affären stolpern wie Herman Cain, sein ehemaliger Kontrahent um das Ticket der republikanischen Präsidentschaftskandidatur, oder sich mit Rassismusvorwürfen konfrontiert sehen wie sein Mitstreiter Rick Perry. Die mächtigen dunklen Schatten aus Gingrichs Vergangenheit sind bestens bekannt. Neben seiner angeknacksten politischen Reputation und seinen fragwürdigen Geschäften sind da noch sein aufbrausendes Temperament, ein Hang zur Selbstüberschätzung und Gingrichs turbulentes Privatleben mit drei Ehen zu nennen.

Doch selbst seine größte Flanke Freddie Mac verzeihen ihm die Konservativen. Noch. Dabei ist der Name Freddie Mac Synonym für genau jene Geschäfte, die Amerika an den Abgrund geführt haben. Viele US-Medien urteilen deutlich: Gingrich rage aus dem Feld der Bewerber nur deshalb heraus, weil die anderen republikanischen Kandidaten so schwach sind. Doch der "Neue Newt" inszeniert sich geschickt. Er stellt sich als scharfes Kontrastprogramm zu Obama dar, greift den Präsidenten dort an, wo es wehtut: Alter, Erfahrung, Führungsqualitäten. Obamas zurückhaltender Politikstil und der Vorwurf der Naivität - es sind nicht nur Kritiken von rechts, sondern auch aus der Mitte der Bevölkerung.

Der Altpolitiker kennt seine Achillesferse

Die US-Bürger sehnen sich nach einem Präsidenten mit Durchsetzungskraft, einem, der in Washington auf den Tisch haut, dem Rumgemurkse im Kongress ein Ende setzt und die Wirtschaft wieder ans Laufen bringt. Gingrich gegen Obama, in den Augen des Republikaners hieße das: erfahrener Altpolitiker gegen gescheitertes Leichtgewicht.

Doch Gingrich weiß: Im Ringen um das Weiße Haus ist seine Reputation als aufbrausender politischer Haudrauf seine Achillesverse. Denn bei vielen moderateren Wählern läuten bei dem Namen Gingrich nach wie vor sämtliche Alarmglocken. Wenn sich Gingrich ernsthaft Hoffnungen auf den Einzug ins Weiße Haus machen will, muss er sein altes Image abschütteln, wie die Schlange ihre alte Haut. Und so gibt er den geläuterten Altersweisen: "Es ist sehr hilfreich gewesen, zwölf Jahre abseits des Politgeschäfts tätig gewesen zu sein. Alles etwas langsamer anzugehen, über Dinge nachzudenken, zu reflektieren, was ich richtig und was ich falsch gemacht habe", philosophiert er. Und weiter im Weichspülermodus: Das Großvatersein habe ihn zu einem besseren Menschen gemacht.

Und tatsächlich. Gingrichs Botschaften sind zwar nach wie vor scharf wie eine Messerklinge, doch wirken seine Parolen nicht so abstrus wie die von Tea Party-Ikone Bachmann ("Gott hat Hurrikan Irene zu uns geschickt") oder strotzen vor Fehlern wie bei Rick Perry. Gingrich ist Historiker, Autor mehrerer Bücher und ein geübter Rhetoriker. Wie bei Obama wirkt auch sein Redestil fast schon professoral. Von dem verhassten Präsidenten hat sich Gingrich gar etwas abgekupfert: Der einstige Vorreiter der Abteilung Attacke gibt sich im Vorwahlkampf als Teamplayer. Er werde auf Negativ-Kampagnen gegen seine republikanischen Kontrahenten verzichten. Er bezeichnet Romney, Perry und Co. als "meine Freunde" und lobt sie über den grünen Klee hinaus.

"Gesetzte gegen Kinderarbeit sind dumm"

Doch kaum ist Gingrich als neuer Frontrunner der Republikaner dort angekommen, wo er hin will - an die Spitze -, vergaloppiert er sich doch wieder. "Gesetze gegen Kinderarbeit sind dumm", schoss es kürzlich ungefiltert aus ihm heraus. Gingrich fordert, amerikanische Kinder sollten gegen Geld öffentliche Schulen putzen.

Der eigene Appell zur Disziplin sieht angesichts solcher Aussetzer aus wie ein frommer Wunsch. Stellt der "Alte Newt" dem "Neuen Newt" in den hitzigen Wochen der republikanischen Kandidatenkür noch öfter ein Bein, bringt sich Gingrich wie schon in den 90ern ganz schnell wieder selbst zu Fall.


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