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Verhandlungen mit Taliban: Fern der Wirklichkeit

Der Vorschlag von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, mit gemäßigten Taliban zu verhandeln, zeigt einmal mehr, wie weit sich die Berliner Afghanistan-Debatte von der Wirklichkeit in dem Land entfernt hat. Die Zeit für Gespräche ist längst vorbei.

Von Christoph Reuter, Kabul

Jeden Tag gibt's in Berlin Neues in der Kundus-Affäre. Karl-Theodor zu Guttenberg versucht nun, dem eine Änderung in der Afghanistan-Politik entgegenzuhalten. Der Verteidigungsminister hat vorgeschlagen, mit gemäßigten Taliban zu reden - und griff damit eine Idee auf, die der selig vergessene SPD-Vorsitzende Kurt Beck schon vor mehr als einem Jahr präsentiert hatte. Allein: Alle, die sich für solche Gespräche stark machen, sind völlig ahnungsfrei davon, dass über diese zarte Idee die Wirklichkeit längst hinweggerollt ist.

Denn die Taliban, in dieser Hinsicht sicher zutiefst unfair, wollen sich weder von Kurt Beck noch von zu Guttenberg in "radikale" und "gemäßigte" aufspalten lassen - und ihre derzeitige Gesprächsbereitschaft ist ohnehin begrenzt. Schon vor drei Monaten äußerte sich Etienne de Durand, ein strategischer Berater von US-General Stanley McChrystal, dem Isaf-Oberkommandierenden in Kabul, sehr offen über die momentanen Verhandlungsaussichten: "Da sich die Taliban derzeit in einem Höhenflug befinden, ist es illusorisch, von ihnen Konzessionen zu erwarten." Die Ziele auch der neuen Militäraufstockung liegen nicht mehr darin, die Taliban zu besiegen - sondern sie überhaupt an den Verhandlungstisch zu bringen.

Die Taliban jedenfalls sind derzeit siegesgewiss. Das Fiasko der Präsidentschaftswahl hat sie ebenso befeuert wie die anhaltende Erosion der afghanischen Sicherheitskräfte, von denen viele längst auf lokaler Ebene Stillhalteabkommen mit ihnen geschlossen haben. Die Taliban brauchen nur abzuwarten, zumal Obama ja bereits 2011 als Beginn des Abzuges genannt hat. Selbst in Provinzen, in denen sie gar nicht stark sind, ernennen sie Schattengouverneure. Die Zeit für gnadenreiche Gespräche mit "gemäßigten" Taliban ist vorbei.

Innerer Streit verdeckt die wahren Probleme

Zu Guttenbergs Vorschlag ist von der afghanischen Wirklichkeit also himmelweit entfernt - und illustriert damit zugleich präzise das Dilemma der Debatten um die Kundus-Affäre und ihre Konsequenzen für die deutsche Afghanistan-Politik: Je mehr der Streit um die Abläufe und Hintergründe des Bombardements zu einem Thema der Berliner Politik wird, je mehr die Frage in den Vordergrund rückt, wer was wann wusste, umso mehr rücken die für die Menschen in Afghanistan wichtigen Fragen in den Hintergrund. Zwei Gruppen kommen zu kurz, die mit dem Streit um Kundus ein wenig unmittelbarer zu tun haben als die obersten Verteidiger der Ignoranz im Verteidigungsministerium: die Soldaten und Soldatinnen, die in Kundus auf jeder Patrouillenfahrt nicht wissen, ob sie heil wieder ins Lager zurückkehren. Und jene, die der deutsche Oberst Georg Klein in der Nacht zum 4. September zu "vernichten" befahl.

Einen Beleg dafür, wie wenig die Wirklichkeit vor Ort in Berlin interessiert, liefert allein der schlampige Umgang mit den genauen Opferzahlen des Bombardements. Immer noch heißt es in den paraphrasierenden Zeilen, bis zu 142 Menschen seien gestorben. Dabei gibt es für diese Zahl keine überzeugenden Belege. So hat der stern recherchiert, dass in der Nacht zum 4. September 92 Menschen starben. Es geht dabei nicht darum, die menschliche Dimension dieses Angriffs und seiner Opfer kleinzureden, sondern darum, die Geschehnisse vor Ort möglichst genau zu beschreiben. Man sieht einfach nicht genau hin, wenn es um Afghanistan geht.

Genausowenig, wie es in Deutschland interessiert, dass US-Spezialkräfte und afghanische Milizionäre zwei Monate nach den von den Deutschen befohlenen Angriffen ein Dorf nur wenige Kilometer nördlich der entführten Tanklastzüge fünf Tage und Nächte lang bombardierten und dort nach eigenen Angaben mehr als 130 Taliban töteten. Sie meldeten keinen einzigen Zivilisten. Auch das kann nicht sein. Und es würde sich lohnen, genauer hinzusehen, die Opferzahlen genau zu recherchieren, zu dokumentieren zu bewerten. Das betroffene Dorf heißt Gultepa. Auch was dort geschah, ist ein wichtiger Teil der Realität in Afghanistan.