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Wahlen in Russland: Selbst erwähltes Schicksal

Wladimir Putins Partei hätte auch ohne Manipulationen die Wahlen gewonnen. Dass der Präsident verschweigt, was er genau vorhat, ist den Russen egal - ihnen sind andere Dinge wichtiger. Deshalb hat das Land nun ein Parlament, das es verdient.

Ein Kommentar von Andreas Albes, Moskau

Die Russen haben gewählt - aber sie wissen nicht, was. Das allerdings scheint ihnen nichts auszumachen, denn die große Unbekannte, der sie ihre Stimme gaben, ist Wladimir Putin. Und der wird schon für eine grandiose Zukunft Russlands sorgen. Nur wie, weiß eben keiner.

Über 64 Prozent hat die Putin-Partei "Einiges Russland" bei den Duma-Wahlen eingefahren, dazu addieren sich noch einmal die 7,8 Prozent der Partei "Gerechtes Russland", die Putin ebenso treu ergeben ist. Der Rechtsextremist Wladimir Schirinowski kam mit seinen sogenannten Liberaldemokraten auf rund acht Prozent, aber auch von ihm ist nicht überliefert, sich jemals gegen den Kreml aufgelehnt zu haben. Bleiben als echte oppositionelle Kraft die Kommunisten (elf Prozent), aber deren Konzept besteht vor allem darin, die Zustände in China als Ideallösung zu preisen. Dann doch lieber Putin.

Duma-Wahl als Plebiszit

Nun hat er es also geschafft, die Duma-Wahl zum Plebiszit für seine Person zu machen. Okay, die OSZE hält die Wahlen für manipuliert. Wieso wählten Soldaten unter Aufsicht? Warum mussten Studenten ihre Stimmzettel mit dem Handy filmen? Und ist es nicht merkwürdig, dass ausgerechnet aus einigen Kaukasus-Republiken, wo sich der Kreml noch nie großer Beliebtheit erfreute, bis zu 99 Prozent Wahlbeteiligung gemeldet wurden?

Aber lassen wir das. Fest steht: Auch ohne Manipulationen hätte Putin ein Ergebnis erzielt, von dem jeder westliche politische Führer nur träumen kann. Und das ohne Wahlprogramm! Ohne auch nur den geringsten Hinweis darauf, was der Präsident in Zukunft zu tun gedenkt. Ohne dass sein Volk auch nur den Funken einer Ahnung hätte, wer in drei Monaten, wenn Putin kein drittes Mal als Präsident kandidieren darf, sein Nachfolger wird.

Man stelle sich das mal in Deutschland vor, Angela Merkel tritt zu den Bundestagswahlen an und sagt: "Wählt mich! Und was dann kommt - Überraschung!" Aber Russland ist nun mal nicht der Westen, wie Putin selbst oft genug betont. Dennoch lohnt sich die Überlegung, weshalb sich das größte Wahlvolk Europas auf so ein politisches Himmelfahrtskommando einlässt.

Erstens: Seit Generationen sind es die Russen gewohnt, nicht zu wissen, was ihre Mächtigen hinter den Kreml-Mauern so treiben. Schlimmer noch: Viele erwarten gar, dass große Politik im Geheimen stattfindet, weil, wenn jeder mitreden könnte, wäre es ja keine große Politik. In den Kreml gehört ein Monarch, ein Zar, einer, der für alle denkt - und der die Legitimität der Macht ausstrahlt.

Zweitens: Die Mehrzahl der Russen sind absolut unpolitisch. Es herrscht die Meinung vor: Solange ich ein Dach überm Kopf habe und genug zu essen (beziehungsweise, solange die Geschäfte gut laufen und ich mir einen Ford Focus leisten kann und einmal im Jahr zehn Tage Ägypten) - was interessiert mich da die Politik? Und selbst Pensionäre, die jeden Rubel zweimal umdrehen müssen, sind schon deshalb zufrieden, weil ihre mickrigen Pensionen unter Putin wenigstens pünktlich gezahlt werden.

Keine Alternative zu Putin

Drittens: Die Wähler sahen zu Putin gar keine Alternative. Denn die Opposition hat sich mit den herrschenden Umständen bestens arrangiert. Es ist doch angenehm, keine Verantwortung tragen zu müssen und trotzdem regelmäßig in den letzten liberalen Radio-Talkshows aufzutreten und sich wichtig zu machen. Doch nicht einem dieser sogenannten Oppositionellen ist es vor den Wahlen gelungen, mit einer kreativen Idee die breite Masse, wenn nicht zu überzeugen, so doch wenigstens auf sich aufmerksam zu machen. Nicht einmal der Versuch wurde unternommen.

Und deshalb kann man das Ergebnis der gestrigen Duma-Wahlen nur auf eine Art kommentieren: Russland hat das Parlament bekommen, das es verdient.