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"Maybrit Illner" Mai Thi Nguyen-Kim und ihr einsamer Kampf gegen die selbstzufriedenen Männer

ZDF-Moderatorin Maybrit Illner und ihre Gäste
Zu Gast bei Moderatorin Maybrit Illner (2.v.l.) im ZDF im Studio: Schauspieler Jan Josef Liefers (l.), Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim: Zugschaltet: Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP, l.) und Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne)
© ZDF / Svea Pietschmann
Haben Talkshows zum Thema Corona nach über einem Jahr Pandemie eigentlich überhaupt noch Sinn? Zumindest nicht, wenn sie so ablaufen wie bei "Maybrit Illner", wo der Geduldsfaden der einzigen Wissenschaftlerin in der Runde zum Zerreißen gespannt war.

Bei Twitter hatten sie tagsüber schon mit den Hufen gescharrt. Die User konnten kaum glauben, dass mit Jan Josef Liefers, Boris Palmer und Wolfgang Kubicki gleich drei beratungsresistente Besserwisser auf einmal zu Gast bei "Maybrit Illner" sein würden.

"Das wird unterhaltsam", so der Tenor.

Wird es eben nicht. Denn die unausgewogene Runde – von Hamburgs Erstem Bürgermeister Peter Tschentscher (im Auftritt gewohnt nüchtern am Rande der Farblosigkeit) und der Wissenschaftsvermittlerin Mai Thi Nguyen-Kim, die mit dem Kopfschütteln kaum aufhören kann, komplettiert – kommt nur selten in die Gänge.

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Liefers erkennt "gewisse Homogenität" im Corona-Journalismus

Das liegt natürlich zuvorderst am thematisch zerfaserten Talk, der von Schauspielerprotest über Öffnungsmodelle bis zur Aussagekraft von Inzidenzwerten mal wieder viel zu viele Corona-Problematiken auf einmal anreißt und deshalb nie in die Tiefe geht.

Schauspieler Liefers steht zunächst im Mittelpunkt des Interesses, um sich abermals für seine Teilnahme an #allesdichtmachen zu rechtfertigen. Das gelingt ihm ein bisschen besser als vor ein paar Tagen in der "Aktuellen Stunde" des WDR, aber immer noch nicht überzeugend.

Spätestens als er eine "gewisse Homogenität" in der Corona-Berichterstattung erkannt haben will, macht er sich unglaubwürdig, weil er nur leicht zeitversetzt ebenfalls einräumt, kurz vor Weihnachten alles abbestellt und nichts mehr angeguckt oder gelesen zu haben. Moderatorin Illner verteidigt daraufhin den Journalismus im Allgemeinen und ihre Sendung im Speziellen, aber das macht die Besetzung ihrer Show an diesem Abend auch nicht weniger missraten.

Liefers findet die Destruktivität von #allesdichtmachen jedenfalls auch weiterhin in Ordnung, schließlich seien alle anderen Proteste aus den Reihen der Kultur bislang mehr oder minder ungehört verhallt. Die zugeschalteten Männer pflichten ihm bei: Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki hält die Aktion der Schauspieler für "sehr pointiert", die kritische Reaktion für "unangemessen". Tübingens Oberbürgermeister Palmer bedankt sich beim "Tatort"-Schauspieler sogar ausdrücklich für die Diskussion, schließlich kenne er diese Shitstorm-Mechanismen seit Jahren und weiß: "Wir müssen miteinander streiten."

Der Zuschauer meint an dieser Stelle längst, bei Mai Thi Nguyen-Kim ein wiederholtes Verdrehen der Augen erkannt zu haben – spätestens als Illner sie auf die erbosten Kritiker der Kunstaktion von Liefers und Kollegen anspricht: "Warum tillen die so ab?", fragt die Moderatorin wörtlich.

Das könne sie nun auch nicht beantworten, antwortet Nguyen-Kim, und überhaupt hat sie die Aktion nicht besonders aufmerksam verfolgt – ganz bewusst und auch im Nachgang nicht: "Was mich viel mehr nervt, ist, dass wir jetzt immer noch darüber sprechen."

Ihre Genervtheit ist Nguyen-Kim nicht zu verdenken

Die Genervtheit über ihre Rolle in der Runde – den einsamen Kampf gegen ein paar selbstzufriedene Männer, bei dem Illner ihr viel zu selten zur Seite springt – ist Nguyen-Kim in den 60 Minuten der Sendung beinahe durchgehend anzusehen.

Und wer will es ihr verdenken? Nachdem Liefers sich mehr schlecht als recht verteidigt und gleichzeitig ein bisschen über den "irren Buzz", der "um die ganze Sache" entstanden sei, wundert, wird es für den Rest der Sendung erst so richtig müßig. Da darf Palmer sich mal wieder selbst für sein Tübinger Modell feiern und süffisant damit angeben, dass er plötzlich "die Bürger von Herrn Tschentscher" zu Besuch in der Stadt gehabt habe.

Tschentscher kann darüber bloß, Nguyen-Kim-Style, mit dem Kopf schütteln und darauf hinweisen, dass das Krisenmanagement in einer 20-mal größeren Metropole ja schon ein anderer Schnack ist. Kubicki erzählt daraufhin sinngemäß, dass es bei ihm in Schleswig-Holstein ja ohnehin alles viel besser laufe als in der angrenzenden Hansestadt, was Tschentscher nicht auf sich sitzen lassen will, denn die Männer haben an diesem Abend in geballter Unreflektiertheit vor allem eines gemeinsam: Sie wollen ganz sicher nicht auch nur einen Zentimeter von ihrem Standpunkt abrücken, dass es in der eigenen Region immer noch am sichersten ist.

Nein, nach über einem Jahr Pandemie haben Talkshows zum Thema Corona wirklich nur noch wenig Sinn, ganz sicher aber machen sie keinen Spaß mehr, wenn sie so ablaufen wie an diesem Donnerstagabend, an dem nicht nur der Geduldsfaden der einzigen Wissenschaftlerin der Runde zum Zerreißen gespannt war. 

Die Corona-Debatte dreht sich nur noch im Kreis

Die Debatte dreht sich allzu offensichtlich immer noch und nur noch im Kreis, allein die Lage hat sich verschärft, die Fronten verhärtet. Und trotzdem beschleicht den Zuschauer immer wieder das Gefühl: Es könnte, rein theoretisch, schon längst ein bisschen besser laufen – bei allem, was wir uns mit gesundem Menschenverstand zusammenreimen können. Findet die angenehm fassungslos wirkende Mai Thi Nguyen-Kim sowieso, das macht sie in der Sendung mehrfach deutlich.

Und deshalb soll ihr hier auch das letzte Zitat gebühren, weil es das ganze Dilemma eines Corona-Talks im Frühjahr 2021 auf den Punkt bringt, als Illner – hoffentlich rhetorisch – fragt: "Haben wir vielleicht viel zu spät verstanden, dass, wenn wir acht Stunden in einem Office arbeiten oder in einer Industriehalle, dass das auch ein großer Treiber dieser Pandemie sein kann?"

"Verstanden haben wir das bestimmt schon lange", so Nguyen-Kim, "aber das sind ja politische Entscheidungen." Zumindest der zweite Teil ihrer Antwort trifft ganz bestimmt zu.


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