Washington Memo Endzeitstimmung im Weißen Haus


Immer miserabler die Umfragwerte, immer schlimmer die Lage im Irak, selbst Getreue wenden sich ab - doch George W. Bush kennt die Ursachen nicht. Nun hat er Philosophen ins Oval Office eingeladen. Sie sollen die quälende Frage beantworten: Warum ist Amerika so verhasst in der Welt?
Von Katja Gloger, Washington

Mehr als 18 Monate. Solange dauert es noch bis zu dem vermutlich kühlen Tag im Januar 2008, an dem George W. Bush sein Amt abgeben wird. 18 Monate - der Mehrheit der Amerikaner scheint es eine Ewigkeit. Denn schließlich kann dieser Mann in dieser Zeit noch Einiges anstellen. Die Zyniker etwa verweisen auf das jüngste Schurkenstück des George W.: die Begnadigung des wegen Meineides rechtskräftig verurteilten Lewis "Scooter" Libby, einst Stabschef der grauen Eminenz, des Vizepräsidenten Richard Cheney. Die Besorgten wiederum fürchten, noch sei genug Zeit, einen Angriff auf den Iran zu planen. Die Mitglieder seiner Partei beten heimlich, es möge einfach bald vorbei sein. Und der Autor Cullen Murphy scheut sich nicht, in einem monumentalen Buch die USA des Jahres 2007 mit dem untergehenden römischen Reich sowie George W. Bush mit dessen Kaiser Diokletian zu vergleichen – ausgerechnet jenem Imperator, der den Löwen Christen zum Fraß vorwarf.

Bush vergleicht sich mit Churchill

Noch 18 Monate. Als Präsident blickt man da schon mal zurück auf Geleistetes – vor allem aber blickt man nach vorn. In die ferne Zukunft nämlich. Wie wird man einst dastehen im Vergleich zu anderen Präsidenten? Ein Held wie Ronald Reagan? Ein verkannter Visionär wie Harry Truman? Oder ein selbstmitleidiger Jammerlappen wie Richard Nixon? Bislang war der tiefgläubige George W. Bush überzeugt, die Geschichte werde ihm Recht geben, und wenn es erst in 100 Jahren sei. Werde ihn in eine Reihe etwa mit Sir Winston Churchill stellen. Mit dem Mann, den er so verehrt, dass er dessen Büste in seinem Amtszimmer ganz nah am Schreibtisch aufgestellt hat: "Er verfolgt alles, was ich mache", sagt er. Churchill-Kenner ächzen, der Mann würde sich im Grab umdrehen.

Doch in letzter Zeit, so scheint es, quälen den als ebenso selbstgerecht wie dickköpfig geltenden George W. einige wichtige Fragen des Seins. Wie der kundige Bush-Beobachter Peter Baker von der „Washington Post“ berichtet, lädt Mr. President auf der Suche nach Antworten gar Philosophen und Historiker zu informellen Gesprächsrunden ins Oval Office. Sie sind so inoffiziell, dass sie auf keinem Terminkalender vermerkt sind. Diese Experten sollen ihm erklären, was Gut und Böse ist. Und warum Amerika so verhasst ist in der Welt. "Hat es auch mit meiner Person zu tun?", soll Bush gefragt haben.

Das Weiße Haus wird zur Festung

Unübersehbar auch: es wird immer einsamer um den Präsidenten. Engste Mitarbeiter verlassen die Zentrale der Macht: sein Stabschef, seine glücklose juristische Beraterin, sein Chefjurist. Immer weniger Vertraute, die ihrer "body duty" nachkommen, der ständigen Präsenz in nächster Nähe des Präsidenten.

Und immer mehr wird das Weiße Haus zur selbstgewählten Festung. Da draußen würde ihn sein Volk ja am liebsten abwählen. Reden finden nur noch in kontrollierbarer Umgebung statt, am liebsten beim Militär. Sogar eine Einladung zum Saisonstart der Baseball-Mannschaft "Washington Nationals" wurde ausgeschlagen - seine Berater fürchteten offenbar, dass der Präsident ausgebuht werde. Ab und zu lädt er Freunde ein. Sie dürfen von 19 bis 21 Uhr kommen, in klinisch kühler Atmosphäre an Mineralwasser oder Coke nippen, plaudern. Das war's. Um 21.30 Uhr geht der Präsident zu Bett.

Den Kontakt zur Realität verloren?

Es herrscht Endzeitstimmung im Weißen Haus. Nur einer will sie hartnäckig nicht wahrhaben – George W. Bush. Besucher wundern sich, wie gut er aussieht, braungebrannt, beinahe entspannt. Staunen über seine Zuversicht, sein Selbstbewusstsein. Henry Kissinger bemerkt gar eine gewisse "Gelassenheit." Andere aber fürchten, der Mann habe den Kontakt zur Realität verloren.

Denn eigentlich muss er wissen: seine Präsidentschaft liegt längst in Trümmern. Er weiß, er wird am Krieg im Irak gemessen. Hatte sich gegen den Rat seiner Generäle für die massive Truppenerhöhung entschieden, zusätzlich Zehntausende Soldaten nach Bagdad geschickt. Mehr Sicherheit, gar Frieden, können sie aber nicht bringen. Dafür ist es längst zu spät. Im September soll der verantwortliche General David Petraeus dem Senat berichten. Doch schon jetzt wenden sich bislang treue Republikaner vorsorglich von Bush ab. So fordert der mächtige Senator Richard Lugar offen einen Teilabzug der Truppen - damit spricht er für die Mehrheit seiner Kollegen. Selbst Verteidigungsminister Robert Gates deutet bereits eine Reduzierung der Truppen an. Denn alle Experten sind sich einig: die jetzige Truppenstärke kann höchstes bis März 2008 beibehalten werden. Schon jetzt wird Einheiten zum Teil die dritte Zwangsverlängerung ihres Einsatzes befohlen.

Trümmerfeld Innenpolitik

Und zu Hause? Innenpolitisch? Auch nichts zu holen für das Buch der Geschichte. Um nur einige Skandale der letzten Zeit zu nennen: erst die Affäre um Justizminister Alberto Gonzales, einen engen Freund der Familie, der bereits half, die juristische Begründung für Guantanamo und CIA-Geheimgefängnisse zu zimmern. Dann wurde bekannt, dass acht Staatsanwälte von ihm gefeuert worden waren - offenbar aus politischen Gründen. Während einer Befragung unter Eid vor dem US-Kongress konnte sich der Minister, oberster Gesetzeshüter des Landes, allerdings gleich Dutzende Male "nicht erinnern", sorry. Doch Bush hält an ihm fest.

Dann die Akte Cheney. Der Vizepräsident wurde aufgefordert, dem Kongress Dokumente über seine skandalumwitterte Amtsführung vorzulegen. Cheney weigert sich. Behauptet eiskalt, er gehöre schließlich nicht zur Exekutive, zur ausführenden Gewalt im Staat. Ausgerechnet der Mann, höhnen die Beobachter, der bislang Alles daran setzte, dem Präsidenten so viel ausführende Gewalt wie möglich zu sichern – die imperiale Präsidentschaft.

Und zuletzt der Krach um ein neues Immigrationsgesetz. Hier engagierte sich der Präsident, wollte den Millionen illegaler Einwanderer im Land eine Chance geben, ihr Leben zu legalisieren. Vergangene Woche scheiterte das Gesetz grandios. An wem? An Dutzenden Senatoren seiner eigenen Partei. Denn deren konservative Wähler wollen keine „Amnestie“ für angebliche Illegale. Es war die größte innenpolitische Niederlage des George W. Bush.

Letzte Hoffnung: "Hummer-Gipfel"

Angesichts so vieler Katastrophen sollte wenigstens ein Besucher gute Stimmung bringen: da hatte Bush den russischen Präsidenten Putin am vergangenen Wochenende zum "Hummer-Gipfel" auf den Sommersitz der Familie Bush im idyllischen Kennebunckport eingeladen. Während er auf den Mann aus Moskau wartete, ging er mit Papa und Tochter auf Angeltour an der Atlantikküste – weit weg von den Demonstranten und ihren Forderungen nach einer Amtsenthebung. Und was passierte, als man später wieder an Land wollte? Nix ging - der Bootsanker hatte sich zwischen Steinen am Grund des Ozeans verkeilt. Erst ein Tauchkommando des Secret Service konnte den Präsidenten wieder flottmachen. Wie denn sein Angelausflug war, wollten listige Reporter später wissen. "Lousy", sagte Bush knapp. "Miserabel." So ist es. Noch 18 Monate lang.


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