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Wahlen in Israel Der Königsmacher - Jair Lapid


Ein wohlhabender Nachrichtensprecher ohne politische Erfahrung holt aus dem Stand heraus 20 Sitze in der Knesset. Jetzt hängt von Jair Lapid ab, welche Regierung Israel bekommt.

Mit seinem attraktiven Äußeren und seiner tiefen Stimme sieht Jair Lapid genauso aus wie der Nachrichtensprecher, der er vor dem Start seiner politischen Karriere war. Der 49-jährige Israeli war als Kommentator der Zeitung "Jediot Ahronot" und als Moderator beim Fernsehsender Channel 2 tätig, bevor er vor genau einem Jahr seine Medienkarriere an den Nagel hängte, um als Gründer der Partei Jesch Atid für die israelische Mittelschicht einzutreten. Bei den Parlamentswahlen vom Dienstag wurde Jesch Atid mit 19 Parlamentssitzen überraschend zweitstärkste Kraft.

Obwohl er aus privilegierten Kreisen und einer einflussreichen und gebildeten Familie stammt, hat sich Lapid der Verteidigung der Mittelschicht verschrieben. Er selbst machte nie sein Abitur. Mit seiner Wahlkampagne konnte er insbesondere bei den Israelis punkten, die im Sommer 2011 vor allem in Tel Aviv auf die Straße gingen, um gegen steigende Lebenshaltungskosten zu protestieren. Lapid stammt selbst aus Tel Aviv, der Wirtschaftsmetropole mit dem ausschweifenden Nachtleben am Mittelmeer.

Lapid ist der Sohn des ehemaligen säkularen Justizministers Jossef "Tommy" Lapid, der ebenfalls von den Medien in die Politik wechselte und 2003 mit seiner Partei Schinui 15 Knesset-Sitze holte. Auch Jair Lapid tritt für eine säkulare Politik ein, allerdings weniger aggressiv als sein Vater, der den Ultraorthodoxen gegenüber eine äußerst feindselige Politik betrieb.

Lapid hatte soziale Sorgen im Auge

Lapid konzentrierte sich im Wahlkampf auf wirtschaftliche Aspekte, die vor allem weltlichen Israelis wichtig sind. Zugleich stieß er die religiösen Gemeinden mit seinem Wahlprogramm aber nicht vor den Kopf. Dennoch trat Lapid im Wahlkampf für eine "Teilung der Last" ein und rief die Ultraorthodoxen auf, ebenfalls Militär- oder Zivildienst zu leisten und sich somit besser in der Gesellschaft zu integrieren.

"Wir sind keine Mitte-Links-Partei, wir sind eine Mitte-Mitte-Partei", sagte Lapid der "Jerusalem Post". "Wir sind die Partei der israelischen Mittelschicht, der altmodischen Steuerzahler, die in der Armee dienten und danach ihr Leben lang hart arbeiten und hohe Steuern zahlen und dann sehen, dass die Lebenshaltungskosten steigen und steigen und es keine Teilung der Last gibt mit den anderen Teilen der israelischen Gesellschaft", sagte er mit Blick auf die Ultraorthodoxen, die weder Armeedienst leisten noch Steuern zahlen.

Die Abgeordneten von Lapids Partei kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft: Neben einem Ultraorthodoxen gibt es eine Behinderte, zwei Abgeordnete äthiopischer Herkunft, einen Drusen, eine Überläuferin der linken Merez-Partei und einen Ex-Chef des Inlandsgeheimdienstes Schin Beth. Im Jesch-Atid-Hauptquartier in Tel Aviv fanden sich am Wahlabend Männer und Frauen mit religiöser Kopfbedeckung neben der Regenbogenfahne der Schwulen- und Lesbenbewegung. Jesch Atid sei "eine der wenigen Parteien in Israel", die für die Rechte von Homosexuellen eintrete, erklärte eine Aktivistin.

Gegen die Ultrarechten - und die Ultraorthodoxen

Lapid, der auch im Kampfsport, als Romanautor und Schauspieler aktiv ist, betonte indes, dass er keine Koalition mit den Ultraorthodoxen oder der Ultrarechten eingehen werde. Eine solche Regierung würde "uns von der internationalen Gemeinschaft isolieren und wäre desaströs für die Wirtschaft", erklärte Lapid.

Außenpolitische Aspekte oder der Friedensprozess mit den Palästinensern kamen im Wahlkampf des Ex-Fernsehstars nur am Rande vor. Er erklärte aber, für Verhandlungen einzutreten. "Jesch Atid wird sich an keiner Regierung beteiligen, die nicht diplomatische Verhandlungen führt", sagte Lapid im Oktober der Zeitung "Haaretz". "Man kommt zu Verhandlungen nicht nur mit einem Olivenzweig, so wie es die Linke macht, oder nur mit einer Waffe, so wie es die Rechte macht", sagte Lapid in einer Rede in der jüdischen Siedlung Ariel im Westjordanland. "Man kommt, um eine Lösung zu finden."

steh/AFP AFP

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