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US-Wahlkampf: Gentleman Obama umgarnt Krieger McCain

Lächeln und keine Fehler machen: So präsentierten sich die beiden Präsidentschaftsbewerber John McCain und Barack Obama im ersten TV-Duell. Dabei gab sich Obama reif und großzügig und stimmte auch mal seinem Kontrahenten zu.

Von Matthias B. Krause

Das Bühnenbild für die erste TV-Debatte der amerikanischen Präsidentschaftskandidaten in Oxford, Mississippi war noch nicht abgebaut, da hatten die Wahlkämpfer von John McCain schon ein Video auf Youtube hochgeladen. Der 30-Sekunden-Film nutzte genüßlich, was sich als der einzige Fehler Barack Obamas während des 90-minütigen Streitgesprächs herausstellen könnte. Darin hatte er wenigstens achtmal gesagt: "Senator McCain hat völlig Recht...." Warum er seinem Gegenüber in einem ansonsten eher scharfen Schlagabtausch soviel Wohlwollen entgegenbrachte, blieb sein Geheimns. Vielleicht wollte Obama versöhnlich wirken, über den Dingen stehend, eben reif für die Präsidentschaft.

Republikaner John McCain jedenfalls erfolgte eine deutlich andere, aggressivere Strategie. Ein Dutzend mal beschuldigte er sein Gegenüber, nicht zu wissen, wovon er spreche. Manchmal schüttelte er ob dessen Anworten auch nur den Kopf und grinste herablassend. Den ganzen Abend über würdigte er Obama praktisch keines Blickes, und am Ende fasste er die Debatte für sich in einer letzten großen Breitseite zusammen: "Erfahrung, Wissen und Urteilsvermögen haben Vorteile und ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass Senator Obama das Wissen und die Erfahrung hat." Es war erwartet worden, dass mehr als 80 Millionen Menschen die beiden Präsidentschaftskandiaten zur besten Sendezeit am Bildschirm verfolgen, wen sie am Ende zum Sieger kürten, dürfte sehr von ihrer Voreinstellung abhängen.

Man kann McCains Auftritt als souverän interpretieren, gewitzt, scharf und kenntnisreich. Oder eben als herablassend, respektlos und gnadenlos populistisch. Auf jeden Fall verstand er es, praktisch auf keine Frage wirklich zu antworten. Stattdessen hämmerte er auf den Talking points, die ihm sein Wahlkampfteam auf den Weg gegeben hatte, wieder und wieder herum. Das wurde in keinem Bereich deutlicher als der Wirtschaft, die die ersten 40 Minuten der Debatte beherrschte. Auch in drei Anläufen gelang es Moderator Jim Lehrer nicht herauszufinden, wie McCain denn nun eigentlich zu dem 700 Milliarden schweren Rettungsplan für die Wall Street steht, über den sie gerade in Washington verhandeln.

Ob er dem Gesetz zustimmen werde, wenn seine Forderungen erfüllt seien, wollte Lehrer wissen. "Vielleicht", sagt McCain, "ich hoffe." Dabei hatte er noch am Freitagmorgen verkündet, die Demokraten und die Republikaner im Kongress seien so nahe an einer Einigung, dass er beschlossen habe, seinen Wahlkampf wieder aufzunehmen und nun doch an der seit langem geplanten Debatte teilzunehmen. Wenig deutet darauf hin, dass das stimmt. Aber etwas anderes blieb McCain kaum übrig, um sein Gesicht zu wahren. Schließlich war er am Donnerstag im Weißen Haus grandios mit seiner Abkündigung gescheitert, "die Nation in Zeiten der Krise" zusammenzubringen.

Obama allerdings wollte sich genauso wenig festnageln lassen. Die endgültigen Formulierungen des Gesetzes lägen noch nicht vor, sagte der Demokrat, "ich bin optimistisch, dass wir zusammen kommen." Immerhin nutzte er die Gelegenheit, McCain mit der Politik des so unbeliebten Präsidenten George W. Bush in Verbindung zu bringen. Die derzeitige Panik auf den Finanzmärkten und die Folgen für die Durchschnittsamerikaner seien das Ergebnis von acht Jahren verfehlter Wirtschaftspolitik, "entworfen von George W. Bush, unterstützt von Senator McCain. Ihre Theorie besagt im Wesentlichen, dass wir Regeln und Verbraucherschutz zerschlagen, mehr und mehr zu denen geben, die schon alles haben und irgendwie wird der Wohlstand nach unten durchsickern".

Doch damit hatte Obama sein Pulver auch schon verschossen. Er eröffnete McCain die Möglichkeit, sich als Weltmeister des Sparens anzupreisen, seinen Rotstift, mit dem er der Verschwendung in Washington an den Kragen gehen will, dramatisch in der Luft schwenkend. Er könne sich sogar eine totale Ausgabensperre vorstellen, sagte McCain, mit Ausnahmen nur für lebenswichtige Dinge wie das Militär und die Rentenkasse. Obama entgegnete mit seinem vielleicht besten Satz des Abends: "Das würde bedeuten, ein Beil zu benutzen, wo ein Skalpell notwendig ist."

Die zweite Hälfte der Debatte, die sich wie verabredet um die Außenpolitik drehte, wirkte dann wie eine große Quizsendung, in der die Kandidaten alles daran setzten, mit der Nennung möglichst vieler Namen, Daten und Länder ihr Wissen unter Beweis zu stellen. Natürlich griff McCain Obama dafür an, dass der die erfolgreiche Militäroffensive im Irak abgelehnt hatte. Und selbstverständlich zog Obama McCains Urteilsvermögen in Zweifel, weil der den Irakkrieg von Anfang an unterstützte. Das klang alles sehr nach den Standardwahlreden, die die beiden praktisch tagtäglich irgendwo im Land halten, nur dass sie dieses Mal auf ein und derselben Bühne standen.

Auf McCains Spezialgebiet gab Obama sich keine Blöße, der vermeintliche Vorteil des Republikaners reichte nicht einmal zu einen Punktsieg. Unter dem Strich dürfte es McCain kaum gelungen sein, den schlechten Eindruck auszulöschen, den sein kopfloser Aktionismus in der aktuellen Wirtschaftskrise ausgelöst hatte. Das mit soviel Wirbel und künstlichem Drama im Vorfeld begleitete Streitgespräch in Mississippi wird als eines der weniger spannenden in die Geschichte präsidialer Debatten eingehen.

Die beiden Kandidaten für die Vizepräsidentschaft, Sarah Palin und Joseph Biden können es am kommenden Donnerstag in St. Louis besser machen. Ihre Chefs kreuzen die Klingen noch zweimal, am 7. Oktober in Nashville und am 15. Oktober in Hempstead vor den Toren New Yorks.