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Abtreibung in den USA Nach 50 Jahren Kampf gegen Abtreibung steht Pro-Life vor dem Sieg

Abtreibung Pro-Life-Aktivistin in USA
Pro-Life-Aktivistin mit ihrer "Argumentationshilfe", einer Fötus-Puppe vor dem Supreme Court in Washington
© Alex Wong/Getty Images / AFP
Die Abtreibungsgegner können schon mal Sekt kaltstellen. Das Oberste Gericht der USA berät derzeit darüber, in welcher Form Schwangerschaftsabbrüche erlaubt sein sollen. Das Urteil steht noch aus, aber klar ist: Das Recht wird wohl eingeschränkt.

Seit Mittwoch, den 1. Dezember 2021 sieht es so aus, als wird in Kürze ein halbes Jahrhundert Kulturkampf zu Ende gehen. Die Sieger sind bereits schemenhaft zu erkennen, und sie stammen eindeutig aus einer dunkleren Vergangenheit. In Washington brütet das oberste US-Gericht derzeit über die Abtreibungsregeln des Bundesstaats Mississippi. Sie verbieten den Abbruch nach der 15. Schwangerschaftswoche, und so wie sich die Verfassungsrichter nun geäußert haben, dürfte dieser Zeitrahmen bald verbindlich werden. Vielleicht nicht einmal das. Die Abtreibungsgegner jedenfalls können schon mal Sekt kaltstellen.

Abtreibung 1973 in den USA erlaubt

Im Kern geht es nicht einzig um die und andere rigide Regelungen wie in Mississippi und anderen Bundesstaaten, sondern um die Grundsatzentscheidung von 1973. Das damalige Urteil im Fall "Roe vs. Wade" legt bis heute die Verantwortung über eine Abtreibung in die Hände der betroffenen Frauen. Den "Schutz für das ungeborene Leben" hoben die Richter am 22. Januar 1973 mit der Begründung auf, das Ungeborene nach dem Gesetz nicht als "vollständige Person" gelten würden. 46 von 50 Bundesstaaten mussten daraufhin ihre Gesetze ändern – allein dieses Verhältnis macht deutlich, dass es Abtreibungsbefürworter in den USA trotz höchstrichterlicher Unterstützung nicht einfach haben würden.

Seitdem wird um das Thema Schwangerschaftsabbruch gestritten wie über kaum ein zweites in den Vereinigten Staaten. Auf "Roe vs. Wade" folgte im wahrsten Sinne ein Glaubenskrieg, der bis heute tobt. Zunächst und wenig überraschend war es die katholische Kirche, die die Supreme-Court-Entscheidung mit heftigen Widerworten kritisierte: Eine Tragödie für die Nation sei das Urteil, hieß es von der US-Bischofskonferenz damals, "keine Entscheidung in den zweihundert Jahren amerikanischer Geschichte wird so verhängnisvolle Wirkungen für die Stabilität einer zivilisierten Gesellschaft haben", so die Kleriker weiter. Wenige Jahre später entstand mit der "American Life League" aus Reihen der Katholiken auch die erste Anti-Abtreibungsgruppe in den USA. Sie war die Keimzelle eines nicht enden wollenden Feldzugs gegen Schwangerschaftsabbrüche.

Keine Ausnahmen bei Abtreibungen

Die "American Life League" zählt zu den radikalsten Vertretern unter der Pro-Life-Bewegung, die seit Jahrzehnten professionell gegen Abtreibung lobbyiert. Das so genannte "Keine-Ausnahme-Lager" lehnt Abbrüche selbst nach einer Vergewaltigung und bei Inzest ab, oder wenn das Leben von Mutter und/oder Kind gefährdet ist. Selbst die katholische Kirche distanziert sich mittlerweile von den selbst ernannten Lebenskriegern. Bei den Evangelikalen wiederum, fundamentalistischen Protestanten, kommen solche Extrem-Positionen seit einigen Jahren immer besser an.

Die Lebensrechtsbewegung gibt es nicht nur in den USA. Und sie beschränkt sich auch nicht nur auf den Kampf gegen Schwangerschaftsabbrüche. In der gesamten christlichen Welt agitieren die Aktivisten zudem gegen Sterbehilfe, Stammzellenforschung, Klonen und künstliche Befruchtung. Doch besonders erfolgreich sind sie in den USA, wo sie vor Abtreibungskliniken protestieren und Frauen bedrängen und einschüchtern. Nicht selten und sehr bewusst fallen dabei Begriffe wie "Holocaust" und "Völkermord". Die Abtreibungsgegner haben über die Jahre ein perfides Instrumentarium entwickelt, um ihre Weltsicht unter die Leute zu bringen. Neben Begriffen wie "Babycaust" und Mord nutzen sie auch ausgiebig die Darstellung (abgetriebener) Föten.

Auch wenn manche Pro-Life-Aktionen für viele Amerikaner zu weit gehen, folgenlos bleiben sie nicht. Umfragen zufolge ist und war die Mehrheit der US-Bürger zwar für das Recht auf Abtreibung – zumindest unter bestimmten Umständen. Doch rund ein Drittel lehnt es auch vehement ab, 20 Prozent zählen sich sogar zum "Keine-Ausnahme-Lager". Tendenz seit einigen Jahren steigend. Bis heute ist der Protestzug "March for Life", der ein Jahr nach dem "Roe vs. Wade"-Urteil das erste Mal loszog, die weltweit größte Demo von Abtreibungsgegnern – unterstützt von orthodoxen Christen und der katholischen Kirche.

Der Siegeszug der Pro-Life-Bewegung

Erst 1992 landete das Thema Abtreibung wieder vor dem obersten Gericht des Landes. Zwar sah das Urteil künftig eine Beratung und Wartezeit für Frauen vor, aber das generelle Recht auf einen Abbruch war davon nicht betroffen. Erst weitere 30 Jahre später begann der Siegeszug der Pro-Life-Bewegung. 2013 etwa erschwerte North Dakota die Abtreibung. Der Bundesstaat beschloss, dass eine "Person" mit der Befruchtung der Eizelle eine juristische Person ist – und damit besonders geschützt sei. Ähnliche Gesetze wurde im gleichen Jahr in North Carolina und Texas verabschiedet. Seitdem geht es Schlag auf Schlag.

An erster Stelle des Anti-Abtreibungsüberbietungswettbewerbs steht mittlerweile Alabama. Der Südstaat untersagt jeden Abbruch, ab dem Zeitpunkt, "an dem bekannt ist, dass eine Frau schwanger ist". Auch bei sexuellem Missbrauch durch Fremde oder Familie. Ärzte, die dennoch abtreiben, können lebenslang im Gefängnis landen. Nicht ganz so hart, aber auch strikt, sind die Gesetze in Ohio, Georgia, Kentucky, Louisiana – dort gilt das Verbot ab der sechsten Woche. Also zu einem Zeitpunkt, an dem Frauen nicht zwingend bemerkt haben, schwanger zu sein.

Den entscheidenden Aufwind aber haben die Abtreibungsgegner bekommen, als Donald Trump US-Präsident wurde. Der Immobilienhai hatte im Wahlkampf stark um die Stimmen der Rechten und Evangelikalen gebuhlt - und zum Dank bekamen die nicht nur die so genannte "Global Gag Rule" zurück (eine Vorschrift, die Organisationen staatliche Gelder streicht, wenn sie die Abtreibung erwähnt), sondern auch eine erzkonservative Richterin für den Supreme Court: die sehr gläubige Katholikin Amy Coney Barrett. Zusammen mit den ebenfalls von Trump ernannten Richtern Neil Gor­such und Brett Kavenaugh haben die Abtreibungskritiker im Obersten Gericht nun wohl die Mehrheit, um "Roe vs. Wade" kippen zu können.

15 Schwangerschaftswochen eine gangbare Lösung?

Ob die insgesamt sieben Top-Juristen die Regelung tatsächlich als verfassungswidrig einstufen werden oder sie beschneiden, wird erst das Urteil Mitte 2022 zeigen. Doch ihre ersten Kommentare lassen nichts Gutes für die Frauenrechte erahnen: "Warum sollte dieses Gericht der Schiedsrichter sein und nicht der Kongress, die Parlamente der Bundesstaaten, die Obersten Gerichtshofe der Bundesstaaten oder die Bevölkerung?" So könnte es beim Abtreibungsrecht "unterschiedliche Antworten in Mississippi und New York, in Alabama und Kalifornien" geben, sagte etwa Brett Kavanaugh. Sein ebenfalls konservativer Kollege  John Roberts fragte, ob die in Mississippi festgelegte Obergrenze für Abtreibungen von 15 Schwangerschaftswochen nicht eine gangbare Lösung wäre. Das erscheine ihm nicht wie eine "dramatische Abkehr" von der bisherigen Richtlinie der Lebensfähigkeit des Fötus - und sei auch in vielen anderen Ländern "Standard".

Was "Standard" ist, hängt allerdings stark vom jeweiligen Land ab: Liberale Abtreibungsgesetze sind in vielen westlichen Industrieländern zwar üblich, aber mit die wenigsten Schranken dafür gibt es in China. Dort wurde es sogar begrüßt, wenn Frauen ihre Schwangerschaften nach dem zweiten Kind beendeten. Ganz anders dagegen in muslimischen Staaten wie Iran oder katholischen Ländern wie Malta, El Salvador und Haiti – dort gibt es nicht einen Grund, der Schwangerschaftsabbrüche erlauben würde. Das harsche Gesetze gegen Abtreibung zum Gegenteil des gewünschten Effekts führen, zeigt sich in Mittel- und Südamerika. Obwohl fast überall illegal, gibt es dort auf 1000 Frauen die meisten Abbrüche weltweit.

Quellen: Gallup, Amnesty International, DPA, AFP, "Taz", Tagesschau, Guttmacher.org, Heinrich-Böll-Stiftung, DW.com

tkr

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