Debatte um Kanzlertausch
Wenn Medienschelte zum Ablenkungsmanöver wird

Debatte um Kanzlertausch: Wüst und Merz
In der Union wird eine Debatte über einen Kanzlertausch geführt – ob Friedrich Merz durch Hendrik Wüst ersetzt wird
© Oliver Langel, Duesseldorf, GER / Imago Images

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Für unsere Berichterstattung über einen möglichen Kanzlertausch wurden wir scharf kritisiert. Chefredakteur Gregor Peter Schmitz erklärt, warum es unsere Pflicht ist, zu berichten.

Tragen wir Journalisten Schuld daran, dass unsere politischen Debatten immer hektischer verlaufen, so kurzatmig, immer stärker ausgerichtet auf Personen statt auf Inhalte? Der Vorwurf ist nicht neu. Es gab ihn schon, bevor die „sozialen“ Medien alles schneller machten, bevor der Druck wuchs und die Aufmerksamkeitsspanne sank, bevor Podcasts, Newsletter, Newsfluencer neben alten Medienmarken um jede Sekunde Aufmerksamkeit gierten. Schon Kanzler Helmut Schmidt nannte die Presse „Wegelagerer“. 

Mich sprang diese Debatte wieder an, nachdem mein stern-Kollege Julius Betschka einen Bericht veröffentlicht hatte. Tenor: In der CDU werde darüber nachgedacht, den so unbeliebten Friedrich Merz im Kanzleramt auszutauschen und dafür Hendrik Wüst einzuwechseln, den deutlich jüngeren und viel beliebteren NRW-Ministerpräsidenten. Viele Medien griffen die These auf, bis hin zur FAZ, die sich in Unionsangelegenheiten als halbamtliches Mitteilungsblatt versteht. Damit war sie so sehr autorisiert, dass das Merz-Umfeld ungewöhnlich scharf auf die „wüsten Gerüchte“ reagierte. 

Ein Kanzlertausch als Routineangelegenheit?

Auch wir gerieten ins Feuer, vor allem von Leserinnen und Lesern. Es hieß, wir berichteten über einen Kanzlertausch, als handele es sich um eine Routineangelegenheit, was er zum Glück nicht ist. Der einzige in der Geschichte der Bundesrepublik, von Ludwig Erhard auf Kurt Georg Kiesinger, verlief mäßig erfolgreich. Auch der nicht unwesentliche Aspekt, dass Merz gar kein und Wüst kaum ein Interesse an einem solchen Tausch zu diesem Zeitpunkt hätten, wurde gegen uns vorgebracht. Wir schrieben einen Sturm im Wasserglas herbei, hieß es, beginne das Sommerloch nun schon im Mai?

Ich verstehe die Kritik an personenfixierter Berichterstattung. Auch für uns Journalisten gilt der Merz-Vorwurf, dass es immer einfacher sei, über Personal zu quatschen, als sich ernsthaft mit Einkommensteuersätzen oder der Pflegereform zu beschäftigen. Außerdem stimmt der Einwand, dass angesichts der Multikrisen vielleicht niemand derzeit erfolgreich regieren könne, noch dazu mit einem zögerlichen Koalitionspartner. 

Wir haben vieles, aber nicht mehr viel Zeit

Trotzdem halte ich die Medienschelte diesmal für ein Ablenkungsmanöver. Denn besagte Debatte gibt es in der Union – und es wäre fahrlässig, würde sie nicht geführt. Friedrich Merz ist binnen eines Jahres von einem mäßig beliebten zu einem ungeheuer unbeliebten Regierungschef geworden. Merz nannte Vorgänger Olaf Scholz einen „Klempner der Macht“. Viele, auch in der Union, halten ihn und sein Umfeld aber mittlerweile so sehr für Klempnerlehrlinge, dass der Kanzler den schlimmsten Zustand zu erreichen droht: Man nimmt ihn nicht mehr ernst. 

Und: Das Argument, man solle der Regierung erst mal Zeit lassen, hat Merz selbst infrage gestellt, als er nach dem Wahlsieg versprach, bald werde ein Ruck durchs Land gehen. Die Deutschen spüren: Wir haben vielleicht vieles, aber nicht mehr viel Zeit. 

Deswegen wird Merz nicht morgen abgelöst. Wüst kann warten, und der CSU-Querulant Markus Söder ist von seiner Partei abgelenkt, der plötzlich auffällt, dass der Umfragen-König Söder an der Wahlurne wenig liefert. Aber misslingt der Sommer der Reformen, ist alles möglich. Und, ja, darüber dürfen – und müssen – wir berichten.

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