Wladimir Putin Sehnsucht nach einem Feindbild


Russland droht, aus der Rüstungskontrolle in Europa auszusteigen, und der Westen ist schockiert. Kein KSE-Vertrag - das fühlt sich an, als wäre der Kalte Krieg zurückgekehrt. Aber warum bricht Präsident Putin ihn vom Zaum?
Von Andreas Albes

Versetzen wir uns mal in Wladimir Putins Lage: Der Mann ist nun seit sieben Jahren an der Macht und bei seinem Volk so beliebt, dass die Mehrheit gar einer Verfassungsänderung zustimmen würde, damit er im nächsten April noch eine dritte Amtszeit dranhängen kann. Das hat vor ihm noch kein Kreml-Herrscher geschafft.

Grundlos ist die Beliebtheit nicht. In Russland herrscht stabiles Wirtschaftswachstum, man liegt auf Rang zehn im Vergleich der größten Industrienationen; das Durchschnittseinkommen hat sich unter Putin verdoppelt, die Boomtown Moskau verzeichnet praktisch keine Arbeitslosen; sogar die Geburtenrate steigt inzwischen wieder. Theoretisch könnte sich Putin also in der Gewissheit zurücklehnen, als guter Präsident in die Geschichte einzugehen, wenn kommendes Frühjahr sein Nachfolger gewählt wird.

Zurück auf dem Weg zur Supermacht

Aber so ist Putin nicht. Sein Judo-Trainer aus Kindheitstagen sagte einmal über ihn: "Er kämpfte wie ein Schneeleopard. Entschlossen um jeden Preis zu gewinnen." Putin, der Überehrgeizige. Ihm wäre es bestimmt nicht genug, als einer in Erinnerung zu bleiben, dem die Menschen lediglich zu verdanken haben, einen europäischen Kleinwagen und Ikea-Möbel zu besitzen. Er möchte jener Herrscher sein, der Russland wieder zu alter Stärke führt - zurück auf den Weg zur Supermacht.

Natürlich wissen die Russen, das unter seiner Führung friedliche Demonstranten von einer Übermacht bulliger Polizisten niedergeknüppelt werden, dass er Presse und TV-Sender staatlich kontrollieren lässt und im Kaukasus einen Krieg führt, bei dem Entführungen und Folter zum Alltag gehören. Aber es schert sie nicht.

Unterschiede, wo es früher keine gab

Die Menschen haben andere Probleme, denn der Kapitalismus hat sie nicht glücklich gemacht. Nicht nur, weil ein Großteil noch immer in Armut lebt. Damit können sich Russen besser arrangieren, als ein Westeuropäer sich das vorstellen kann. Der Kapitalismus hat vielmehr dafür gesorgt, dass heute Unterschiede da sind, wo es früher keine gab. "Warum fährt mein Nachbar einen Mercedes, wo ich mir nur einen Lada leisten kann?"

Viele, sogar sehr viele, glauben, dass sie zu Sowjetzeiten glücklicher waren. Aber die wenigsten verstehen, warum. Vordergründig gab es da die sozialistische Ideologie, die die Menschen zusammenschweißte: Die UdSSR die eines Tages die Weltherrschaft übernehmen würde, und wenn nicht das, so doch zumindest dafür sorgte, dass man mit den übermächtigen USA auf Augenhöhe stand.

Doch im Grunde war es das familiäre Sowjetgefühl, das Zufriedenheit vermittelte; jene Zeit, oftmals der Not, in der man sich auf pragmatischste Weise gegenseitig half ("Ein Kilo Äpfel, wenn du meinen Vergaser reparierst), und abends in der Küche beim Nachbarn saß, der vielleicht heimlich Westradio hörte, und gemeinsam über die Betonköpfe im Politbüro schimpfte. Dieser Zusammenhalt ist zerstört und lässt sich nie wieder zurückholen. Wohl aber der Glaube an ein gemeinsames, großes Feinbild, das Identität stiftet: der Westen und allen voran die USA.

Natürlich sind die amerikanischen Pläne, zum Kampf gegen Terrorismus in Polen und Tschechien Raketen zu stationieren, höchst überflüssig. Auch in der EU wird das so gesehen. Deutschlands Außenminister Steinmeier mahnte die USA bereits, auf Russland zuzugehen. Und sogar amerikanische Verteidigungsexperten wie der bekannte Militäranalytiker William Scott Ritter sehen in dem US-Raketenschutzschild einen Versuch der Bush-Regierung, Russland zu isolieren.

Raketen auf Moskau?

Aber statt mit Westeuropa eine Allianz zu suchen, nimmt Putin die amerikanische Provokation dankbar an. Diplomatisches Vorgehen hätte ja als Zeichen von Führungsschwäche gelten können. Als ginge es ums Überleben der russischen Nation, setzt er die Rüstungskontrolle für Panzer, Kampfflugzeuge und Kanonen in Europa einseitig aus. Er holt den Kalten Krieg zurück - und die Staatsmedien feiern ihn dafür. Sie machen dem Volk vor, der Präsident würde verhindern, dass Amerika bald Raketen auf Moskau abfeuert.

Die Sympathiewerte für Putin werden in den nächsten Tagen wahrscheinlich abermals neue Rekordmarken durchbrechen. Und die ohnehin kaum vorhandene Opposition, vom Kreml als vom Westen gesteuert und US-finanziert verunglimpft, dürfte es noch schwerer haben, Anhänger zu finden.


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