Wahl in Italien Das unentschlossene Viertel entscheidet sich


Italien wählt eine neue Regierung. Nach einem aggressiven Wahlkampf müssen sich die Italiener zwischen Ministerpräsident Silvio Berlusconi und Romano Prodi entscheiden, das Ergebnis wird knapp ausfallen.

In Italien haben am Morgen die Wahllokale für den zweiten Tag der Parlamentswahlen geöffnet. Am Sonntag hatten bereits 66,5 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. Die Wahllokale bleiben bis 15.00 Uhr geöffnet. Unmittelbar danach wird mit ersten Prognosen gerechnet, amtliche Ergebnisse dürften am Abend vorliegen.

Rund 50 Millionen Wahlberechtigte können darüber entscheiden, ob das Land weiterhin von der Mitte-rechts-Koalition unter Ministerpräsident Silvio Berlusconi oder vom linken Bündnis des früheren EU-Kommissionspräsidenten Romano Prodi regiert wird. Zu vergeben sind 630 Sitze im Abgeordnetenhaus und 315 im Senat. Während der zwei Wochen vor der Abstimmung war die Veröffentlichung neuer Umfragen nicht mehr erlaubt. Davor hatte Prodi rund zwei Jahre lang vor Berlusconi gelegen - zuletzt betrug der Vorsprung 3,5 bis fünf Prozentpunkte. Allerdings hatte auch fast ein Viertel der Befragten angeben, noch unentschlossen zu sein.

Erste Prognosen werden kurz nach der Schließung der Wahllokale am Montag um 15 Uhr erwartet. Amtliche Ergebnisse dürften erst Montagabend vorliegen. Bis zur Bildung einer neuen Regierung dürfte Experten zufolge mindestens ein Monat vergehen.

"Es ist ein schöner, sonniger Tag"

Favorit Prodi gab seine Stimme in seiner Heimatstadt Bologna ab. "Ich habe gut geschlafen. Es ist ein schöner, sonniger Tag. Und ich hoffe, dass alles auf die bestmögliche Art ausgeht." Berlusconi erschien mit seiner Mutter in einem Wahllokal in der Finanzmetropole Mailand. "Mach ein Kreuz, wo Forza Italia steht", forderte er die 95-Jährige auf und wurde umgehend von einem Mitarbeiter des Wahllokals getadelt. "Noch nicht einmal bei meiner Mutter?", fragte Berlusconi lächelnd. Berlusconi war in der Vergangenheit wiederholt vorgeworfen worden, gegen die Wahlkampfregeln zu verstoßen.

Der Regierungschef - der treueste Verbündete der USA in Kontinentaleuropa - setzt seine Hoffnungen vor allen auf neue Steuerversprechen, die er in der letzten Wahlkampfphase gemacht hat. Doch selbst er hat in den vergangenen Tagen von der Möglichkeit einer Niederlage gesprochen. Seine größte Chance sehen Experten in einer hohen Wahlbeteiligung, da die Anhänger der Linken traditionell leichter zu mobilisieren sind. Bis zum Mittag hatten 16,7 Prozent der Wahlberechtigten abgestimmt.

Bei einem Sieg Prodis könnte es zu einer Abkühlung der Beziehungen Italiens zu den USA kommen. Zwar werde Prodi keine 180-Grad-Drehung in der Außenpolitik vollziehen, aber er werde Europa wieder oberste Priorität auch vor den USA einräumen, prognostizieren Experten. Prodi hat bereits einen Abzug der italienischen Soldaten aus dem Irak in Aussicht gestellt.

Dritthöchster Schuldenberg der Welt

Egal ob Berlusconi oder Prodi, der Wahlsieger wird sich mit dem weltweit dritthöchsten Schuldenberg zurechtfinden und der stagnierenden Wirtschaft gleichzeitig neues Leben einhauchen müssen. Die Wirtschaft wuchs in der Regierungszeit Berlusconis im Schnitt lediglich um 0,6 Prozent pro Jahr. Eine Niederlage des Amtsinhabers könnte dieses Mal nach Einschätzung von Experten sogar dessen Rückzug aus der Politik nach sich ziehen.

"Mit der Regierung Berlusconi drehte sich alles um Geld, Geld, Geld. Prodi wird eine kultiviertere Gesellschaft fördern und jungen Menschen Hoffnung geben", sagte eine Mitarbeiterin einer Sprachenschule in Rom. Ein Angestellter aus der Tourismus-Branche sagte, er habe für das Regierungslager gestimmt, ergänzte aber: "Ich glaube, Prodi wird gewinnen. Der Wahlkampf wurde vollständig von Berlusconi dominiert, und dies hat einige der guten Dinge verdeckt, die die Regierung getan hat." Der Wahlkampf war einer der aggressivsten der Nachkriegszeit. Berlusconi hatte Anhänger des Prodi-Bündnisses als "Trottel" beschimpft. Dabei verwendete er einen unflätigen Ausdruck, der auch mit "Hoden" zu übersetzen ist. Am Sonntag trugen viele Anhänger der Opposition zum Wahlgang T-Shirts mit dem Aufdruck: "Ich bin ein Trottel."

Reuters Reuters

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