Very British Cheries saftige Anekdoten


Cherie Blair hat es nicht einfach gehabt mit den britischen Medien. Raffgierig wurde sie genannt, leichtgläubig, sogar Lügnerin. Nun erscheint ihre Autobiographie "Speaking for myself - Jetzt rede ich". Erste Auszüge werden auf der Insel bereits heiß diskutiert.
Von Cornelia Fuchs, London

Was die Queen davon hält, dass Leo Blair im Gästebett des königlichen Schlosses in Balmoral gezeugt wurde, ist noch nicht überliefert. Doch dass es genau hier geschah, daran gibt es keinen Zweifel mehr. Cherie Blair hat nicht mit Einzelheiten gespart, als sie die Umstände des fruchtbaren Beischlafs in ihrer neuen Autobiographie beschrieb. Beim ersten Besuch auf dem schottischen Feriendomizil der Königin seien die Diener - wie generell bei Besuchern üblich - durch ihr Gepäck gegangen und haben den gesamten Inhalt ihres antiquierten Kulturbeutels sorgfältig im Badezimmer aufgereiht. Dazu gehörte offensichtlich auch "Unzitierbares", wie Cherie Blair Verhütungsmittel zu benennen pflegt.

Um sich diese Peinlichkeit der dienerlichen Untersuchung zu ersparen, packte Frau Blair bei einem zweiten Besuch auf Balmoral erst gar keine Verhütungshilfen mehr ein. Da es nachts aber entschieden feucht und kalt war im Schloss, führte eines zum anderen im Gästezimmer und schließlich zu einem positiven Schwangerschaftstest wenige Wochen später.

Diese freizügigen Geständnisse werfen bei britischen Kolumnisten insbesondere zwei Fragen auf. Erstens: Welche Monstrositäten Cherie Blair um Himmels Willen zur Verhütung verwendet, die so groß und unhandlich sind, dass man sie nicht in der Handtasche mit sich tragen kann, um sie den Augen der königlichen Angestellten zu entziehen? Und zweitens: Warum versenkt Cherie Blair so genüsslich das Messer in ihren alten Gegenspieler und jetzigen Premierminister Gordon Brown?

Nadelstiche gegen Gordon Brown

Denn die Episode rund um ihre Schwangerschaft enthält auch eine Passage, in der Cherie spekuliert, wer die Neuigkeit ihrer anderen Umstände an die Presse weitergegeben habe. Das Krankenhaus, so Cherie, könne es nicht gewesen sein, dort sei sie anonym registriert worden. Niemand außer ihrem Mann, ihren Presseleute und Gordon Brown wusste von ihrer Schwangerschaft. Und letzterer hatte nur davon erfahren, weil er Tony Blair als damals noch Alleinstehender Leid getan habe. Ein weiteres Kind im Hause Blair hätte Brown noch einsamer aussehen lassen, so die Argumentation, da sei es nur angemessen, ihm wenigsten früh genug vom baldigen Zuwachs in der Blair-Sippe zu erzählen.

Gordon Brown als miesepetriger Single, der dem Premier Blair seinen Baby-Sohn nicht gönnt - dieses Bild wird dem heutigen Bewohner der Downing Street nicht gefallen. Angeblich, so heißt es aus publizistischen Kreisen, sei der Erscheinungstermin von Cheries Autobiographie um Wochen nach vorne verlegt worden. Denn im Moment braut sich eine innerparteiliche Revolution gegen den Premierminister Brown zusammen. Er sei unzugänglich und politisch angeschlagen, ein neuer charismatischer Labour-Mann müsse sich an die Spitze der Partei setzen, heißt es hinter vorgehaltener Hand.

In einer solchen Atmosphäre haben Cherie Blairs gewürzte Erinnerungen und die Vorab-Veröffentlichungen in "Sun" und "Times" höhere Absatzchancen. Nur, neu sind diese Enthüllungen nicht unbedingt. Es ist nicht besonders überraschend, dass Cherie Blair an Gordon Brown kein gutes Haar lässt. Die beiden haben sich nie verstanden und haben daraus auch keinen Hehl gemacht. Als Brown in der Abschiedsrede für den scheidenden Premier von der langen guten Zusammenarbeit sprach, soll Cherie gemurmelt haben, dass dies ja wohl eine Lüge sei.

Liverpooler Kodder-Schnauze

Erstaunlicher ist, dass Cherie Blair - ob gewollt oder nicht - auch ihren Ehemann nicht glorreich aussehen lässt. So erzählt sie von ihrer Fehlgeburt drei Jahre nach der Ankunft ihres jüngsten Sohnes Leo. 2002, da war Cherie Blair 47 Jahre alt, wurde bei einer Ultraschalluntersuchung der Tod des Embryos festgestellt. Noch während Cherie Blair im Krankenhaus lag, ihr Kind hatte sie gerade verloren, teilten ihr Tony und sein Presseguru Alistair Campbell mit, dass diese Neuigkeit nun an die Presse weitergegeben würde. Ansonsten wirke die Absage einer Urlaubsreise der Blairs nach Frankreich seltsam, es war die Zeit der Vorbereitung des Irak-Krieges. Tony Blair erscheint in diesem Moment nicht gerade als fürsorglicher Familienmensch.

Cherie Blair hatte stets ein seltsames Verhältnis zur britischen Öffentlichkeit, und auch ihre Autobiographie spiegelt dies wider. Auf der einen Seite mochten viele sie für ihre Liverpooler Schnauze. Der Tochter der Königin, Prinzessin Anne, sagte sie beispielsweise auf einer Gartenparty: "Sie können mich ruhig Cherie nennen!" Als diese indigniert erwiderte, so sei sie nicht erzogen und sie bliebe bei Mrs Blair, schnappte Cherie zurück: "Wie schade!" Doch ihre Kodder-Schnauze hielt sie auch nicht davor zurück, für sich und ihre Familie stets das Beste herauszuschlagen. Kostenlose Luxus-Ferienreisen, bezahlt von reichen Freunden, Freebies in Designer-Geschäften und Immobilien-Käufe, in die ein dubioser Mann mit einer Betrugsvergangenheit verwickelt waren - das war die andere Seite der überaus erfolgreichen Anwältin Cherie Booth.

Auf diese Seite wirft sie wenig neues Licht in ihrer Autobiographie. Sie erzählt zwar, wie ihr die geballte Wut des Presseteams in der Downing Street entgegenschwappte, als diese herausfanden, dass Cherie tatsächlich beim Kauf zweier Appartements in Bristol mit einem Betrüger zu tun hatte - und genau darüber vorher gelogen hatte. Doch eine Erklärung über diese Episode bleibt sie größtenteils schuldig.

Als Gordon Brown Premierminister wurde, prophezeiten einige politischen Kommentatoren, dass nun endlich wieder Ernsthaftigkeit einziehen würde in die Downing Street. Weniger private Geschichten von Babywindeln bis Luxus-Geschenken und mehr politische Grundsatzdiskussionen. Doch wenige Monate nach diesem Wechsel zeigt das Medienecho auf Cherie Blairs Memoiren, dass es genau dies ist, was Großbritannien vermisst: ein paar saftige Anekdoten. Die Frage für die Blairs wird sein: Sind es diese Seifenoper-Arien, die von dem Projekt New Labour in Erinnerung bleiben sollen?


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