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Very British: Brown wegen Behinderung bloßgestellt

Britische Boulevardblätter kennen kaum Geschmacksgrenzen. Aber Premier Gordon Brown wegen seiner Behinderung an den Pranger stellen? Das geht den Briten zu weit, berichtet stern-Korrespondentin Cornelia Fuchs.

Der Brief an Jacqui Janes kam aus der Downing Street Nummer 10. Mit schwarzem Filzschreiber bot der britische Premier Gordon Brown "in größter Trauer" der Familie Janes seine "persönlichen Beileidswünsche" für einen "mutigen, selbstlosen und professionellen" Soldaten, der sein Leben in Afghanistan verloren hatte.

Gordon Brown hat bereits hunderte solcher Briefe geschrieben, über 90 allein in diesem Jahr, dem blutigsten für die britischen Streitkräfte seit dem Beginn des Einsatzes in Afghanistan im Jahr 2001. Stets schreibt Brown seine Worte mit einem dicken, schwarzen Filzschreiber. Es ist bekannt, dass seine Handschrift kaum leserlich ist. Sein Schreibtisch, die Ledersitze in seinem Dienstwagen, sein Rednerpult im Unterhaus sind markiert mit schwarzen Strichen - Gordon Brown ist seit einem Rugby-Unfall in seiner Jugend auf dem linken Auge blind. Sein rechtes Auge ist durch eine Netzhautablösung stark beeinträchtigt.

Von der "Sun" vorgeführt

Es ist diese Behinderung des Premierministers, die nun für einen neuen Tiefpunkt der politischen Auseinandersetzung in Großbritannien gesorgt hat. Jacqui Janes, die Mutter des toten Soldaten, sah in dem Brief des Premiers keine Sympathie-Bekundung, sondern eine Beleidigung. Die spinnenartig angeordneten Wörter, krakelig und unschön anzusehen, waren für sie Anlass, sich an die größte Boulevard-Zeitung des Landes zu wenden.

Der Premier hatte ihren Namen falsch geschrieben, die Anrede sah aus wie "James" und nicht "Janes". Dann schienen Vokale ausgelassen, der Buchstabe "o" verwandelte sich in "u". Die Nation beugte sich am Montag über den reproduzierten Brief und gab ihrem Premier in Schönschrift eine Fünf.

Die "Sun" schäumte auf der Titelseite: "Bloody shameful", "verdammt beschämend". Seit Oktober hat sich das Blatt offiziell von der Regierungspartei abgewandt, die sie seit dem Amtsantritt von Tony Blair unterstützt hatte. Stattdessen gesellt sich die Zeitung nun offen zur Opposition - die diese Hilfe angeblich mit weit reichenden Zusagen für das Medienimperium des Robert Murdoch bezahlt hat für die Zeit nach der Machtübernahme im nächsten Jahr.

Telefongespräch aufgezeichnet

Die Redakteure der "Sun" veröffentlichten jedoch nicht nur den persönlichen Brief an die Mutter des Soldaten. Gordon Brown, aufgeschreckt durch die Meldung über die bevorstehenden Schlagzeilen in der Sun, rief bereits am Sonntagabend Jacqui Janes an. Gordon Brown wollte der Frau versichern, dass sein Brief mit der besten Absicht geschickt wurde. Und ihn die Tatsache, dass sie seine Worte als Beleidigung aufgefasst hatte, zutiefst beschämt habe.

Doch Frau Janes zeichnete das Telefongespräch auf, und die Sun veröffentlichte es als Abschrift mit jedem Gestotter und Geräusper des Premiers. Gordon Brown wurde der Nation vorgeführt wie ein Bulle an einem Ring durch die Nase. Und es scheint, als sei die Zeitung damit einen Schritt zu weit gegangen.

Auch Konservative empört

Denn so unbeliebt Gordon Brown als Politiker ist - als Mensch gilt er als integer. Brown kennt große Trauer in seinem Leben, seine erstgeborene Tochter verstarb nach wenigen Tagen im Krankenhaus, sein zweiter Sohn hat Mukoviszidose. Was immer man ihm politisch vorwerfen kann, fehlendes Mitgefühl gehört nicht dazu. Die Kampagne der "Sun" hatte in ihrer Unerbittlichkeit plötzlich den Anschein, als würde die Zeitung auf einen am Boden liegenden Mann einschlagen.

Dabei gibt es durchaus Grund, die Labour-Regierung für ihre Afghanistan-Politik zu kritisieren. Fast jeden Tag werden neue Opfer in den Nachrichten vermeldet, allein fünf Särge kamen am Dienstag in dieser Woche zurück nach Hause. Nachdem dutzende Soldaten in einer Operation starben, die Wahlen ermöglichen und die Taliban aus Dörfern in der Provinz Helmand treiben sollte, scheint die Regierung in einer Umkehrung der Strategie nun den Rückzug der Einheiten in größere Städte zu planen und die zurückeroberten Gebiete wieder den Aufständischen zu überlassen.

Diese wichtigen Argumente treten jedoch angesichts der Schmutzkampagne der "Sun" in den Hintergrund. "Ich verabscheue Gordon Browns Politik", schreibt Peter Robinson in der konservativen Tageszeitung "Daily Mail": "Aber er verdient mit Sicherheit nicht, so misshandelt zu werden." Und die Kolumnisten Melanie Reid schreibt in der Zeitung "Times": "Wie reizend, einen behinderten Mann an den Pranger zu stellen."

Brown, eine tragische Figur

Gordon Brown selber verteidigte sich in einer Pressekonferenz für seine Handschrift - und für sein Gestotter beim anschließenden Telefongespräch, das entgegen seines Wissens (und ohne seine Zustimmung) aufgezeichnet worden war. "Ich bin schüchtern", erklärte er - und dass er gerne mehr über die Schwierigkeit gesprochen hätte, mit dem Tod eines Kindes fertig zu werden: "Aber ich hatte das Gefühl, dafür kenne ich Frau Janes nicht gut genug."

Die Konservativen haben sich in den vergangenen Tagen auffällig zurückgehalten. Es scheint, als wollten sie sich so weit wie möglich von den Praktiken der "Sun" distanzieren. Das scheint auch sinnvoll zu sein: Die meisten Briten haben genug von den Spielchen ihrer Machthaber. Und sie fragen sich angesichts eines Premiers, der immer niedergeschlagener wirkt: Wie lange will er sich das noch antun?