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Vormarsch: Bagdad bereits in Sichtweite

Nach amerikanischen Angaben sind erste Einheiten der US-Truppen bis auf 30 Kilometer vor die Stadtgrenze Bagdads vorgedrungen. Militärs sprachen von den bislang stärksten Kämpfen des Krieges, in denen eine Eliteeinheit der Republikanischen Garden vernichtet worden sei.

Nach massiven Angriffen auf irakische Eliteeinheiten haben sich US-Truppen am Mittwoch vom Süden her bis auf wenige Kilometer der Hauptstadt Bagdad angenähert. Nach Angaben des US-Militärs rückten bereits einige Einheiten über eine Linie vor, ab der Kommandeure einen Angriff der irakischen Verteidiger mit chemischen Waffen auf die alliierten Truppen für möglich halten.

Einige Einheiten hätten sich der Stadtgrenze Bagdads bis auf 30 Kilometer angenähert, hieß es in Militärkreisen. Militärsprecher sprachen von den bislang stärksten und bedeutsamsten Kämpfen des Krieges, eine große Division der irakischen Eliteeinheit Republikanische Garden sei vernichtet worden. In Bagdad wurden bei einem US-Luftangriff bei Treffern bei einer Geburtsklinik der Hilfsorganisation Roter Halbmond nach Angaben von Krankenhausvertretern und Augenzeugen mehrere Menschen getötet. Reuters-Reporterin Samia Nakhoul berichtete, auf der Straße stünden mindestens fünf zerstörte Fahrzeuge, die Insassen seien verbrannt. An den Finanzmärkten legten die Kurse von Aktien und der Dollar als Reaktion auf das Vorrücken der US-Einheiten deutlich zu, während sich Gold und Öl verbilligten.

Vorhut bereits 30 Kilometer vor Bagdad

Im Zentralirak drangen erste Einheiten der US-Truppen nach Angaben aus US-Militärkreisen bis auf 30 Kilometer vor die Stadtgrenze Bagdads vor. Von Südosten her hätten sich weitere Vorhut-Einheiten bis auf 40 Kilometer der Stadt genähert. Bei dem Vorrücken seien die Truppen auf weniger Widerstand gestoßen als erwartet, sagten Offiziere.

Marineinfanteristen eroberten eine wichtige Brücke über den Tigris, während westlich davon Soldaten der 3. Infanteriedivision an der Stadt Kerbela vorbei in Richtung Euphrat und Bagdad marschierten. "Der heutige Einsatz ist ein großer Schritt", sagte ein ranghoher US-Offizier zu Reuters. Nach Angaben des US-Militärs wurde die Bagdad-Division der Republikanischen Garden vernichtet.

Die beiden abgestimmten Vorstöße vom Süden her über die Flüsse Tigris und Euphrat folgten auf mehrere Tage, an denen sich die US-geführten Truppen auf die Sicherung ihrer Nachschubwege konzentriert hatten. Die Soldaten der 3. Infanteriedivision begannen ihren Angriff auf Kerbela kurz nach Mitternacht. Unterstützt wurden sie dabei von Kampfflugzeugen, "Apache"-Kampfhubschraubern und schwerem Artilleriefeuer. Der Himmel war von den Lichtblitzen der Einschläge hell erleuchtet. Sie kreisten die Stadt ein und riegelten die wichtigen Ausfallstraßen ab. 30 irakische Soldaten wurden gefangen genommen. Allerdings rückten die Truppen nicht in die Stadt vor. Straßenkämpfe wolle man gegenwärtig vermeiden, teilte das US-Militär mit.

Die Befehlshaber der Truppen hatten eigentlich erwartet, dass es den ganzen Tag zu Kämpfen mit der als schlagkräftig eingeschätzten Medina-Divison der Republikanischen Garde kommen würde, die Kerbela verteidigt. Am Ende dauerte der Einsatz dort nur drei Stunden. "Das US-Militär hat mit einem sehr viel schwereren Kampf gerechnet, aber sie haben nun erklärt, alle Seiten der Stadt seien gesichert und sie würden ihren Vormarsch fortsetzen", berichtete Reuters-Korrespondent Luke Baker, der sich bei der 3. Infanteriedivision befindet.

US-Truppen sichern Brücke über den Tigris

Weiter östlich sicherten US-Marineinfanteristen einen Brückenkopf über den Tigris. "Das ist die letzte Brücke, die wir brauchten", für einen Vormarsch auf Bagdad, sagte ein Offizier dem Reuters-Korrespondenten Sean Maguire. Der Kommandeur der britischen Truppen, Brian Burridge sagte, die entscheidende Phase des Krieges habe begonnen. Er ergänzte jedoch: "Entscheidende Phasen brauchen oft Zeit."

Die irakische Regierung dementierte dagegen, dass die US-Truppen den Tigris überquert hätten. "Ich habe detaillierte Informationen über die Lage, ... die eindeutig beweisen, dass diese Behauptungen Illusionen sind", sagte Informationsminister Said el Sahaf.

Rakete galt offenbar Regierungsgebäude

Reuters-Reporterin Nakhoul berichtete, die bei der Geburtsklinik in Bagdad eingeschlagenen Raketen hätten offensichtlich ein Sicherheitsgebäude der Regierung verfehlt, das in der Nähe liege. Bei den Explosionen bei der Geburtsklinik und anderer ziviler Gebäude seien Patienten sowie mindestens drei Ärzte und Schwestern, die in dem Krankenhaus arbeiteten, verletzt worden.

Nach ähnlichen Treffern mit zivilen Opfern der vergangenen Tage hatte das US-Militär erklärt, neben fehlgeleiteten eigenen Geschossen könnten die Treffer auch von irakischen Flugabwehrraketen stammen, die nach dem Abschuss wieder zurück auf die Erde gefallen seien. Am Montag hatten US-Soldaten zudem an einem Kontrollposten nach Militärangaben sieben Frauen und Kinder erschossen. Die Berichte über zivile Opfer im Irak-Krieg haben zuletzt zu wachsenden Protesten in arabischen Ländern gegen die Invasion der Alliierten im Irak gesorgt.

Im Norden des Landes griffen zudem B-52-Bomber irakische Stellungen zwischen den Städten Dahuk und Mossul an. In Bagdad wurde das Hauptquartier von Saddams einflussreichem Sohn Kusai getroffen, während in der zentralirakischen Stadt Nadschaf Kampfflugzeuge Kämpfer der Saddam-treuen Fedajin-Milizen beschossen. "Wir werden sie vernichten", sagte ein US-Offizier.

Samia Nakhoul und Sean Maguire