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"Hart aber fair": Alte Herren mit heißen Herzen

Drei Tage nach Anne Will machte auch Frank Plasberg die spektakulären SPD-Personal-Rochaden zum Thema. Zwar hatte er mit Lafontaine, Schreiner, Wiefelspütz und Schäuble nicht die frischeste Talkshowgarde eingeladen, ging aber trotzdem als Punktsieger vom Platz: Er veranschaulichte die ganze Zerrissenheit der SPD – mit redaktioneller Vielfalt und Schlagfertigkeit.

Von Peter Luley

Das Thema war hübsch zynisch formuliert: "Die SPD am Abgrund – was bringt der Schritt nach vorn?" hatte die "Hart aber fair"-Redaktion als Motto der Sendung ausgegeben. 72 Stunden nachdem Anne Will die denkwürdige SPD-Klausur am Schwielowsee quasi noch in Schockstarre behandelt hatte, ging auch Frank Plasberg auf die putschartigen Personal-Rochaden in der SPD um Beck, Steinmeier und Müntefering ein. Nebenbei ein spannender Direktvergleich zwischen dem Mittwochsmann und der Sonntags-Lady.

Schäuble fast als Außenseiter

Nachdem sich bei Will vor allem die technokratischen Generalsekretäre Heil und Pofalla befehdet hatten, setzte Plasberg frei nach dem Müntefering-Zitat "Lieber heißes Herz als Hose voll" auf eine Runde einander gut bekannter älterer Herren mit Tendenz zur SPD-Nabelschau: Neben dem Publizisten Michael Jürgs als einzigem Nicht-Politiker tummelten sich bei ihm der Ex-SPD- und heutige Linkspartei-Vorsitzende Oskar Lafontaine, der SPD-Sozialrebell Ottmar Schreiner und der SPD-Bundestagsabgeordnete Dieter Wiefelspütz. CDU-Innenminister Wolfgang Schäuble kam eine fast entrückte Außenseiter-Position zu.

Die Diskussion verlief zunächst den Rollenprofilen entsprechend: Die einst als Jusos gemeinsam in die Polit-Karriere gestarteten Saarländer Lafontaine und Schreiner waren sich in der Verurteilung der Rente mit 67 so einig, dass Lafontaine zu Schreiners Ausführungen synchron nicken konnte. Der wackere Parteisoldat Wiefelspütz dagegen musste das Fähnlein der Agenda 2010 und die offizielle Lesart der jüngsten Ereignisse hochhalten. So hatte er zu ringen zwischen Mitgefühl für das selbsternannte Mobbing-Opfer Beck und der Preisung der getroffenen Personal-Lösung ( "das Beste, was wir gegenwärtig anzubieten haben"). Einmal machte sich dieser Zwiespalt in einer bemerkenswerten Eruption Luft, als er darauf hinwies, Bundeskanzler zu werden, schaffe eben "kein Beckenrandschwimmer". Was immer das über Kurt Beck aussagen sollte.

Schlagfertiger Plasberg

Plasberg aber schaffte es zumindest, das Dilemma der SPD deutlich zu machen – und die nicht ganz taufrische Talkrunde lebendig zu halten. Er bewies einmal mehr, dass er es versteht, griffig zu formulieren und gegebenenfalls schlagfertig zu antworten. "Würden Sie in einem Lokal essen gehen, wo der Koch so oft wechselt wie bei der SPD der Vorsitzende?", fragte er Wiefelspütz. "Was hat denn Kochen mit Wahlen zu tun?", entgegnete der unbeholfen. "Es muss schmecken, dem Gast", erwiderte Plasberg wie aus der Pistole geschossen.

Zwar unterliefen ihm auch Abschweifungen und Längen – etwa, als man über den nahe liegenden Vergleich der Pfälzer Provinzpolitiker Beck und Kohl in einen längeren Diskurs über die Verdienste des ewigen CDU-Kanzlers geriet. Aber dann merkte er es und steuerte gegen.

Beharrungsvermögen bei Lafontaine

Neben Schlagfertigkeit und verinnerlichten journalistischen Tugenden wie Insistieren und Beharren verfügt Plasberg offenbar stärker als Will über redaktionelle Kapazitäten wie pointierte Film-Einspieler, Einbindung von Zuschauerreaktionen und Schalten. Zwar gelang es auch ihm nicht, den mehrfach als "Demagogen" gescholtenen Lafontaine wirklich dingfest zu machen: Auf zwei beispielhaft herausgegriffenen Lafontaine-Äußerungen, die sich beim Gegenrecherchieren als falsch erwiesen hatten, beharrte dieser so routiniert, dass der Effekt verpuffte. Ausgerechnet mit einem Ausschnitt aus einer "Anne Will"-Sendung, in der Lafontaine behauptet hatte, Angela Merkel habe einst nur wegen kommunistischer Linientreue in Moskau studieren dürfen, wollte Plasberg den Populisten stellen: Merkel habe gar nicht in Moskau studiert. Lafontaine blieb bei seiner Version.

Immerhin gelang es, das Phänomen der fatalen Verbundenheit von SPD und Linkspartei greifbar zu machen, umso mehr, als Lafontaine selbst eher in die Rolle des generösen Tippgebers für die SPD schlüpfte, als sich demonstrativ an ihren Schwierigkeiten zu weiden. Schäuble erntete Lacher mit seiner Prognose, wenn die SPD weiter in diesem Tempo rückwärts schreite, sei der Vorsitz bald wieder bei Lafontaine angekommen. Und als Wiefelspütz erklären sollte, warum ausgerechnet die Agenda-Verfechter Müntefering und Steinmeier die SPD einen könnten, wählte er die originelle Begründung, die Genannten seien "Sozialdemokraten bis an ihr Lebensende". Das reklamierte murmelnd auch Lafontaine für sich.

So wurde die ganze Zerrissenheit einer Partei deutlich, die mittlerweile nicht nur zwei Flügel, sondern eine konkurrierende Außenfiliale unterhält. Dies noch einmal bestens herausgearbeitet zu haben, kann sich Plasberg auf die Fahnen schreiben. In einer nicht ganz ernst gemeinten Schlussrunde ließ er seine Herrenrunde nacheinander aussagen, wer wen zum fiktiven Skat mit Müntefering mitnehmen würde. Es gab Gelächter.

Plasberg selbst wurde zuletzt vor allem im Zusammenhang mit zusätzlichen ARD-Quizshow-Aktivitäten genannt. Vielleicht sollte er sich stattdessen aufs Kerngeschäft konzentrieren und demnächst den ARD-Sonntag ins Visier nehmen. Dort wäre er eine ernstzunehmende Alternative.