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Wahl zur Nationalversammlung: Frankreich steht vor Linksrutsch

Erst ein Sozialist als Präsident, nun ein mehrheitlich links geprägtes Parlament? Nach der zweiten Wahlrunde zur Nationalversammlung könnte Frankreich ein Machtwechsel bevorstehen.

Sechs Wochen nach der Präsidentenwahl in Frankreich haben die Bürger der zweitgrößten EU-Volkswirtschaft am Sonntag über die neue Zusammensetzung des Parlaments abgestimmt. Nach Umfragen wurde dabei ein Machtwechsel von rechts nach links prognostiziert. Die Beteiligung an der zweiten Wahlrunde zur Nationalversammlung war zunächst eher verhalten. Bis zum Mittag gaben nach Angaben des Innenministeriums 21,4 Prozent der wahlberechtigten Franzosen im europäischen Kernland ihre Stimme ab. Das waren kaum mehr als bei der ersten Wahlrunde vor einer Woche. Am Schluss hatte die Beteiligung am 10. Juni bei 57,2 Prozent gelegen. Offizielle Hochrechnungen wurden erst nach Schließung der Wahllokale um 20 Uhr erwartet.

Frankreichs neuer Präsident François Hollande kann bei der Endrunde der Parlamentswahl auf eine absolute Mehrheit für seine Sozialisten hoffen. Ein solcher Ausgang würde auch seine Position in den Gesprächen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stärken, die gegen die von Hollande geforderten Eurobonds und jegliche Aufweichung der Budget-Disziplin ist. Die französische Linke könnte dann nahezu ungehindert die französische Politik bestimmen. In der zweiten Parlamentskammer, dem Senat, hat sie seit dem Vorjahr die Mehrheit.

Der bislang dominierenden konservativen UMP des am 6. Mai abgewählten Präsidenten Nicolas Sarkozy droht dagegen die Opposition. Die Rechtspopulistin Marine Le Pen von der Front National (FN) hofft ebenso wie ihre Nichte Marion Maréchal-Le Pen auf einen Einzug in die Nationalversammlung - die 22-Jährige wäre bei einem Wahlerfolg die jüngste Abgeordnete. Die FN setzt zudem auf eine Annäherung an die UMP, um sich mit ihr politisch neu zu formieren.

Absolute Mehrheit oder Grünen-Koalition

Die erste Parlamentskammer hat 577 Sitze, die absolute Mehrheit liegt bei 289 Abgeordneten. Insgesamt sind knapp 46 Millionen Franzosen wahlberechtigt. In den französischen Überseegebieten wurde schon am Vortag gewählt. Im ersten Wahlgang vor einer Woche hatten nur 36 Kandidaten ein Mandat errungen.

Sollte die Parti Socialiste (PS) nicht allein auf die absolute Mehrheit kommen, dürfte es zu einer Koalition mit den Grünen kommen. Sie haben ein Bündnis mit der PS geschlossen und werden bei 14 bis 20 Sitzen gesehen.

Mit Spannung wird das Ergebnis im Wahlkreis von La Rochelle erwartet, wo die sozialistische Spitzenpolitikerin Ségolène Royal um ihr Mandat bangte. Sie stimmte dort bereits am Vormittag ab. Ein örtlicher Partei-Abweichler weigerte sich, seine eigene Kandidatur zurückzuziehen, um der Ex-Partnerin von Präsident Hollande seine Stimmen zugutekommen zu lassen. Eine Solidaritätsadresse von dessen Lebensgefährtin Valérie Trierweiler an Royals Gegenspieler löste eine politische Kontroverse aus.

mlr/DPA / DPA