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Widerstand gegen Frauenfahrverbot in Saudi-Arabien: "Hit the road, Saudi girls"

In Saudi-Arabien zeigt sich vielleicht eine Variante des arabischen Frühlings: Seit Wochen werden Frauen im Netz dazu aufgerufen, heute verbotenerweise Auto zu fahren - und so Rechte einzuklagen

Von Florian Güßgen

Hit the road, Saudi girls", heißt es am Freitagmorgen griffig in einem Tweet. Und: "The world is watching". Unter dem Hashtag #women2drive laufen in Windeseile neue Nachrichten ein. Sie alle haben fast nur einen Zweck: Jene Frauen mit einem internationalen Führerschein zu unterstützen, die sich in Saudi-Arabien heute hinter das Steuer eines Autos setzen wollen. "Go go go, sisters", schreibt ein anderer User. Seit Wochen wird über soziale Medien, über Facebook & Co. für diesen Freitag getrommelt, an dem Frauen gegenüber dem erzkonservativen saudiarabischen Königshaus ihre Rechte einfordern wollen. Denn was fast im ganzen Rest der Welt selbstverständlich ist, kommt im ultra-orthodoxen islamischen Saudi-Arabien einer gewagten Demonstration gleich. Seit Jahrzehnten gilt dort ein striktes Frauenfahrverbot.

Frühling in Saudi-Arabien?

Von außen ist schwer zu beurteilen, welche Rolle der Protesttag in dem Land tatsächlich spielt. Soziale Medien haben sich zwar bei den Aufständen in Tunesien und Ägypten als wichtige Vehikel des Protests erwiesen. Aber jüngere Beispiele, etwa der Aufruhr um das gefälschte "Gay Girl in Damascus"-Blog, hinter dem ein US-Student steckte, haben auch gezeigt, dass soziale Medien bisweilen nicht authentisch sind oder ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit in einem Land widerspiegeln. Und dennoch scheint der saudiarabische Widerstand gegen das Frauenfahrverbot anzudeuten, dass sich auch in dem konservativsten der islamischen Länder etwas regt. "Der arabische Frühling schafft sich, Zentimeter für Zentimer, auch in Saudi-Arabien Raum - in den Autos vollverschleierter Fahrerinnen" schreibt die US-Wissenschaftlerin Farzaneh Milani in der "New York Times".

Die Unterdrückung der Frauen ist ein Symbol für den Umgang des wahhabitischen Königshauses der Familie Saud mit der Zivilgesellschaft. (Eine etwa ältere, aber aufschlussreiche Analyse der Religionspolitik in Saudi-Arabien findet sich auf der Webseite der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin). Frauen dürfen im Reich König Abdallahs nicht wählen, erst kürzlich ist ein weiterer Versuch gescheitert, das zu ändern. Sie werden strikt von Männern getrennt. Das Autofahren ist zwar nicht gesetzlich verboten, wird aber de facto aus religiösen Bestimmungen abgeleitet und mit harter Hand durchgesetzt. Frauen, natürlich verschleiert, dürfen sich in Saudi-Arabien nur in ein Taxi setzen oder sich von ihrem Ehemann oder von einem Blutsverwandten kutschieren lassen. Auch öffentliche Verkehrsmittel sind für sie weitgehend tabu, ihre Bewegungsfreiheit ist so massiv eingeschränkt.

Die Heldin heißt Manal al Sharif

Mitte Mai hatte die 32-jährige Manal al Sharif, geschiedene Mutter eines fünfjährigen Jungen, die heutige Aktion zunächst unfreiwillig angestoßen. Die Computer-Expertin fuhr mit dem Auto, wurde von der Polizei ermahnt - und setzte sich aus Protest gleich wieder ans Steuer. Daraufhin wurde sie verhaftet, eine Woche eingesperrt, kam dann auf Kaution frei - und das auch nur, weil sie schriftlich versicherte, dass sie nicht mehr fahren würde. "Der Regen beginnt mit einem einzelnen Tropfen", hatte sie CNN vor ihrer Verhaftung gesagt. "Das ist eine symbolische Sache." Der Vorfall schlug Wellen. Mehr als 3300 Menschen wandten sich in einer Petition an den König und verlangten Sharifs Freilassung. Zudem forderten sie, dass der Monarch "eine klare Entscheidung in der Frage des Rechtes der Frauen auf Autofahren" fällt. Am Freitag soll der Protest einen neuen Höhepunkt erfahren.

Saudi-Arabien spielt im arabischen Frühling bislang keine zentrale Rolle, es ist aber das Land, das die Widersprüchlichkeit der westlichen Haltung am klarsten offenlegt. Denn einerseits herrscht dort eine der übelsten Spielarten der Unterdrückung von Menschen- und Mitspracherechten. Der Westen und vor allem die USA müssten das Königshaus also eigentlich ernsthaft aufs Korn nehmen. Andererseits ist die wirtschaftliche und geostrategische Bedeutung des Landes kaum zu überschätzen. Die Scheichs sind wichtige Verbündete Washingtons. Sie sitzen auf Öl - und sie dienen als Bastion gegenüber dem Iran. Dabei hat der Zwist zwischen Riad und Teheran auch eine religiöse Dimension: Die Saudis sind Sunniten, die Iraner in der Mehrheit Schiiten. In keinem anderen Land haben die USA ein so großes Interesse an Stabilität wie in Saudi-Arabien. Genau aus diesem Grund halten sie um jeden Preis an dem Partner fest, mahnen sie gegenüber dem Königshaus nur vorsichtig Reformen von oben an, um einer Revolution von unten von vorneherein die Spitze zu nehmen.

Gerne auch mit Flagge und Bild des Königs

Der Protest gegen das Frauenfahrverbot ist dabei nicht neu. Schon im November 1990 hatte eine Gruppe, versucht, öffentlich dagegen zu protestieren: 47 Frauen fuhren in 15 Autos durch Riad, bis sie festgenommen wurden. Die Beamtinnen unter ihnen verloren damals ihren Job. Es ist schwer zu sagen, wie viele Frauen sich in Saudi-Arabien diesmal an der "Women2Drive"-Initiative beteiligen werden. Es gibt natürlich mehrere Facebook-Seiten, die sich hinter Manal al Sharif stellen. Aber wie viele Frauen sich dann konkret auf die Straße wagen, lässt sich von den "Fan"-Zahlen dort kaum ableiten. CNN zitiert anonym eine Frau, die sagt: "Ich glaube, es wird Frauen geben, die Auto fahren. Das ist wichtig für die Frauen hier - es ist eines unserer Rechte." Am Freitagmorgen stellte eine saudische Frau bereits ein Video auf Youtube ein, das sie bei einer Autofahrt zeigt. Die Frau, deren Gesicht nicht zu erkennen ist, erklärt, sie habe die Aufnahme an diesem Freitag vor Sonnenaufgang in Riad gemacht.

Für jene Frauen, die ihrem Beispiel im Lauf des Tages folgen wollen, hat eine Bloggerin auf jeden Fall schon einmal Verhaltensregeln ins Netz gestellt. Darin heißt es unter anderem, die Fahrerinnen sollten nicht provozieren, sondern sich strikt an die islamische Kleiderordnung halten, das Auto als Zeichen der Heimatliebe in den Nationalfarben beflaggen, ein Foto des Königs hochhalten, innerhalb der Stadtgrenzen bleiben, die Fahrt filmen und auf Youtube hochladen - und am besten über Twitter dem Hashtag #women2drive folgen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Angst müsse niemand haben, heißt es. Schlimmstenfalls könne die Polizei einen dazu zwingen, ein Formular zu unterschreiben, auf dem stehe, dass man nicht mehr fahren wolle.

Die Polizei hat in den vergangenen Tagen offenbar verstärkt Präsenz auf den Straßen der Hauptstadt gezeigt. Am Freitag meldete die Nachrichtenagentur DPA, dass Dutzende "langbärtige" Islam-Polizisten in Riad aufmarschiert seien, um Frauen am Autofahren zu hindern. Augenzeugen sahen die Vertreter der Behörde für die Förderung der Tugend und die Verhinderung des Lasters rund um die König-Abdulasis-Straße. Denn auch wenn der Protest im Kern harmlos erscheint, dürften ihn die saudiarabischen Machthaber bitter ernst nehmen. Er könnte eine Blüte des arabischen Frühlings sein. "Women2drive Tweets machen mich glücklich", twitterte Wael Ghonim am Freitagvormittag. "Frauen stehen für ihre Grundrechte auf, aber es ist eine traurige Angelegenheit, dass das im 21. Jahrhundert geschieht." Ghonim, der mittlerweile berühmte Google-Manager, war einer der Protagonisten des Aufstands in Ägypten.