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Presseschau zur Eskalation in Nahost: Syrien droht Israel mit Vergeltung

Die Spannungen zwischen Israel und Syrien nehmen zu. Syrien droht nach dem Luftangriff seines Nachbarn mit Vergeltung. Die internationale Presse diskutiert die Frage: Welche Wahl hatte Israel?

Israelische Jets bombardieren Ziele in Syrien. Die Nachricht befeuert die Furcht, dass der innersyrische Konflikt die ganze Region in Brand setzen könnte: Syrien hat Israel wegen eines Luftangriffs mit Vergeltung gedroht. Es gebe die "Möglichkeit eines Überraschungsschlags", sagte der syrische Botschafter im Libanon, Ali Abdel Karim Ali, am Donnerstag nach Berichten des Hisbollah-Fernsehsenders Al-Manar. Ziel der israelischen Kampfjets war offenbar ein Konvoi mit syrischen Waffen für die israelfeindliche Hisbollah-Miliz im Südlibanon. Das zumindest wurde aus den USA berichtet. Dagegen meldeten syrische Staatsmedien, der Angriff habe einem militärischen Forschungszentrum in der Nähe von Damaskus gegolten. Zwei Menschen seien dabei getötet, fünf weitere verletzt worden.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat "zutiefst besorgt" auf die Berichte reagiert. Ban rufe alle beteiligten Seiten auf, Spannungen sowie eine Eskalation der Lage in der Region zu vermeiden, sagte der stellvertretende UN-Sprecher Eduardo del Buey am Donnerstag in New York. Zudem müssten die "territoriale Integrität sowie die Souveränität aller Länder der Region" respektiert werden.

Die USA warnten Syrien vor Waffenlieferungen an die israelfeindlichen Hisbollah-Milizen im Libanon. "Syrien sollte die Region nicht weiter destabilisieren, etwa mit der Lieferung von Waffen an die Hisbollah", sagte Ben Rhodes, der stellvertretende nationale Sicherheitsberater, am Donnerstag in Washington. Zudem würden die USA sehr genau die syrischen Chemiewaffen überwachen, fügte er vor Journalisten hinzu.

Auch ein Blick auf die internationale Presselandschaft zeigt: Die Lage zwischen Syrien und Israel ist äußerst angespannt.

"Ouest-France", Frankreich

"Israel soll am Mittwoch einen Luftangriff gegen ein militärisches Forschungszentrum in Syrien und, parallel dazu, gegen einen für die Hisbollah bestimmten Waffentransport geflogen haben. Damaskus droht Israel jetzt mit Vergeltung (...). Es ist nicht der erste Funkenschlag zwischen den beiden Staaten, aber der stillschweigend geltende Nicht-Angriffs-Pakt zwischen den beiden starken Staaten der Region, Israel und Syrien, ist offenbar gebrochen. Und das zu einem Augenblick, da im Libanon wie in Jordanien das Risiko einer regionalen Destabilisierung noch nie so wahrnehmbar war wie derzeit."

"Den", Ukraine

"Der Schlag der israelischen Luftwaffe erschwert die Situation in Syrien außerordentlich, denn damit nimmt das Drama internationale Ausmaße an. Israel wandelt sich zu einem unmittelbaren Beteiligten dieser Tragödie. Syrien ist heute an eine Grenze gelangt. Das dauerhafte Blutbad führt zur moralischen und physischen Zerstörung des Volkes. Daher müssen die Führer der Welt und der arabischen Länder zu einer Lösung drängen, die diesem Blutvergießen ein Ende bereitet."

"de Volkskrant", Niederlande

"Israels Streben nach Sicherheit ist verständlich, doch das Timing dieses Angriffs war höchst unglücklich. Russland hält eine derartige Aktion für eine unannehmbare Verletzung der syrischen Souveränität. Moskau dürfte sich noch entschlossener hinter Assad stellen in einem Konflikt, der unaufhörlich eskaliert und für den eine diplomatische Lösung weiter entfernt ist denn je. Obendrein provoziert Israel damit den Iran. Das ist unüberlegt und riskant. Teheran hat stets erklärt, einen Angriff auf Syrien wie einen Angriff gegen sich selbst betrachten zu wollen. (...) Der Iran sieht sich als wichtige Macht in der Region und kann es kaum bei Worten bewenden lassen, wenn er glaubwürdig bleiben will."

"Der Standard", Österreich

"Abseits der militärischen Aspekte hat Israel mit seiner Operation den Verschwörungstheoretikern einen schlagenden Beweis dafür geliefert, dass der Aufstand gegen Assad etwas mit einer zionistischen Verschwörung gegen den "Widerstand" zu tun hat. Das macht die Sache für die Assad-Gegner im Westen und am Golf nicht einfacher - und unterstreicht den Zynismus der allgemeinen Politik des Nichteingreifens. Ob der israelische Angriff die Schwelle für eine Intervention senkt, bleibt zu sehen."

"Frankfurter Allgemeine"

"Der syrische Bürgerkrieg war auch bisher viel mehr als eine lokale Angelegenheit. Doch der israelische Angriff verdeutlicht auf dramatische Weise das regionale Eskalationspotential des Konflikts. Klar, dass Russland den Angriff als Verletzung der Souveränität Syriens brandmarkt. Auch die antiisraelischen Drohungen Irans und die Erregung der libanesischen Hizbullah sind quasi logische Reaktionen. Sie sind Parteigänger Assads, die Hisbollah ist zudem direkt von der Stabilität seines Regimes abhängig. Dennoch hat der Angriff eine neue Qualität. (...) Offenkundig will Israel verhindern, dass die Hisbollah irgendeinen Nutzen aus dem Chaos im Nachbarland zieht oder dass gar ein Zwei-Fronten-Krieg eröffnet wird."

"Welt"

"Gefährliche Waffen in der Hand von Hisbollah und Hamas lösen in Israel die höchste Alarmstufe aus. Was das syrische Regime bezwecken will, ist unklar. Es geht um Bedrohungen, die für den Staat Israel jene rote Linie verletzen, welche die Regierung in Jerusalem zur Abschreckung und Eindämmung gezogen hat. Auch die Amerikaner machen kein Geheimnis daraus, dass Chemiewaffen in Händen der irregulären Kampfverbände wie Hisbollah oder Hamas die höchste Alarmstufe auslösen - und möglicherweise Intervention. Die Kämpfe in Syrien haben einen Zustand erreicht, der mit den Genfer Formeln längst nicht mehr zu bewältigen ist. Wenn nichts passiert, kann alles passieren."

"La Repubblica", Italien

"Was Israel vor allem Sorge bereitet, das ist das Arsenal an Massenvernichtungswaffen, über das Damaskus verfügt - die Tonnen an chemischen Waffen, die seit 1970 angehäuft wurden, als die damalige Sowjetunion begann, sie in Syrien zu lagern. (...). Also ist Israel in einem Blitzangriff in die vorderste Linie des Konflikts getreten, der seit mehr als 22 Monaten ein Blutbad unter der Bevölkerung in Syrien anrichtet und aus dem die Vereinten Nationen keinen Ausweg gefunden haben. Die israelischen "Antennen" jenseits des Golan haben verzeichnet, dass das Regime in Damaskus vor seinen letzten Wochen stünde. Und die Gefahr, dass dieses Arsenal an Chemiewaffen nun in die Hände der Rebellen fallen könnte, nimmt Israel äußerst wichtig."

kave/DPA/AFP / DPA