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US-Wahlkampf: Obama verschiebt den Irak-Abzug

Barack Obama mutiert immer mehr zum Wendehals. Schon mehrere Überzeugungen hat er zuletzt korrigiert, nun ändert er noch seinen Zeitplan für den angekündigten US-Abzug aus dem Irak. Ein gefundenes Fressen für die Republikaner.

Von Matthias B. Krause, New York

Er war sichtlich genervt und klang wie ein Oberlehrer, der seinen begriffsstutzigen Schülern zum x-ten Mal erklärt, wie es richtig ist. "Versuchen wir es nochmal", sagte Barack Obama auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz in Fargo, North Dakota, "und laßt mich es so deutlich sagen, wie ich nur kann: Ich habe vor, diesen Krieg zu beenden. An meinem ersten Tag im Weißen Haus werde ich die Militärkommandeure einbestellen und ihnen eine neue Mission geben: Den Krieg im Irak zu beenden - verantwortungsvoll, bewußt, aber entschlossen." Dumm nur, dass der demokratische Präsidentschaftskandidat wenige Stunden zuvor noch ganz anders geklungen hatte. Und das nicht nur in den Ohren seines republikanischen Herausforderers John McCain, der sofort einen "Ich-war-dafür-bevor-ich-dagegen-war"-Moment witterte, der John Kerry 2004 die Wahl gegen Präsident George W. Bush gekostet hatte.

Am Morgen, kurz nachdem er in Fargo im Bundesstaat North Carolina zu einem seiner unzähligen Wahlkampfauftritte in den traditionell von den Republikanern beherrschten Red States gelandet war, hatte Obama gesagt, er werde seine Position "verfeinern". Bislang versprach er den Wählern, die kämpfenden Truppen innerhalb von 16 Monaten nach Hause zubringen. Nun floh er ins Schwammige: "Meine Leitlinie wird weiterhin sein zu garantieren, dass unsere Soldaten sicher sind und der Irak stabil." Bei seinem in wenigen Wochen gelanten Besuch im Irak will er "mehr Informationen zusammentragen" und dann seine ursprünglichen Abzugspläne an die Zustände vor Ort anpassen.

Obama korrigiert Überzeugungen

Die in North Dakota mitreisende Medien-Meute wäre vermutlich weniger bereitwillig auf die sofort folgenden "Flip-Flop"-Rufe des McCain-Lagers eingegangen, hätte Obama in den vergangenen Wochen nicht eine ganze Reihe seiner Überzeugungen in atemraubender Geschwindigkeit in Richtung politischer Mitte "korrigiert". Dass die konservativen Richter des Supreme Courts die Waffengesetze in der Hauptstadt Washington aufweichten, findet er plötzlich gut. Für Kinderschänder fordert er die Todesstrafe. Und ein vom linken Flügel seiner Partei heftig bekämpftes Spitzelgesetz für die Telefongesellschaft unterstützt er auf einmal. Das hat sich im Vorwahlkampf noch ganz anders angehört, aber da brauchte er auch die Jungen und die Liberalen zum Sieg.

Obama wäre allerdings kaum der elegant-glatte Politiker, der er ist, hätte er nicht von vorne herein Hintertürchen für Kurskorrekturen eingebaut. In der Irak-Frage zum Beispiel kommt es schlicht auf die Betonung seiner Worte an. Gegen Hillary Clinton, die im Oktober 2002 für den Irak-Krieg gestimmt hatte, präsentierte Obama sich als Friedensengel. Doch so oft er auch unterstrich, er werde die Soldaten innerhalb von 16 Monaten nach Hause bringen, er vergass nie anzufügen, er werde sich dabei auf den Rat der führenden Kommandeure verlassen. Seine universal interpretierbare Formel lautete: "Wir müssen uns so vorsichtig zurückziehen, wie wir unvorsichtig waren reinzugehen."

Abzug kann leicht zehn Jahre dauern

Das hörte sich in den Ohren der Parteilinken prima an. Und in ihrer Begeisterung für den jungen Kandidaten übersah sie geflissentlich, dass die Kommandeure glauben, die relative Ruhe im besetzten Land sei gefährdet, wenn die Amerkaner sich zu schnell zurückziehen. Was dabei "zu schnell" bedeutet, ist ohnehin ein weites Feld. Experten betonen ohnehin, der Eindruck sei irreführend, die US-Militärs könnten den Irak innerhalb von eineinhalb Jahren nach einem Amtsantritt Obamas verlassen. Selbst, wenn sich die kämpfenden Brigaden zurückziehen, braucht es noch mehrere 10.000 US-Soldaten, um die massive amerikanische Militär-Infrastruktur im Land zurückzubauen oder zu zerstören. Das könne leicht zehn Jahre in Anspruch nehmen.

Das wissen natürlich auch Obamas Berater. Nur sagen sie es in der Regel nicht laut. Samantha Power, Harvard-Professorin, die Obama in außenpolitischen Fragen beriet, ehe sie abtreten musste, weil sie Hillary Clinton ein "Monster" nannte, sagte der BBC kürzlich: "Obamas Zeitplan für einen Truppenabzug ist ein Best-case-Szenario." Und als Präsident 2009 müsse er sich ohnehin nicht an seine Wahlkampfversprechen 2008 halten. Womöglich schwenkt Obama schon früher ein, wenn er nämlich vor Ort die Truppen von General David Petraeus besucht. Danach kann er sagen, er verstehe nun, dass ein zu schneller Abzug die Fortschritte gefährde.

Die Republikaner versuchen unterdessen, eine Falle zu stellen. Wenn Obama seinen Zeitplan tatsächlich ändert, wollen sie ihn als Umfaller charakterisieren. Bleibt er bei seinen 16 Monaten, stellen sie ihn als beratungsresistent dar. Zu dumm nur, dass McCain selbst nicht gerade eine gute Figur in der Sache macht. Der standfeste Kriegsbefürworter sagte zunächst, er könne sich vorstellen, dass sich auch in 100 Jahren noch amerikanische Soldaten im Irak befinden. Mittlerweile glaubt er, er könne den Großteil der Truppen bis 2013 nach Hause bringen. Seine biegsame Formel: "Wir werden abziehen, aber siegreich und in Würde."