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Very British: Cameron, der Spar-Premier

Nach fünf Tagen Machtkampf ist David Cameron als neuer britischer Premier Premier in die Downing Street 10 eingezogen. Die schwere Zeit hat für ihn damit gerade erst begonnen. Er wird an schmerzhaften, radikalen Sparmaßnahmen nicht vorbeikommen. Und auch ein neuer politischer Gegner läuft sich schon mal warm.

Von Cornelia Fuchs, London

Für einen kurzen Moment legte der neue britische Premier seiner Frau Samantha ganz zärtlich die Hand auf den vorgewölbten Bauch, und sein Gesicht löste sich etwas. Er mag in diesem Moment daran gedacht haben, dass sein viertes Kind tatsächlich hier aufwachsen wird, in den Räumen über der schwarz-glänzenden Tür in der Downing Street.

Es war ein kleines Zeichen der Freude von dem Mann, der jetzt die Geschicke der Briten lenken wird - und der verantwortlich sein wird für das Abtragen eines Schuldenbergs griechischer Ausmaße. Cameron muss über ein ganz besonderes Sendungsbewusstsein verfügen, dass er angesichts dieser Umstände trotzdem der neue Premier Großbritanniens werden möchte. Der Gouverneur der Bank of England sagte in einer düsteren Prognose zu den tiefen Einschnitten, die notwendig werden noch in diesem Jahr: "Wer immer dies verantworten muss, wird danach zehn Jahre unwählbar sein."

Die erste wahrhafte Koalition seit 70 Jahren

Doch David Cameron wird nicht allein verantwortlich sein wird für die Regierungspolitik der großen Einschnitte - vielleicht hat ihm auch das ein kleines Lächeln entlockt auf den Stufen der Downing Street. Im selben Boot sitzen die Liberaldemokraten unter dem jugendlichen Vorsitzenden und inzwischen Vize-Premier Nick Clegg. Es ist die erste wahrhafte Koalitions-Regierung in Großbritannien seit 70 Jahren.

Fast könnte man diese Konstellation un-britisch nennen, auf jeden Fall untypisch für ein Land, das eigentlich gewohnt ist, dass beim Regierungswechsel wie bei einem guten Fußballspiel der Sieger sofort feststeht und der Verlierer gefälligst das Feld zu räumen hat. Doch nun teilen sich zwei Gewinner das Siegertreppchen, und einige Kommentatoren glauben, dass es nicht lange dauern wird, bis das Geschubse um die bessere Position anfangen wird.

Jung, klug und erfolgreich

Dabei ist wahrscheinlicher, dass David Cameron sich mit seinem politischen Partner Nick Clegg besser versteht als mit einem nicht unwesentlichen Teil seiner eigenen Partei und Parlaments-Fraktion. Nick Clegg steht Cameron in vielen Punkten näher als die rechten Haudegen der konservativen Partei.

Wie Cameron ist Nick Clegg ein Senkrechtstarter der Partei, beide kommen aus privilegierten Familien, haben Internate besucht und die Elite-Universitäten Oxford und Cambridge. Beide wurden direkt nach ihrem Uni-Abschluss von Parteigrößen wie John Major oder dem Liberaldemokraten Paddy Ashdown als außergewöhnliche Talente entdeckt und gefördert. Keiner von beiden musste je ernsthaft befürchten, dass ihr Aufstieg in der Partei gefährdet sei.

Reformen bedeuten Feinde

Was die beiden Parteivorsitzenden vor allem eint, ist ihr gemeinsamer Reformwillen: Beide mussten ihren Leuten beibringen, dass eine Partei, die den Wahlerfolg will, sich auf die Mitte zubewegen muss. Cameron arbeitete mit Ausflügen in die Arktis und Fotos auf dem Fahrrad darum, seine Konservativen vom rechten Rand nach links zu drücken, Clegg dämmte linke Politikideen bei den Liberaldemokraten ein. In den wesentlichen Punkten, das zeigten die Koalitionsverhandlungen, sind die Parteien von Clegg und Cameron nicht mehr weit voneinenader entfernt.

Mit den Reformen haben sich beide jungen Vorsitzenden Feinde gemacht in den eigenen Parteien. Vor allem David Cameron wurde in den vergangenen Tagen von den Rechten aus den eigenen Reihen angefahren, er habe der Partei die eindeutige Mehrheit gekostet mit einem wasch-weichen Wahlkampf rund um mehr Eigenverantwortung und dem Versprechen, den Rotstift auf keinen Fall beim staatlichen Gesundheitsdienst anzusetzen, den mit Abstand größten staatlichen Arbeitgeber.

Fünf Jahre politische Männerfreundschaft

Sollte Cameron diese Rechten weiter Ärger bereiten, steht Nick Clegg mit seinen Parlamentariern bereit, um im Zweifel für Cameron und seine Politik-Ideen abzustimmen. Ihren guten Willen demonstrierten die beiden Männer heute das erste Mal auf der berühmten Schwelle der Downing Street, wo sie für die Kameras posierten und Hände schüttelten.

Als sie dann im Haus verschwanden, klopften sich Cameron und Clegg auffallend häufig in der typischen Art einer Männerfreundschaft auf Schultern und Oberarme. Fünf Jahre lang, so haben sie sich im Koalitionsvertrag versprochen, werden sie zusammenarbeiten bis zur nächsten Wahl.

Dann werden sie es möglicherweise mit David Miliband zu tun bekommen. Der bisherige britische Außenminister hat jedenfalls seine Kandidatur für den Vorsitz der Labour-Partei bekannt gegeben. Er wolle mit "großer Bescheidenheit" und "großer Leidenschaft" für die Werte antreten, die ihn vor 27 Jahren zu der traditionsreichen Labour-Partei gebracht hätten, erklärte der 44-Jährige in London.

Es wird abzuwarten sein, ob diese Partnerschaft solange überlebt.