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Pläne der Nazis vereitelt : Der Spion, der Krakau vor der Vernichtung rettete

Als die Rote Armee im Winter 1945 immer näher rückt, wollen die Nazis Krakau fluten und zerstören. Doch einem sowjetischen Spion gelingt es, die Stadt vor der totalen Vernichtung zu bewahren. 

Alexej Botjan im Oktober 1941 (l.) und vor dem Zweiten Weltkrieg (r.)

Alexej Botjan im Oktober 1941 (l.) und vor dem Zweiten Weltkrieg (r.)

Als die Rote Armee im Dezember 1944 immer weiter nach Westen vorrückte, brach unter den Nazis Panik aus. Eilends zog Adolf Hitler Truppen aus Polen ab, um sie nach Ungarn in Marsch zu setzten. Unter allen Umständen wollte er den Kessel um Budapest lösen und die ungarischen Ölfelder verteidigen. Auch aus der polnischen Stadt Krakau sollten die deutschen Truppen abgezogen werden. Doch die geschichtsträchtige Stadt sollte der Roten Armee nicht in die Hände fallen. Und so schmiedete die Wehrmacht offenbar einen Plan zur Vernichtung von Krakau.

Die Nazis riegelten den Roznow-Damm ab. Falls sowjetische Truppen in die Stadt einmarschierten, wollte man die Schleusen öffnen. Die Flutwelle solle Krakau niederreißen und Chaos in der Roten Armee verursachen. Zusätzlich sollten die Brücken und die Altstadt gesprengt werden. 

Doch ein Geheimdienstoffizier der Roten Armee erfuhr von dem Plan: Alexej Botjan. Nach offiziellen Angaben des Auswärtigen Geheimdienstes der Russischen Föderation führte er zu dieser Zeit ein Partisanennetzwerk im besetzten Polen an. Der polnische Widerstand war ein riesiger Schmelztiegel verschiedener Kräfte, die sich gegenseitig misstrauten: die Heimatarmee, die der polnischen Exilregierung in London unterstellt war, die kommunistischen Polen der Volksarmee und die bewaffneten Bauernbataillone.

Botjan gelang es jedoch, mit allen eine gemeinsame Sprache zu finden. "Er fühlte sich unter den Polen zu Hause, was einen Teil seines Erfolgs ausmachte. Er fügte sich perfekt ein, weil er ein Schauspieler war, ein großartiger Schauspieler!", erinnerte sich später Georgi Sannikow, ein Veteran des russischen Auswärtigen Geheimdienstes. "Glauben Sie mir, wenn Sie ein Illegaler - ein Spion, ein Späher oder was auch immer - aber kein Schauspieler sind, werden Sie nicht weit kommen", zitiert ihn das Magazin "Russia Beyond".  

Der Weg zur sowjetischen Geheimpolizei 

Botjan verfügte über dieses Talent. Er hatte fast den gesamten Zweiten Weltkrieg hinter den feindlichen Linien verbracht. Mal im besetzten Weißrussland, mal in der Ukraine, zum Schluss in Polen. Seine Mission war es, den Vormarsch der sowjetischen Truppen zu erleichtern.

1917 kam er auf die Welt. Kurz darauf zerbrach das russische Zarenreich. Sein Heimatdorf lag von nun an auf dem Gebiet der neu entstandenen Zweiten Polnischen Republik. 1939 wurde er kurz vor der nationalsozialistischen Invasion in die polnische Armee eingezogen. Als Unteroffizier der Luftabwehr verbrachte er die ersten Tage des Zweiten Weltkriegs damit, auf Junker-Kampfflugzeuge zu schießen.

Als die polnischen Einheiten jedoch aufgerieben wurden, floh Botjan nach Osten und ergab sich der Roten Armee. Mit Fahnenflüchtigen wurde in Stalins Reich kurzer Prozess gemacht. Doch Botjan entging dem Tod und wurde stattdessen in den Dienst der politischen Geheimpolizei NKGB aufgenommen.

Die Operation zur Rettung Krakaus 

Nach einer anderthalbjährigen Ausbildung wurde Botjan schließlich wieder nach Polen geschickt. Seine Aufgaben: Sabotageoperationen durchzuführen, einen Guerillakrieg zu organisieren und ein Agentennetzwerk aufzubauen. Das gelang dem damals 28-Jährigen. Von einem Ingenieur, den seine Partisanengruppe gefangen nahm, erfuhr er im Januar 1945 von dem Plan der Deutschen. Am 10. Januar bestätigten sich diese Informationen, als die Untergrundkämpfer das deutsche Hauptquartier in die Luft jagten. In der Aktentasche eines Toten fanden sie den detaillierten Plan zu Sprengung des Damms und der Krakauer Altstadt. 

Den Sprengstoff lagerte die Wehrmacht in einer alten Burg südöstlich von Krakau. In einer riskanten Operation nahm Botjan direkten Kontakt mit einem der Offiziere der Burggarnison auf. Der Pole, der 1939 von der Wehrmacht mobilisiert wurde, war bereit, die Seiten zu wechseln, und erklärte sich nach langwierigen Gesprächen mit dem sowjetischen Geheimdienst bereit, an der Operation teilzunehmen. "Ich gab ihm eine Mine, eine britische, mit einer Zündschnur und wies ihn an, zum Munitionslagerhaus zu gehen", erzählte Botjan später, unter anderem im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Tass. Vermutlich habe der Überläufer sie einem ahnungslosen Untergebenen weitergereicht, der sie im Lager deponierte.

Am 18. Januar 1945 um 5.20 Uhr erschütterte schließlich eine gewaltige Explosion die alten Burgmauern. Unter den Trümmern wurden mehrere Hundert deutsche Soldaten begraben - und mit ihnen der Plan, Krakau zu zerstören. Wenige Tage später marschierte die Rote Armee in die Stadt ein.

Alexej Botjan nimmt am 15. Januar 2020 an einem Treffen von Veteranen des Zweiten Weltkriegs in Moskau teil 

Alexej Botjan nimmt am 15. Januar 2020 an einem Treffen von Veteranen des Zweiten Weltkriegs in Moskau teil 

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"Krakau zu retten ist das Wichtigste, was ich in meinem Leben getan habe", sagte Botjan Jahrzehnte später. 2007 wurde er dafür mit dem höchsten Orden der Russischen Föderation ausgezeichnet. In der Nacht zum vergangenen Donnerstag ist der "Held Russlands" verstorben, drei Tage nach seinem 103. Geburtstag. Präsident Wladimir Putin gedachte des Verstorbenen als "legendären Geheimdienstoffizier" und "wahren Patrioten".