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Venezuela: Regierung verordnet Konsumverzicht

Die Venezulaner haben einen Heidenspaß daran, ihre vielen Petrodollars auf den Kopf zu hauen: für Luxus, Schönheit und Reisen. Leider hat es das Land verpasst, die eigene Wirtschaft zu stärken, sodass mittlerweile selbst Lebensmittel importiert werden müssen. Nun hat die Regierung Gegenmaßnahmen beschlossen.

Von Thomas Wagner, Caracas

Wenn in Deutschland und sonst wo in der Welt die Konjunktur vor sich hin schlummert, dann schreien Experten und Politiker stets unisono: Die schwächelnde Binnennachfrage ist schuld! Die Leute müssten kaufen statt sparen, damit das Geld in den Firmenkassen klingelt. Der Konsumgesellschaft geht ohne Konsumenten die Puste aus.

Anders auf der anderen Seite der Erdkugel - in Venezuela. Dort müht sich die sozialistische Regierung unter Präsident Hugo Chavez seit einiger Zeit, ihren Landsleuten das Sparen schmackhaft zu machen. Die Venezolaner müssten eine Kultur entwickeln, in der sie "konsumieren, was sie brauchen, und nicht auf die Werbung hereinfallen, die sie dazu bringt, über ihren Bedarf zu konsumieren", gab Planungsminister Haiman el Troudi als Ziel an. Doch so richtig wollen die ausgabefreudigen und statusbewussten Venezolaner bislang noch nicht mitziehen.

Zum Shoppen nach Miami

Einkaufen, am liebsten teuer und luxuriös, hat Tradition in dem Karibikland: In den 70er Jahren jettete die Mittel- und Oberschicht am Wochenende gerne mal zum Shoppen nach Miami. In den zehn Jahren seit dem Machtantritt des Linkspopulisten Chavez gesellte sich eine neue Klasse von solventen Konsumenten hinzu: die Funktionäre der Regierung. Viele von ihnen predigen öffentlich die Revolution, daheim vor ihren Villen in den besseren Vierteln von Caracas aber parken riesige Benzinschlucker. Doch auch die Bewohner der Armensiedlungen leisten sich Fernseher und selbst Schönheitsoperationen, weil verschiedene Sozialprogramme ihnen den Arztbesuch und eine Mahlzeit am Tag kostenlos garantieren.

Egal, ob neu-, alt- oder gar nicht reich, das Geld, das die Venezolaner ausgeben, stammt hauptsächlich aus den nicht versiegen wollenden Öleinkünften. Wie vor 30 Jahren lebt das Opec-Land auch heute von seiner Ölrente. Der Staatskonzern Pdvsa überwies von 2001 bis 2007 156 Milliarden Dollar an die Exekutive und die verschiedenen Sozialmissionen. Der Ressourcenreichtum hat allerdings einen großen Haken: Venezuela hat es in den letzten Jahrzehnten versäumt, in anderen Branchen aufzurüsten. Die Produktion deckt in vielen Bereichen nicht einmal den Inlandsbedarf.

Das ganze Geld wandert ins Ausland

Und so werden die Petrodollars so rasch wie sie hereinkommen, auch wieder im Ausland ausgegeben - für Automobile und iPods aus den USA, Textilien und Lebensmittel aus Kolumbien und Motorräder "Made in China". 2007 betrugen die venezolanischen Exporte abseits des Ölgeschäftes 6,6 Milliarden Dollar. Gleichzeitig wurden Waren im Wert von 45,5 Milliarden Dollar eingeführt.

Der einheimischen Währung, dem zum Jahreswechsel eingeführten Bolivar Fuerte ("Starker Bolivar"), bekommt das Ungleichgewicht zwischen Nachfrage und (einheimischer) Offerte gar nicht gut. Die Inflation kletterte im vergangenen Jahr auf 22,5 Prozent. 2008 wird sie nach offizieller Schätzung 19,5 Prozent betragen. Im Kampf gegen die Preissteigerung setzte die Zentralbank die Sparzinsen herauf, und verteuerte die Ratenkredite für Privatinvestitionen wie Autos. Das half aber nur begrenzt.

Sparen lohnt sich nicht

Venezolaner, die die gesetzlichen Schranken umgehen können, legen ihre Bolivares weiterhin in ausländischen Währungen wie Dollar und Euro an. Der Rest gibt sein Geld mit vollen Händen aus, als ob es kein Morgen gäbe. "Sparen lohnt sich einfach nicht, wenn die Zinsen immer noch niedriger liegen als die Geldentwertung", sagt der Chef des Meinungsforschungsinstitutes Datanalisis, Jose Vicente Leon.

Präsident Chavez setzte im Juni einen seiner kompetentesten Vertrauten auf das Problem an. Ali Rodriguez Araque kämpfte in den 60er Jahren als urbaner Guerillero für den Kommunismus, unter Chavez führte er das Ölministerium und den Geldbringer Pdvsa. Nun soll der 71-Jährige als Finanzminister der Inflation Einhalt gebieten. Frisch im Amt kündigte Rodriguez folgerichtig an, den Konsum "moderat" bremsen und die Produktion stärken zu wollen. Das Land müsse den Übergang von einem von der Ölrente zehrenden Staat "zu einer produktiven sozialistischen Gesellschaft beschleunigen", sagte der Minister in einem Fernsehinterview. Doch genau da, beim Ausbau des produzierenden Gewerbes, hapert es. Die Privatwirtschaft, in anderen Ländern der Wachstumsmotor, hat in Venezuela mit einem strikten Devisensystem und anderen bürokratischen Fallstricken zu kämpfen.

Besonders hart trifft die staatliche Regelungswut die Landwirtschaft. Für eine ganze Reihe von Lebensmitteln hat das Chávez-Kabinett Festpreise festgelegt. Die von den Ministeriumsplanern am Schreibtisch bestimmten Höchstsätze decken in etlichen Fällen allerdings nicht einmal die Herstellungskosten, beklagt die Kammer der privaten Agrarunternehmen. Folge: Anfang des Jahres fehlte es in den Supermärkten an Milch, Eiern und Fleisch. Kunden lieferten sich mit Verkäufern Handfestigkeiten um die wenige Ware. Viele Venezolaner waren schockiert und wütend über diese ungeplante Konsumbremse. Chavez' Beliebtheitskurve ging prompt nach unten.

Kurzfristig mehr Importe zugelassen

Der Revolutionsführer ließ daraufhin kurzfristig mehr Importe ins Land. Auf lange Sicht will er den Agrarsektor aber fest an die Kandare nehmen. In einem Ende Juli ohne öffentliche Konsultationen verabschiedeten Gesetz stellte er die gesamte Kette von der Herstellung und Auslieferung bis zum Verbrauch der Agrarprodukte unter staatliche Kontrolle. Chavez-treue Nachbarschaftsvereinigungen sollen gemeinsam mit Regierungsstellen für ihre Regionen den Bedarf für jedes Lebensmittel festlegen. Wie das in der Praxis funktionieren soll, ist offen. Klar ist, dass die bolivarische Regierung damit auch den Konsum deckeln könnte.

Die gebeutelten Privatunternehmer haben die Nase voll von dem Staatsinterventionismus: "Wir werden das Land nicht entwickeln, in dem wir den Konsum bremsen, sondern indem wir Angebot und Nachfrage ausgleichen und die Importe nicht noch weiter erhöhen", erklärte jüngst der Präsident der Handelskammer Fedecamaras, Jose Manuel Gonzalez. Ein Mitarbeiter einer in Caracas ansässigen Unternehmensberatung drückt sich noch deutlicher aus: "Die Geschichte hat bereits bewiesen, dass die Planwirtschaft nach sowjetischem Vorbild nicht funktioniert. Hier wird das noch viel weniger klappen."