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Weltklimakonferenz: Das zähe Geschacher von Bali

Seit zehn Tagen wird bei der Klimakonferenz debattiert, doch bislang sind die Ergebnisse mehr als dürftig. Kurz vor Ende der Tagung scheint es, als könnten sich die Delegierten nur auf das erklärte Minimalziel einigen. Das lautet: Es wird weiter verhandelt.

Von Axel Bojanowski, Nusa Dua

Dafür, dass es auf der Weltklimakonferenz in Bali um die "letzte Chance zur Rettung des Klimas" gehen soll, wirken die Delegierten wenig konzentriert. Im großen Verhandlungssaal des Kongresszentrums von Nusa Dua herrscht ein Geräuschpegel wie in mancher Schulklasse. Während auf dem Podium ein Abgeordneter nach dem anderen die Position seines Landes erläutert, unterhalten sich die Kollegen aus fast allen Staaten der Welt in ungedämpfter Lautstärke. Es wird gelacht. Einige lesen Zeitung oder tippen auf ihrem Laptop, manche scheinen zu träumen.

Im großen Saal wird nur eine Konferenz simuliert

Als die iranische Delegierte ihre Rede beginnt, greifen nur wenige zum Kopfhörer, um der Übersetzung zu lauschen. Es ist den Teilnehmern kaum zu verübeln, dass ihr Interesse an den Vorträgen nachlässt. Zu sehr ähneln sich die Aussagen der Redner, ihre Phrasen gleichen sich zuweilen bis aufs Wort. Fast alle fordern "umgehend starke Senkung der Kohlendioxid-Emissionen", "einen klaren Verhandlungsfahrplan" und sehen die Menschheit vor ihrer "größten Herausforderung".

Doch trotz der scheinbaren Einigkeit kam es auf dem Klimagipfel bislang zu keiner Einigung. Im großen Kongresssaal wird im Prinzip lediglich eine Klimakonferenz simuliert. Die wahren Verhandlungen finden in 36 kleinen Gruppen in Hinterzimmern statt. Dort versuchen die Staatsabgeordneten, zusammengestellt in unterschiedliche Ländergruppen, Meinungsunterschiede auszuräumen und Kompromisse zu finden. Und diese Debatten verliefen weitaus weniger glatt als jene im großen Saal. Dienstagnacht etwa erklärte die "Expertengruppe für Technologietransfer" ihr Scheitern. Der Austausch von Technologie sollte dafür sorgen, dass aufstrebende Entwicklungsländer abgasarme Energie produzieren können. Die Unterhändler der USA aber wollten ihre Technologie armen Ländern nicht zu den geforderten Konditionen zur Verfügung stellen. Zu sehr fürchten die USA China und Indien als erstarkende Konkurrenten auf dem Weltmarkt. Das Scheitern der Verhandlungsgruppe zeige, dass die Teilnehmer des Klimagipfels "keine Partner, sondern Gegner sind", klagt Munir Akram, der Botschafter Pakistans bei den Vereinten Nationen.

"Die Debatten sind zäh und langweilig"

Auch die anderen Verhandlungsgruppen vermeldeten bislang kaum Fortschritte, obwohl auch sie seit zehn Tagen konferieren. Mehr als 11.000 staatliche Delegierte und Teilnehmer so genannter Nichtregierungsorganisationen von Umweltschutz und Industrie tagen seit dem 3. Dezember im balinesischen Luxusbadeort Nusa Dua zwischen Traumstränden, Golfplätzen und Palmen - ohne dass viel passiert wäre. Auch wenn 1000 Journalisten aus aller Welt täglich Tausende von Nachrichten über die Klimakonferenz fabrizieren.

Die Medienvertreter arbeiten neben dem Konferenzgebäude in großen, von Klimaanlagen gekühlten Zelten. Um ihre Berichte zu recherchieren, brauchen sie nur ins Tagungsgebäude hinübergehen, wo fast ununterbrochen Pressekonferenzen stattfinden. Weil der Inhalt der Klimaverhandlungen geheim ist, bekunden die Delegierten dort meist nur ihre guten Absichten und Hoffnungen. Um zu erfahren, wie die Verhandlungen tatsächlich verlaufen, fragen die Journalisten also Delegierte in den Fluren des Kongresshauses. Manche Teilnehmer der Verhandlungen berichten dann von ihren Eindrücken. "Die Amerikaner verhandeln hart", ist dann beispielsweise zu hören. Oder: "Die Europäer sind naiv". Oder: "Die Afrikaner wollen doch nur Geld abzocken". Oder: "Die Debatten sind zäh und langweilig". Und fast immer wird hinzugefügt: "Aber bitte zitieren Sie mich nicht".

"Das hätten wir auch per Internet abstimmen können"

Im Konferenzgebäude herrscht Basar-Atmosphäre. Dutzende Umweltschutzgruppen haben Informationsstände aufgebaut und versorgen Delegierte und Journalisten mit Broschüren. In einem benachbarten Hotel halten Wissenschaftler und Politiker öffentliche Lehrveranstaltungen ab. Manche Seminare finden vor zwei Zuschauern statt. Wenn jedoch prominente Minister auf dem Podium sitzen, stehen die Leute bis auf die Flure.

Am Dienstag reisten die Umweltminister der meisten Staaten an. Sie sollten die stockenden Verhandlungen in Schwung bringen. Am Freitag wird sich zeigen, ob sie erfolgreich waren. Möglicherweise wird die Nacht hindurch bis Samstag weiterverhandelt. Viele Umweltminister haben wie ihr deutscher Kollege Sigmar Gabriel ihren Rückflug vorsorglich erst für Sonntag gebucht. Doch allem Anschein nach scheint die Weltklimakonferenz lediglich ihr Minimalziel zu erreichen: Die Einigung, dass in den nächsten zwei Jahren weiter über internationale Maßnahmen zum Klimaschutz verhandelt wird. "Für solch ein mageres Ergebnis hätten wir uns nicht unbedingt treffen müssen", sagt ein übernächtigter deutscher Delegierter resigniert. "Dafür hätten wir auch per Internet abstimmen können."