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US-Vorwahlen: Im Flieger mit einer Totgesagten

Für Hillary Clinton geht es bei den Vorwahlen in den US-Staaten Ohio und Texas um alles. Verliert sie gegen Barack Obama, könnte ihre Kandidatur am Ende sein. Wie kämpft sie gegen die Niederlage? Wie ist die Stimmung? Als einziger deutscher Journalist hat stern-Reporter Jan-Christoph Wiechmann die Senatorin am Wochenende in ihrem Flugzeug begleitet. Eine Nahaufnahme.

Sie war erst um 2.30 Uhr im Bett. Sie trat auf in einem Sketch der Comedy-Sendung "Saturday Night Live" in New York und hielt sich wach mit einigen Peperoni, die sie hinunterschlang, "um den Kopf wachzuhalten". Sie kam aus Dallas, 1500 Kilometer entfernt, und flog danach Richtung Columbus im US-Bundesstaat Ohio, weitere 800 Kilometer durch die Nacht. Hillary Clinton schläft nicht viel in diesen Tagen, Wochen, Monaten; vier Stunden sind es in dieser Nacht.

Um 9 Uhr morgens ist sie wieder auf der Bühne, in der Westerville North High School, Ohio, 5000 Zuschauer sind da, ein Meer aus Frauen jeden Alters. Sie spricht über das Übliche, die Folgen des Krieges, die Folgen der Rezession, ein gebrochenes Amerika, das einen Heiler braucht. Aber diesmal geht sie weiter in ihren Bedrohungsszenarien. "Stellt euch vor, es kommt zu einer großen nationalen Sicherheitskrise, und nachts um drei klingelt das Telefon im Weißen Haus. Wer soll dann den Anruf entgegennehmen? Stellt euch das vor." Sie will, dass sich die Menschen für einen Moment Barack Obama vorstellen, den jungen Kerl, der seine Strümpfe im eigenen Wohnzimmer nicht finden kann.

Kämpferischer, angriffslustiger, frustriert

Wer die Senatorin beobachtet hat in den vergangenen Monaten, erlebt sie nun kämpferischer, angriffslustiger, manchmal auch frustriert, als könne sie nicht begreifen, dass Amerika tatsächlich einen 46-jährigen Politanimateur zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten wählen wird.

Hillary Clinton muss angreifen. In Ohio hat Barack Obama laut Umfragen zu ihr aufgeschlossen und ist in Texas schon knapp vorbeigezogen. Er hat mehr Spenden eingenommen, 50 Millionen Dollar allein im Februar, und investiert das Geld in eine Reihe von Wahlspots, die ihn als großen Visionär verkaufen. Verliert Clinton am Dienstag sowohl in Ohio als auch in Texas, wäre es ihr Aus. Gewinnt sie nur einen der beiden Staaten, zieht sich ihr Leidensweg womöglich noch ein paar Tage in die Länge. Sie braucht Siege, nichts als klare Siege, ein neues, fulminantes Kapitel ihrer Comeback-Story.

"Vergiss das Atmen nicht"

Die Anspannung ist ihr an diesem Sonntag nicht anzumerken. Sie sitzt in ihrer Boeing 737 in der Business Class und macht ein paar Scherze mit ihrem Pressesprecher Doug Hattaway und den kahl geschorenen Agenten des Secret Service. Sie wirft anderen ein paar Apfelsinen zu und macht sich über ihren Salat und die Peperoni her. Sie schläft kurz ein, ein "Power-Nickerchen", wie sie das nennt, und checkt ihren Blackberry, auf dem Botschaften ihrer Freundinnen eingehen: "Atme, Hillary, vergiss das Atmen nicht", schreibt ihr eine Freundin aus San Francisco.

Wer mit Hillary Clinton unterwegs ist in diesem gecharterten Flugzeug mit der Nr. N308TZ, kommt nie zur Ruhe. Die Journalisten hinten in der Economy Class fluchen, dass sie in dieser Nacht erst um 1.30 ins Hotel kommen und Clinton um 4.30 Uhr schon wieder aufbricht, um eine Autofabrik in Toledo zu besuchen. Reporter konfrontieren sie mit Obamas guten Umfragewerten, aber sie lächelt auch dann noch dieses sehr eigene Lächeln, eine Mischung aus Mütterlichkeit, Überheblichkeit und Verzweiflung. "Ich hatte einen großartigen Tag", sagt sie. "Ich fühle mich richtig gut."

"Er hat eine einzige gute Rede gehalten"

Auf dem Flug von San Antonio nach Fort Worth steht sie zwischen der Business- und Economy Class und sagt - nicht ohne Verachtung - über Barack Obama: "Er hat eine einzige gute Rede gehalten, aber auf seine Rede folgt keine Action. Das ist Teil eines sich wiederholenden Musters: Viel reden, wenig Action."

Das Clinton-Team ist unzufrieden mit der Berichterstattung der Medien. Es nennt die Medien unfair und parteiisch, sie hätten Obama schon zu ihrem Präsidentschaftskandidaten gekürt. Auf den Wahlevents erwarten die Reporter daher einige giftige Blicke der Clinton-Anhänger. "Schande auf euch", ruft eine Frau in Akron. In Westerville stellt sich Debbie Winningham, die Leiterin eines Waisenheims, vor die Kameras und hält ein Schild hoch mit dem Aufdruck: "Lasst die Medien nicht unseren Präsidenten bestimmen."

Gute Verlierer waren die Clintons noch nie.

Abgeschirmt gegen unbequeme Fragen und Eindringlinge

Dennoch stellt sie sich der Presse häufiger als noch vor einigen Wochen. Sie braucht sie jetzt in dieser Endphase, in der Obama die Fernsehhoheit besitzt. Am Samstag stellte sie sich allen Medien im Flugzeug, am Sonntag nur einem Lokalsender, der zu ihr vorgelassen wurde. Auch im Flugzeug ist sie umgeben von Sicherheitsbeamten und Presseberatern, die sie abschirmen gegen unbequeme Fragen und Eindringlinge. Sie zoomt sich aus, so nennt sie es, schließt die Augen oder bereitet sich auf ihren nächsten Auftritt vor. Einige Journalisten haben das Flugzeug mit provozierenden Stickern beklebt. Über Reihe 24 steht geschrieben: "Viel Glück, Obama." Und auf ihrer Toilettentür: "Achtung vor dem Hund."

Das Flugzeug ist voll besetzt in diesen Tagen der Entscheidungsschlacht, 60 US-Journalisten sind an Bord und zwei Ausländer, ein Reporter vom Londoner Daily Telegraph und einer vom stern. Auch Clintons Biografen Tina Brown und Gail Sheehy sind für vier Tage zugestiegen, um Hillarys Ende zu begleiten.

Oder - wie eine Reporterin von USA Today sagt: "um Totenwache zu halten".

In der Nacht auf den Montag kommt die Totgesagte noch einmal ins Heck des Flugzeugs, eine spontane Pressekonferenz in Reihe 14 der Economy Class. Warum sie Obama so angreife? "Die Gegensätze müssen betont werden", antwortet sie. Warum sie betone, dass der Wahlkampf schon so lang sei? "Ihr müsst nicht an jedem meiner Worte hängen", sagt sie. "Ein Wort ist nur ein Wort ist ein Wort." Ob sie denn nach möglichen Niederlagen am Dienstag aussteige? "Wir warten ab, was der Dienstag bringt, und dann sprechen wir weiter", sagt sie und verschwindet lächelnd mit einem roten Pappbecher in der linken Hand.

Auf sie warten drei Stunden Schlaf, bevor um 3.30 Uhr in der Früh der neue Tag beginnt.

Womöglich der vorletzte ihres Wahlkampfs.

tk/fgüs