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Very British: Die City zittert und zelebriert

Die Londoner City ist das Zentrum der Finanzjongleure in Europa, Himmel oder Hölle für junge Banker. Im ersten Beitrag für ihre neue Kolumne "Very British" beschreibt stern-Korrespondentin Cornelia Fuchs, wie die Börsenkrise im Bankenviertel einschlägt, wie viel Geld vernichtet wird, wie die Briten um ihre Häuser bangen - und weshalb einige jubilieren.

120 Milliarden Pfund sind an diesem schwarzen Börsen-Montag aus den Bilanzen britischer Firmen gelöscht worden. Und das, so sagen Experten, war noch längst nicht alles, was die weltweite Finanzkrise für die britische Hauptstadt bereithalten wird. Pessimisten sagen voraus, dass ein Jahr der Negativ-Rekorde auf London wartet.

Von Bord einer Themse-Fähre aus betrachtet strahlen die Hochhäuser im Bankenviertel Canary Wharf in der Dunkelheit. Die Lichter hinter den Fassaden aus Glas und Stahl werden nie ausgeschaltet, nicht am Wochenende, nicht in der Nacht. Die vielen Fenster sehen aus wie Waben eines fleißigen Bienenvolkes, das in gleißendem Neonlicht immer weiter vor sich hin werkelt.

Auf den Dächern der Türme prangen in riesigen Buchstaben die Namen der großen Finanz-Institute, die heute vor allem mit den Summen auffallen, die sie abschreiben müssen - HSBC über eine Milliarde Euro, UBS über fünf Milliarden Euro, Citigroup über 15 Milliarden Euro.

Kredite wie stinkender Fisch

Seit Sommer vergangenen Jahres ist bekannt, dass etwas faul ist auf den Finanzmärkten. Ausgelöst wurde die Krise durch eine anscheinend clevere Vermarktung von unsicheren US-Krediten als neue Finanzpakete mit seltsamen Namen und einem "Triple-A-Rating". Den wahren Wert scheinen noch nicht einmal diejenigen beziffern zu können, die diese Finanzinstrumente erfunden haben. Ein Londoner Experte hat diese Pakete mit schlecht riechendem Fisch verglichen, den ein Sushi-Meisterkoch noch einmal zu wunderbar aussehenden Sashimi-Stücken verarbeitet hat.

Doch seit dem Sommer wussten die Experten in London, dass die Finanzpakete stanken, dass ihr Wert nicht mehr zu halten war, weil Menschen in den USA ohne Sicherheit und ohne Job die Kredite einfach nicht zurückzahlen konnten. Irgendjemand würde auf den Obligationen sitzen bleiben. Und so begann das Misstrauen wie bei allen Banken auch in die Londoner City einzuziehen.

Und ab dieser Woche, seit den Kurs-Stürzen am Montag und den düsteren Prognosen, die darauf folgten, ist dem Misstrauen in der City die Angst in die ganze britische Hauptstadt gefolgt.

Kreditkrise erreicht Normalbürger

Am Beginn der Kreditkrise hat mir ein Experte mit Büro in einem der Hochhäuser versichert, dass der "normale Bürger" nichts zu befürchten hätte. Die Fehler seien von Finanzexperten gemacht worden, und es seien die Finanz-Institute, die diese ausbaden müssten. Renten, Hypotheken und Ersparnisse seien nicht betroffen. Wer anderes behaupte, verbreite unnötigen Schrecken. Namentlich zitiert werden wollte er mit dieser Aussage jedoch nicht.

Die Situation vor allem in London sieht schon längst völlig anders aus. Was als seltsame Finanz-Jonglage begonnen hat, hat inzwischen schon längst die "normalen Menschen" erreicht. Über die Hälfte der britischen Bevölkerung lebt mit einer - für deutsche Gewohnheiten völlig überzogen hohen - Hypothek. Vor allem junge Briten haben sich so viel Geld geliehen, dass sie kaum den tatsächlichen Kredit abbezahlen können und sich bis weit ins Renten-Alter mit Rückzahlungen festgelegt haben. Durch die Kreditkrise steigen nun die Zinsen für neue Hypotheken - und, fast noch schlimmer, die große Wertsteigerung britischer Immobilien hat abrupt angehalten.

Verzweifelte Verschuldete

Ein Haus in London kostet inzwischen durchschnittlich 600.000 Euro. Konkret heißt das, dass eine kleine Dachgeschosswohnung mit gerade 60 Quadratmetern in einem nördlichen Vorort Londons für mehr als 550.000 Euro zum Verkauf steht. Wer zu diesen Preisen in der Vergangenheit gekauft hat, hat damit gerechnet, dass unter anderem die Wertsteigerung der Immobilie den Kredit abträgt - bis zu 200 Prozent ist der Wert Londoner Wohnungen in den vergangenen Jahren gestiegen. Aber solche Wertsteigerung gibt es im Moment nicht mehr. Tatsächlich sind die Hauspreise in London im Dezember um über fünf Prozent gefallen.

Fast jeder in London kennt inzwischen jemanden, der seine Schulden nur mehr balanciert und schon längst nicht mehr tilgen kann. Geschichten machen die Runde von Verzweifelten, die ihre Hypotheken-Raten mit Kreditkarten abbezahlen und diese Rechnungen wieder mit neuen Kreditkarten. Die Briten haben geschätzte 2,1 Billiarden Euro Schulden. Jede Verteuerung von geliehenem Geld bedroht in diesem Land das finanzielle Wohlergehen von Millionen. Noch hält die Balance, noch haben sich neue Kredite nicht so verteuert, dass gar nichts mehr geht in diesem Schuldenkarussell.

Aber die Voraussagen sind düster: Hunderttausende werden in diesem Jahr ihre Hypotheken neu verhandeln müssen, die Zinsen steigen seit Monaten. Niemand weiß, wie viele Briten dann einfach nicht mehr zahlen werden können - und wie viele Not-Verkäufe dann den Häusermarkt überschwemmen und dort die Preise weiter drücken werden.

Nur der Finanzsektor profitiert

Nur das Bankenviertel bedroht die Finanzkrise nicht wirklich. Tatsächlich ist es sogar so, dass die, die für die Misere verantwortlich sind, weil sie die wahre Welt hinter ihren Finanz-Spekulationen vergessen haben, wahrscheinlich ganz glimpflich davonkommen werden. Die Mathematiker und Physiker, die viele der Finanzmodelle ausgearbeitet haben, wurden vor einigen Jahren von den Banken heiß umworben. Die meisten wurden mit großzügigen, garantierten Auszahlungen gelockt - selbst, wenn sie sofort gekündigt werden sollten, kostet das ihre Arbeitgeber richtig Geld.

Eine BBC-Radiosendung über die Kreditkrise endete trotz aller Endzeit-Stimmung recht positiv: Diese unsichere Zeit sei in Wirklichkeit ein Geschenk für den Finanzplatz London. Die Banken können die Mitarbeiter loswerden, die nicht mehr genug einbringen und dafür jüngere, billigere Arbeitskräfte direkt von der Universität einstellen - alles unter dem Deckmantel der problematischen Wirtschafts-Situation. Und das neue Kapital, das jetzt aus China und Indien nach London fließt, um hier in schlechten Zeiten billig einzukaufen, wird den Londoner Finanzmarkt für die Zukunft rüsten und internationaler werden lassen. Während die Schlagzeilen noch von der Katastrophe an den Börsen künden, weckt eben diese Situation in Canary Wharf so etwas wie einen Jagdinstinkt. Von unglaublichen Gewinnen der Hedgefonds wird gemunkelt, die Optionen auf den Niedergang der Börse aufgestellt haben und jetzt kassieren. Oder, wie es ein Investmentmanager in einer Londoner Kneipe formuliert, der seinen Namen lieber nicht nennen will: "Schwierige Zeiten sind die Zeiten, in denen man Geld machen kann. Ich liebe jede Minute, die das anhält."