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Zentralasien: Blutbad in Usbekistan

Seit Tagen protestieren die Usbeken gegen einen umstrittenen Prozess und gegen ihren Präsidenten. Jetzt hat das Militär eingegriffen. Die blutige Bilanz: bis zu 50 Tote.

Das Militär der zentralasiatischen Republik Usbekistan hat einen Massenaufstand gegen die autoritäre Staatsführung im Osten des Landes blutig niedergeschlagen. In der islamistisch geprägten und sehr dicht besiedelten Region Fergana-Tal schossen Soldaten in der Stadt Andischan am Freitagabend nach Augenzeugenberichten wahllos auf Menschen. Usbekische Journalisten vor Ort schätzten die Zahl der Toten auf bis zu 50. Der Angriff des Militärs richtete sich vor allem gegen das von Aufständischen besetzte Gebäude der Gebietsverwaltung. Demonstranten hatten gegen einen umstrittenen Extremismus-Strafprozess protestiert und den Rücktritt des autoritären Staatschefs Islam Karimow gefordert.

Während des eine Stunde lang dauernden Angriffs seien aus dem Gebäude mehrere Explosionen zu hören gewesen, berichtete ein Reporter der Internetagentur Fergana.ru. Die Informationslage blieb bis zum Abend widersprüchlich. Präsident Karimow hielt sich nach Angaben seines Verwaltungsapparates in Andischan auf. Er trat aber nicht an die Öffentlichkeit.

Auslöser für die Gewalt ist ein umstrittener Strafprozess gegen 23 wohlhabende Geschäftsmänner, denen enge Verbindungen zu einer islamistischen Terrororganisation zur Last gelegt werden. Die Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe. Angebliche Verwandte und Freunde der Angeklagten raubten Waffen aus einer Kaserne und erzwangen damit die Freilassung der Inhaftierten sowie tausender weiterer Häftlinge aus dem Gefängnis. Anschließend marschierte die mit Maschinengewehren bewaffnete Gruppe mit einem Teil der Befreiten zu dem Regierungsgebäude und nahm es in Beschlag. Die Besetzer brachten zehn Polizisten in ihre Gewalt.

Rücktritt von Präsident Karimow gefordert

Bereits seit Tagen protestierten tausende Menschen im Zentrum von Andischan gegen den Prozess und forderten den Rücktritt des seit vielen Jahren regierenden Präsidenten Islam Karimow. "Die Nation leidet unter dem totalitären Regime von Präsident Karimow und unter der Korruption auf allen Ebenen des Staates", sagte ein Demonstrant. "Das Volk verlangt Gerechtigkeit, Freiheit und Demokratie."

Karimow regiert die Ex-Sowjetrepublik mit Repressionen statt mit Reformen. Der frühere Kommunistenchef propagiert einen gemäßigten Staatsislam und verfolgt die Opposition. Nach Schätzungen von Amnesty International sitzen derzeit 8000 Regimegegner in Gefängnissen. Die Menschenrechtsorganisation wirft der Regierung Folter und Misshandlungen von Häftlingen vor.

Kampf gegen den Islamismus

Andischan liegt im Ferghana-Tal, wo Millionen von Moslems in Armut leben. Das früher zur Sowjetunion gehörende Usbekistan ist in der Vergangenheit immer wieder wegen der Behandlung von Moslems kritisiert worden, die sich nicht der staatlich gelenkten Religionsführung unterordnen wollen. Der Präsident des 26 Millionen Einwohner zählenden Usbekistans begründet sein hartes Vorgehen gegen die Moslems mit dem Kampf gegen den aufstrebenden militanten Islamismus. Karimow ist ein Verbündeter der USA im von Präsident George W. Bush ausgerufenen Krieg gegen den Terror.

Sowohl die USA als auch Deutschland haben Soldaten in Usbekistan stationiert. Etwa 300 Bundeswehr-Soldaten versorgen von der südusbekischen Stadt Termes aus die Truppen im angrenzenden Norden Afghanistans. Präsident Karimow sieht seinen Kampf gegen islamistische Gruppen im eigenen Land als Beitrag zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus. Angesichts massiver Klagen von Menschenrechtsgruppen rückt die Führung in Washington zunehmend vom strategischen Verbündeten Karimow ab.

DPA/Reuters / DPA / Reuters