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Werner Faymann: Der Alpen-Obama

Österreichs Verkehrsminister, SPÖ-Spitzenkandidat und neuer Medien-Liebling will Bundeskanzler werden. Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer ist aus dem Rennen, dafür taucht Jörg Haider wieder auf. Chronik eines angekündigten Erfolgs.

Von Andrea Fehringer & Thomas Köpf

Werner Faymann ist der neue Chef der österreichischen Sozialdemokraten, der SPÖ. Und, anders als sein unglücklicher Vorgänger Alfred Gusenbauer, ist er ein Liebling der Medien, zudem eng verbunden mit den wichtigsten Verlegern des Landes. Über seine Beziehung zu Hans Dichand etwa, dem Herausgeber der "Kronenzeitung", sagt Faymann: "Wir sind per du", nur, um gleichzeitig zu behaupten, dass er durchaus Distanz wahre, auch sprachlich: "Ich sage nur: Du, Herr Hans Dichand."

Faymann, der Medienliebling

Andere behaupten, Faymann sei Dichands unehelicher Sohn. "Das ginge sich altersmäßig aus, ist aber nicht so", dementiert der "Krone"-Chef. Auch gut. Faymann hat die höchste mediale Hürde ohnehin längst genommen. Wer in Österreich was werden will, kann es sich kaum leisten, mit der "Kronenzeitung" auf Kriegsfuß zu stehen. Mit 42 Prozent Marktanteil ist das Blatt die größte Tageszeitung der Welt. Und Faymann lacht täglich aus dem Politikteil.

Auch sonst hat er sein Netzwerk dicht gesponnen. Zu Wolfgang Fellner, Chef der Tageszeitung "Österreich" unterhält er ebenso gute Kontakte wie zur Gratiszeitung "Heute", herausgegeben von Eva Dichand, Schwiegertochter des "Krone"-Chefs. Faymanns ehemaliger Pressesprecher, Wolfgang Jansky, ist dort Geschäftsführer. Und seine Pressesprecherin Angelika Feigl ist die Lebensgefährtin von Claus Pandi, Chronik-Chef der "Krone".

Der Konkurrent: ein knochentrockener Jurist

Faymanns Konkurrent, ÖVP-Bundesobmann, Vizekanzler und Finanzminister Wilhelm Molterer, hat hinsichtlich seiner Medienpräsenz noch Verbesserungspotenzial. Der Zögling des ehemaligen Kanzlers Wolfgang Schüssel gilt als knochenharter Jurist, und so wird er auch abgebildet: trocken und verbissen. Und das auch noch weit seltener als Faymann, der laut österreichischer Presseagentur APA am häufigsten in den Medien erwähnt wurde. Molterer hält Platz drei, Jörg Haider liegt dazwischen. Faymann ist eindeutig der Darling des Boulevards.

Geboren wurde er am 4. Mai 1960 in Wien. Ende der Siebziger begann seine Polit-Laufbahn als Schülervertreter der Sozialistischen Jugend. Seine Mutter, Sekretärin, und sein Vater, Pharmavertreter, waren Wechselwähler und politisch nicht sonderlich interessiert. Das Jura-Studium brach Faymann nach vier Semestern ab. Mit 24 war er der jüngste Landtagsabgeordnete der Wiener SPÖ.

Hochzeit in Venedig

Weitere Stationen: Konsulent der Zentralsparkasse, von 1985 bis 1994 Mitglied des Wiener Landtages und Gemeinderates, Geschäftsführer und Landesvorsitzender der Wiener Mietervereinigung, Stadtrat für Wohnbau und Stadterneuerung, Präsident des Wiener Bodenbereitstellungs- und Stadterneuerungsfonds und Vizepräsident des Wiener Wirtschaftsförderungsfonds. Am 11. Januar 2007 wurde Faymann Bundesminister für Verkehr, Innovation und Technologie in der Regierung Gusenbauer. Heute lebt Werner Faymann mit SPÖ-Gemeinderätin Martina Ludwig-Faymann und zwei Töchtern in Wien-Liesing. Geheiratet wurde ganz romantisch in Venedig, einmal im Jahr macht das Paar dort Urlaub und erinnert sich daran, dass es auch noch ein Privatleben gibt.

Am 16. Juni 2008 wurde Faymann geschäftsführender Vorsitzenden der SPÖ. Wenn Parteikollegen die Führungsqualitäten des angeschlagenen Bundeskanzlers Gusenbauer kritisierten, hielt Faymann sich loyal zurück. Mehr brauchte er auch nicht zu tun. Denn irgendwann verkündete ÖVP-Mann Molterer: "Es reicht." Die große Koalition war Geschichte. Ebenso Alfred Gusenbauer. Am 8. August wurde Faymann zum Spitzenkandidaten für die Neuwahlen im September '08 bestellt. Eine Art Alpen-Obama, bei allen beliebt.

Die rechte Ecke freut's

"Mit Faymann kann man nicht streiten", sagen politische Gegner wie Johannes Hahn, Wissenschaftsminister der ÖVP. Und nach all den rot-schwarzen Querelen ist das auch genau das, was die Bevölkerung will. Obwohl, gerangelt wird in der Politik immer. Und wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte über neue Wähler. Das ist in der rechten Ecke Heinz-Christian Strache mit seinen Freiheitlichen (FPÖ). Und in dem Fall auch noch der Vierte, Alexander van der Bellen von den Grünen.

Der Fünfte wäre Peter Westenthaler mit dem Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) gewesen, ebenfalls ein aufrechter Rechter. Dass Westenthaler, der wegen falscher Zeugenaussage rund um eine Wirtshausschlägerei zu neun Monaten bedingt verurteilt wurde, als Spitzenkandidat nicht antreten wird (das Urteil ist noch nicht rechtskräftig), wirft die Frage nach einem Ersatzmann auf. Heftig im Gespräch ist Jörg Haider, der berüchtigte Ortstafelträger und Landeshauptmann Kärntens. ÖVP und SPÖ haben allerdings schon angekündigt, dass eine Zusammenarbeit mit FPÖ und BZÖ für sie nicht zur Debatte steht.

Noch ist alles offen

Umfragen zufolge verlieren die großen Parteien deutlich. ÖVP und SPÖ halten beide 26 Prozent der Stimmen. 19 Prozent der Bürger sind für die FPÖ, 14 für die Grünen. Das BZÖ und die Liste Fritz mit dem Tiroler Fritz Dinkhauser stehen bei 6 und das Liberale Forum (LIF) mit Heide Schmidt bei 3 Prozent. Umgekehrt würden 28 Prozent keinesfalls die FPÖ und 27 Prozent keinesfalls das BZÖ wählen. Die SPÖ ist für 14 Prozent der Wähler und die ÖVP für 11 Prozent undenkbar. Und vier von zehn Österreichern wissen noch gar nicht, wo sie im September ihr Kreuz machen werden. Ein Rekord. Zwei Monate vor der Wahl ist also noch alles offen.

Zumindest unter den Wählern. Die Kandidaten sind schon überzeugt. Von sich natürlich. "Das einzige Rezept bin ich", sagt Dinkhauser. Das denken auch Van der Bellen, Schmidt, Strache und Haider. Molterer versucht, die Bevölkerung noch ein Mal für sich zu begeistern. Und Faymann lässt die SPÖ jetzt wieder besser dastehen. Sein Wahlkampfslogan hat Wiener Schmäh: "Genug gestritten" steht auf den Plakaten. Neben Faymanns Lächeln. Nicht Werner beinhart, sondern Werner kuschelweich.

Mitarbeit: Helmut Berger