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Wirtschaftliche Folgen des Bürgerkriegs In Syrien wird der Treibstoff knapp


Warteschlangen, Benzinmangel und gestiegene Lebenshaltungskosten: In Syrien leiden auch die Menschen außerhalb der Kampfgebiete. Am härtesten trifft das Land der Ölboykott der EU.

Der Bürgerkrieg in Syrien fordert auch wirtschaftlich seinen Tribut. In Damaskus bilden sich vor den Tankstellen und Kochgas-Lagern häufig lange Schlangen. Für den staatlich subventionierten Strom müssen Firmen-Kunden seit Mai fast den doppelten Preis zahlen. Im Juli verfügte die Regierung, dass es im öffentlichen Dienst in diesem Jahr keine Gehaltserhöhungen geben wird.

Die Zutaten für eine Fünf-Personen-Portion des beliebten Brotsalats Fattusch kosten heute 200 syrische Pfund (2,47 Euro), ermittelte die Monatszeitung "Syria Today". Ein Jahr zuvor waren es noch 115 Pfund. Das Leben wird teurer, der wirtschaftliche Spielraum enger. Das Regime spürt den Druck. Am Wochenende wurde es bei seinem Verbündeten Russland vorstellig: Es bat um Geld und Dieseltreibstoff.

Es ist derzeit schwierig, aus Syrien aussagekräftige Wirtschaftsdaten zu bekommen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) soll im Vorjahr um zwei Prozent gefallen sein. Die Proteste hatten im März 2011 begonnen, in den bewaffneten Aufstand gingen sie erst in der zweiten Jahreshälfte über. Die Kosten des Bürgerkriegs schlagen erst in diesem Jahr nach und nach durch. Wegen der Kämpfe fallen Verkehrs- und Transportwege aus, verlieren Unternehmen ihre Märkte, reißt es Menschen aus dem Arbeitsleben (Arbeitslosenquote 2011: 12,3 Prozent). In absoluten Zahlen kann das aktuell noch niemand ausdrücken.

Auf Bettelmission in Moskau

Besonders schmerzhaft treffen das Regime die Sanktionen der Europäischen Union. Die härteste Keule ist der Ölboykott, denn vor den im September 2011 verhängten Sanktionen gingen 95 Prozent der Ölexporte (2009: 263 000 Fass pro Tag) in die EU. Nach Darstellung des syrischen Ölministeriums bedeutet dies einen Einnahmenausfall von 3,2 Milliarden Euro pro Jahr. Obwohl selbst Ölförder-Land, kann Syrien wegen seiner veralteten Raffinerieanlagen den eigenen Treibstoffbedarf nicht decken. Doch für den Import von Diesel und Benzin reicht jetzt das Geld nicht mehr.

Dabei verschlingen die Panzer, Helikopter und Lastwagen der Armee im Krieg gegen die Aufständischen besonders große Mengen von Treibstoff. Versiegt der Nachschub, bricht das Militär zusammen. Von außen lässt sich freilich nicht einschätzen, ob und wann das eintreten wird. Doch dass die Not drückt, zeigte sich am Wochenende, als bekannt wurde, dass der syrische Vizeregierungschef Kadri Dschamil zu einer Bettelmission nach Moskau geschickt wurde.

Seine Delegation habe "eine gewisse Summe in harter Währung beantragt, um die komplizierte Lage in Syrien zu überbrücken", hieß es in russischen Medienberichten. Dschamil wurde mit den Worten zitiert: "Russland hat die Aufgabe übernommen, Syrien in der aktuellen Lage wirtschaftlich zu unterstützen."

Wallfahrer-Tourismus in Gefahr

Bislang hatte die Vetomacht Russland Syrien im Weltsicherheitsrat mit der Blockierung von Sanktionsmaßnahmen geholfen. Das kostete Moskau nichts. Auch die Waffen, die sich Syrien in Russland beschaffte, wurden bislang bezahlt. Es blieb unklar, ob Moskau nun willens ist, in die eigene Tasche zu greifen, um seinen Nahost-Verbündeten über Wasser zu halten.

Derweil droht dem Assad-Regime neues Ungemach: Die Entführung von fast 50 Pilgern durch eine islamistische Rebellengruppe könnte den lukrativen Wallfahrer-Tourismus aus dem Iran zum Erliegen bringen. Hunderttausende Schiiten aus dem Mullah-Staat pilgern jährlich nach Damaskus zum Schrein der Sajjida Zeinab, einer Enkelin des Propheten Mohammed. Dabei geben sie viele Millionen Euro aus. Ihr Ausfall würde Tausende Hoteliers, Souveniranbieter und Kleinunternehmer ruinieren.

Gregor Mayer, DPA DPA

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