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US-Wahl 2020 Letztes direktes Duell vor der Wahl: Schafft Donald Trump noch den "Game Changer"?

Joe Biden und Donald Trump gestikulieren
Stehen sich beim TV-Duell in Nashville zum zweiten Mal direkt gegenüber: Joe Biden (li.) und Donald Trump
© Jim Watson / Saul Loeb / AFP
Es ist das letzte direkte Aufeinandertreffen vor der Wahl: In der Nacht kämpfen Donald Trump und Joe Biden in einem zweiten TV-Duell um Wählerstimmen. Wird es diesmal zivilisierter ablaufen als beim ersten Mal? Die Lage vor dem Showdown.

Die Entscheidung rückt näher. Nur noch knapp zwei Wochen bis zur Wahl am 3. November. Dann wird sich entscheiden, ob Donald Trump eine zweite Amtszeit im Weißen Haus bleibt oder sein demokratischer Herausforderer das Amt übernimmt. In der kommenden Nacht treffen die beiden Kontrahenten in Nashville, Tennessee zu ihrem zweiten, direkten TV-Duell aufeinander. Die große Frage - vor allem mit Blick auf Trump: Wird das Duell diesmal zivilisierter ablaufen? Oder versinkt die Debatte erneut in einem Chaos aus Unterbrechungen, gegenseitigen Vorwürfen und Beleidigungen?

Die Lage vor dem TV-Duell

Donald Trump ist in der Defensive. Den Umfragen zufolge steht ein Sieg für Joe Biden bevor - und dessen Vorsprung ist deutlich größer als der von Hillary Clinton vor vier Jahren. Er liegt im landesweiten Ergebnis derzeit rund acht Prozentpunkte vor Trump. Viel wichtiger aber: Im Moment sieht es auch nach einer soliden Mehrheit im Electoral College aus - jenem Wahlmännergremium, das den Präsidenten letztlich wählt. Biden hat in den meisten umkämpften Swing States derzeit die Nase vorn.

Politisch belastet Trump nach wie vor in erster Linie das schlechte Management der Coronakrise und zudem, dass der Rückhalt der Republikanischen Partei zusehends bröckelt - symbolhaft zuletzt dadurch dokumentiert, dass Trumps parteiinterner Kritiker Mitt Romney so weit gegangen ist, dem Präsidenten nicht sein Stimme zu geben. Die Demokraten versammelt dagegen das unbedingte Ziel, Trump abzulösen, hinter Joe Biden. Eine Korruptionsgeschichte um seinen Sohn Hunter perlt bisher an dem Herausforderer ab.

Kann das Duell der "Game Changer" sein?

Für Donald Trump dürfte das Duell eine der letzten Möglichkeiten sein, das Blatt noch zu wenden. Allerdings gelten aus historischer Erfahrung die TV-Debatten ungeachtet der hohen öffentlichen Aufmerksamkeit in aller Regel nicht als wirklich entscheidend. Weniger als zehn Prozent der Wähler sollen derzeit noch unentschieden sein, so US-Umfragen. Immer noch eine Größenordnung, die das Rennen verändern könnte. Viel wichtiger aber: Wegen der Corona-Pandemie ist die Zahl der Brief- und Frühwähler diesmal besonders hoch - je nach Quelle ist davon die Rede, dass 25, 30 oder sogar mehr als 40 Millionen Amerikaner ihre Stimme ohnehin schon abgegeben hätten. Ein wirklicher "Game Changer" - ein Wendepunkt - waren die TV-Duelle in der Vergangenheit meist, wenn sich einer der Kandidaten wie auch immer geartete Ausfälle geleistet hat. Da führt zum nächsten Punkt.

Wem nutzt die "Stummtaste"?

Donald Trump hat sich mit seiner aggressiven Diskussionsführung keinen Gefallen getan. Er gilt als Verlierer des weithin als unwürdig empfundenen ersten Duells, konnte Umfragen zufolge vor allem bei den noch Unentschiedenen kaum punkten - worauf er aber angewiesen ist, um den Rückstand aufzuholen. Um den "Nutzen für die Zuschauer" zu steigern, hat das Organisationskomitee die Regeln für das Duell in Nashville verändert. Zu jedem Thema haben beide Kandidaten jeweils zwei Minuten Redezeit. Um Unterbrechungen zu vermeiden, wird das Mikrofon des jeweils anderen stumm geschaltet. 

Dieser "Mute-Button" wird gemeinhin so gewertet, dass Trump dadurch eingefangen und behindert werde. Doch 1. täte es dem Präsidenten gut, diesmal etwas präsidialer zu erscheinen, 2. sind die Mikrofone nach Ablauf der zwei Minuten Redezeit offen, um eine Debatte zu ermöglichen und 3. gilt es gar nicht unbedingt als Vorteil für Joe Biden, wenn man ihn ausreden lässt. Der 77-Jährige, der in seiner Jugend stotterte, weiß selbst um seinen Hang, sich zu verhaspeln oder sich verbal zu verrennen. Trump signalisierte im TV-Sender Fox News unlängst, dass er das verstanden habe. Er wäre bei weitem nicht der erste Präsident, der sich im zweiten TV-Duell deutlich besser schlägt als bei der Premiere. Trumps Nichte und Kritikerin Mary Trump ist sich allerdings sicher, dass sich ihr Onkel an die Vorgaben nicht halten wird, wie sie dem Sender MSNBC verriet.

Was muss Joe Biden beachten?

Alle reden von Trump, aber was ist eigentlich mit Joe Biden? Wie es im Moment aussieht, muss der Herausforderer gar nicht so viel tun, er müsse die Debatte nicht einmal gewinnen, heißt es. Was er nicht darf, ist haushoch zu verlieren oder sich bis auf die Knochen zu blamieren, indem er Zweifel an seiner mentalen Fitness aufkommen lässt. Folgt Trump seinen Wahlkampfberatern, wird es der Präsident aber genau darauf anlegen. Bedeutet für Biden: Ruhig und konzentriert bleiben.

Am schwersten wird ihm das fallen, wenn er mit (bisher unzureichend belegten) Anschuldigungen konfrontiert wird, in seiner Zeit als Vize-Präsident sein Büro eingespannt zu haben, um seinem Sohn Hunter bei seinen Geschäftsbeziehungen in der Ukraine geholfen zu haben. E-Mails auf Hunter Bidens Laptop sollen das belegen. Bisher hat Biden die Vorwürfe stets emotional als "Schmierenkampagne" zur Seite gewischt. Berechtigt oder nicht: Im Duell wird er darauf eine Antwort geben müssen, sagen politische Beobachter in Washington voraus. Mindestens ein Punkt, der nahelegt, dass der Optismismus von Bidens Wahlkampfteam doch etwas sehr leichtfertig wirkt: "Es gibt nichts in der Debattenphase, was das Rennen grundlegend verändern könnte", zitiert NBC News einen Biden-Berater. "Nachdem die Leute ihren Fernseher ausgeschaltet haben, werden sie immer noch in einer Welt leben, die durch Donald Trumps Versagen bei Covid-19 definiert ist."

Die Frage nach der Machtübergabe

Wie auch immer das Duell verläuft, wer auch immer die Debatte gewinnt: Über allem schwebt wie ein Damokles-Schwert die Frage, ob Donald Trump im Falle seiner Wahlniederlage das Ergebnis überhaupt akzeptiert und dem üblichen reibungslosen Übergang der Macht im Weißen Haus nicht im Wege stehen wird. Zweifel daran säht Trump seit geraumer Zeit - nicht zuletzt dadurch, dass er die Briefwahl als unsicher und als Manipulationsinstrument der Demokraten verkauft - freilich entgegen aller Erfahrung und ohne je dafür Belege geliefert zu haben. "Wir werden nicht wissen, wer gewählt worden ist. Es droht bei der Wahl ein beispielloses Ausmaß von Chaos und Desorganisation", so ein Trump-Zitat, das für die Wahlnacht Sorgen macht. Selbst Horrorszenarien, wonach Trump womöglich gar mit Gewalt an der Macht bleiben wolle, blieben bisher weitgehend unwidersprochen. Befragungen zeigen aber, dass selbst für Trump-Anhänger hier eine Grenze überschritten sein könnte: der Verlierer räumt das Weiße Haus, das könne keine Frage sein. Biden wird Trump mit diesem Thema konfrontieren und versuchen müssen, ihn auf eine klare Aussage festzunageln.

Die TV-Debatte in Nashville, Tennessee beginnt um 3.00 Uhr MESZ. Moderatorin ist Kristen Welker, NBC News-Korrespondentin im Weißen Haus. Das Duell kann im deutschen TV auf N-TV (ab 3.00 Uhr), in der ARD (ab 2.45 Uhr) und auf Phoenix (ab 2.45 Uhr) verfolgt werden.

Quellen: NBC News; CNN; FiveThirtyEight, Nachrichtenagenturen DPA und AFP


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