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US-Wahlkampf: Mitt Romney verzweifelt gesucht

Das jähe Ende der republikanischen Kandidatensuche stellt Mitt Romney vor ein Problem: Er muss schleunigst sein Profil schärfen. Dazu zählt, sich den richtigen Vize-Präsidenten zu suchen.

Von Nora Schmitt-Sausen

Bislang bediente sich der Wahlkampf des Romney-Lagers vor allem aus einem: der Abteilung Attacke. Romney mähte zunächst Herausforderer Newt Gingrich nieder. Dann mühte er sich redlich, Kontrahent Rick Santorum schlecht zu machen, der nach seinem Ausstieg im April jetzt seine Aufhänger aufgefordert hat, Romney zu unterstützen. Nun hat Romney sich vollends auf Barack Obama eingeschossen. Zu wenig für einen, der sich anschickt, im Herbst das Weiße Haus zu erobern, raunen selbst Parteikollegen. Romney müsse den Wählern schnellst möglich klar machen, wofür er steht. Immerhin: Romney unterstützt das straffe Haushaltskonzept seiner Partei, das vorsieht, Sozialausgaben massiv zurückzufahren. Auch will der Republikaner die Steuern für wohlhabende Amerikaner senken. Positionen, mit denen Romney eher bei der rechten Wählerschaft punkten kann. Nicht aber bei moderater tickenden US-Bürgern. Denen will er sich vor allem als Mann der Wirtschaft präsentieren. Auch mit der richtigen Entscheidung für einen potentiellen Vize-Präsidenten könnte der 65-Jährige wichtige Wählergruppen auf seine Seite ziehen.

Die Suche nach dem richtigen Mann

Über Romneys "running mate" wird bereits kräftig spekuliert. Zu den genannten zählt Chris Christie, der schwergewichtige Gouverneur von New Jersey. Ein charismatischer Kopf, zwar Vollblut-Republikaner, aber für Wechselwähler durchaus wählbar. Oder Paul Ryan, Vorsitzender des mächtigen Haushaltsauschusses im Repräsentantenhaus. Mit ihm als Partner könnte Romney eine klare Position im Kampf gegen die Staatsverschuldung beziehen. Es gibt aber auch Stimmen, die sagen, Romney müsse sich einen Erzkonservativen an die Seite stellen – um sich bei der Wahl im November die Stimmen des rechten Parteiflügels zu sichern. Etwa Rick Santorum, der sich mit seinem unerwartet starken Abschneiden bei der Vorwahl einen Namen gemacht hat.

Besonders hoch gehandelt wird Floridas junger Senator Marco Rubio (40). Der Mann ist ein aufstrebender Stern am republikanischen Himmel. Er hat einiges auf der Habenseite zu verbuchen: Rubio ist US-Bürger kubanischer Abstammung und damit eine potentielle Symbolfigur für die wichtige Wählergruppe der Latinos, die traditionell eher den Demokraten zugeneigt ist. Florida ist zudem einer der Staaten, die Romney gewinnen muss. Ein Lokalpatriot im Rennen sichert wichtige Stimmen. Außerdem: Rubio kam 2010 mit Unterstützung der Tea Party-Bewegung ins Amt. Gleichzeitig spricht der als besonnen geltende Politiker auch moderate Amerikaner an. Ein Team Romney-Rubio ist für viele ein starkes Gegenüber zu Obama und dessen Vize Joe Biden.

Romney muss sich selbst finden

Doch Romney muss auch selbst noch Format gewinnen. Sein Team, das sich derzeit erst in der Kampagnenzentrale in Boston formt, wird den Wahlkampf vor allem auf eines fokussieren: die US-Konjunktur. Sie ist Obamas größte Flanke und gleichzeitig eine darstellbare Stärke Romneys. Romney war 1984 Mitbegründer des Finanzinvestors Bain Capital. Er arbeitete mit namhaften US-Unternehmen wie dem Büroausstatter Staples, der Fast-Food-Kette Domino’s Pizza und eBay. Wenn auch das Engagement von Bain Capital nicht unstrittig ist, skizziert sich Romney gerne als jemand, der weiß, wie man Arbeitsplätze schafft und Unternehmen aus der Krise helfen kann. Er steht für Freihandel und fordert Deregulierungen etwa mit Blick auf Umweltbestimmungen und Arbeitsvorschriften. In Zeiten von Arbeitslosenzahlen im Dauerhoch liefert ihm diese Wirtschaftserfahrung Wahlkampf-Munition in nahezu allen Gesellschaftskreisen.

Zu einigen Themen hat Romney so radikal Position bezogen, dass es schwer werden dürfte, diese Haltungen im Hauptwahlkampf aufzuweichen. Er fordert weitere Einschnitte in Sozialprogramme bei gleichzeitigen Steuervergünstigungen für Reiche. Ebenso vertritt er eine harte Linie in der Einwanderungspolitik und wirft Obama einen zu diplomatischen Ton mit China, Russland und dem Iran vor.

Romneys Geld hilft - und schadet ihm

Aus Obamas Sicht ist Romney einer der unbequemeren Gegner. Anders als der erzkonservative Santorum oder der radikale Newt Gingrich ist Romney ein Politiker, der moderate Wähler durchaus anspricht. Er ist kein lautstarker Haudrauf, seine politische Legende weist immer wieder liberalere Positionen auf: Gesundheitsreform, gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Abtreibung. Gerade in seiner Zeit als Gouverneur des einst ur-demokratischen Massachusetts bewegte sich Romney mehrfach jenseits der Parteiideologie. Für einige Republikaner war Romney lange "zu moderat", kein waschechter Konservativer. Für Amerikaner ohne Parteibuch sieht das aber eher so aus: Romney trägt nicht den Stempel "unwählbar".

Der 65-Jährige bringt noch etwas mit, was seinen Kontrahenten gefehlt hat und was in diesem Wahlkampf von enormer Bedeutung sein wird: Geld. Romney kommt aus einer wohlhabenden Familie und verfügt über geschätzte 250 Millionen Privatvermögen. Er scheint wild entschlossen, einen Großteil davon in seinen Traum vom Einzug ins Weiße Haus zu investieren. 2008 ist er an diesem Vorhaben gescheitert. Das Romney-Lager weiß zudem millionenschwere Polit-Aktivisten hinter sich, die ebenfalls bereit sind, ihre Dollars einzusetzen, um den aktuellen Präsidenten zu schassen. Ihre Obama-kritischen Werbespots flimmern bereits landauf landab zur besten Sendezeit über Millionen TV-Bildschirme.

Vorwurf: Er sei "out of touch"

Doch dieses Kapital des Multimillionärs ist gleichzeitig seine Achillesferse. Romney ist Teil der berüchtigten ein Prozent, die von der Occupy Wall Street-Bewegung an den Pranger gestellt worden sind. Er zählt zu denen, die immer reicher werden, während viele Amerikaner ihre Lebensperspektive verloren haben. Im Vorwahlkampf machten Meldungen die Runde, in Romneys Strandhaus in Kalifornien werde ein Aufzug für dessen Autos gebaut. Bei einem Wahlkampfauftritt plauderte der Republikaner gedankenlos aus, seine Frau fahre "ein paar Cadillacs". Gift für den Wahlkampf.

Obama hat schon deutlich gemacht, dass er Romney genau hier attackieren wird. Anlässlich einer Rede über Studienkredite an der Universität in North Carolina verteilte der Präsident jüngst klare Spitzen: "Ich habe zu diesem Thema nicht nur ein Briefing bekommen. Michelle und ich waren in der gleichen Lage wie ihr. Wir kommen nicht aus reichen Familien. Als wir von der Universität kamen, hatten wir ernorme Schulden." Romneys Reichtum und die damit verbundene Kritik, "out of touch" mit den Sorgen der Amerikaner zu sein - Obama wird dies in den kommenden Monaten gebetsmühlenartig wiederholen.

Eins ist sicher: Die Amerikaner lieben Romney nicht. Doch die republikanische Basis wird sich geschlossen hinter ihn stellen. Konservative Amerikaner eint letztendlich ihre große Wut auf Obama, dem sie vorwerfen, elementare amerikanische Werte zu verraten. Sie verteufeln den demokratischen Präsidenten mehr, als das linke Lager einst George W. Bush verachtet hat.

  • Nora Schmitt-Sausen