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"Er spricht nicht für die Polizei": Wie ein Polizist Gewerkschafts-Boss Wendt zum Schweigen bringen will

Rainer Wendt sagt öffentlich, dass er Deutschland nicht für einen Rechtsstaat hält, man in ständiger Angst vor Kriminalität leben müsse und die Polizei Elektroschocker einsetzen dürfen sollte. Einem Polizisten geht das zu weit - er fürchtet um den Ruf seines Berufs.

Rainer Wendt

Rainer Wendt ist der Bundesvorsitzende der Polizeigewerkschaft (DPolG), spricht aber nicht für "die Polizei" in Deutschland

Den Namen Rainer Wendt liest man häufig. In Presseartikeln, gedruckt und online, und neuerdings auch im Buchhandel. Wendt kommt zu Wort, wenn es um Kritik an der Polizei geht, um den Umgang mit Flüchtlingen oder mit kriminellen Ausländern. Rainer Wendt ist Polizeihauptkommissar aus Duisburg. Seit 2007 ist er der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), außerdem sitzt er im Bundesvorstand des Deutschen Beamtenbundes. Als solcher ist er allgegenwärtig. Wendt schimpft gegen Rechtsanwälte, denn die verlangsamen seiner Auffassung nach nur, dass Flüchtlinge abgeschoben werden. Er betrachtet Deutschland nicht als Rechtsstaat, obgleich er doch selbst mit zur Exekutive gehört. Er will bei Konfrontationen längere Schlagstöcke und auch Elektroschocker einsetzen dürfen. Auch spricht er sich regelmäßig für den Einsatz von Wasserwerfern, Pfefferspray und Schlagstöcken bei Demonstrationen aus, außerdem für den Gebrauch von Gummigeschossen "gegen Randalierer".

Wendts Überzeugungen sind mindestens umstritten. Dass er damit nicht im Sinne seiner Kollegen spricht, zeigt eine aktuelle Petition bei Change.org. Der Mann, der die Petition gestartet hat, ist selbst Polizist, Kriminalkommissar. Oliver von Dobrowolski sieht den Ruf der deutschen Polizei durch den vielzitierten "Sprecher" Wendt stark beschädigt, das bestätigt er im Gespräch mit dem stern. Von Dobrowolski  will erreichen, dass Wendt zumindest von "den Medien" nicht mehr als Experte herangezogen wird. "Keine Bühne mehr für Rainer Wendt - er spricht nicht für die ganze Polizei!" hat er seine Petition daher überschrieben. 

Wendt spricht nicht nur mit seriösen Medien, sondern auch mit Portalen, die in der rechten Szene anzusiedeln sind, etwa "Junge Freiheit" und "Compact". Selbst ihnen gab der Polizist Interviews.

Wendt "kann jeden verstehen, der sagt, dies ist überhaupt kein Rechtsstaat"

Derweil verkauft Wendt sein Sachbuch, das eine eigenartige Stimmung verbreitet. Mit seinem Werk, das weniger aus Recherchen als vielmehr seinem persönlichen Gefühl besteht, schreibt er Deutschland in den Abgrund. Titel: "Deutschland in Gefahr. Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt." Angstmache, wie sie sich in Zeiten der AfD freilich gut verkauft - wenn auch zu Unrecht. Wendt schreibt darin von seiner Überzeugung, einem Staat zu dienen, der "kein Rechtsstaat" ist und der "mit demokratischer Kultur nichts gemein hat": "Ich kann jeden verstehen, der sagt, dies ist überhaupt kein Rechtsstaat mehr." Weitere irritierende Zitate aus seinem Buch sind "Die Staatsführung schert sich nicht um die Einhaltung des Rechts" und "Die Hälfte der Deutschen hat es satt, als Nazis abgestempelt zu werden". Wendt fokussiert fast ausschließlich angebliche Gefahren und vermeidet es auch nicht, ganze Bevölkerungsgruppen und Ethnien anzuprangern.

Von Dobrowolski betont, dass seine Petition sich nicht gegen Wendt richtet, sondern an Journalisten: "Dass viele Medien, offenbar der Quote halber, auf einen Scharfmacher zurückgreifen, dessen Thesen politisch grenzwertig und nicht selten falsch sind, der aber zunehmend als 'Sprachrohr der deutschen Polizei' wahrgenommen wird, ist eine gefährliche Entwicklung", sagt von Dobrowolski zum stern.

Dass er selbst Polizist ist, hat für ihn eine wichtige Rolle gespielt, als er die Petition startete. "Ich habe das große Glück, in einem Bereich zu arbeiten, in dem wir die Bevölkerung zu Sicherheitsgefahren beraten und einer unbegründeten Kriminalitätsfurcht entgegensteuern wollen", sagt er, "Darüber hinaus arbeite ich seit elf Jahren auch im Kommunikationsteam. Daher weiß ich, was ein Herr Wendt mit seinen Phrasen in der Gesellschaft auslöst. Dies tut er ganz bewusst als mutmaßlicher "Experte", da er sich in der Polizistenrolle mehr Glaubwürdigkeit verspricht als andere Vertreter der Verwaltung oder Politiker. Dass er mit seinen Verlautbarungen eben nicht für alle Polizisten spricht, sondern viele mit seiner polarisierenden Haltung abstößt und auch das Vertrauen vieler Menschen in die Polizei beschädigt, ist äußert ärgerlich."

Daher fühle er sich auch nicht von Wendt repräsentiert, wenn der als "Sprecher" für seinen Berufsstand befragt und zitiert wird. "Herr Wendt polarisiert mit voller Absicht und bedient sich hierbei offen populistischer Stilmittel", sagt von Dobrowolski. "Die Polizei sollte sich in einer modernen Gesellschaft als bürgernaher Partner verstehen. Unsere Botschaften gilt es zu verkaufen, und die nötige Kundenbindung erreichen wir nur mit einem vertrauensvollen Umgang und mit Faktentreue, nicht mit Marktschreierei und polternden Scheinargumenten."

Kritik kam nur "vom rechten Rand"

Zu Wendts Buch sagt von Dobrowolski: "Unsere Gesellschaft sieht er in Gefahr, zu kippen. Damit bedient er auch Verschwörungstheoretiker, die sich von der Politik und den seriösen Medien bewusst in die Katastrophe geführt sehen. Als utopische Science-Fiction vielleicht ganz nett. Als objektiver Gradmesser unserer Zustände jedoch Unfug und gefährlich."

Mehr als 1200 Unterstützer gibt es bislang für die Petition. Unterzeichnet haben bislang mehrere Journalisten und Juristen, "Menschen, die Herrn Wendt ebenso bereits seit Jahren in den Medien beobachten und realisiert haben, dass er die entsprechenden Formate als Bühne missbraucht, um seine gesellschaftspolitischen Ideen auf möglichst vielen Kanälen mit der Brechstange in die Köpfe der Leser, Zuschauer und Zuhörer zu bekommen", sagt von Dobrowolski. Auch von anderen Polizisten gibt es Unterstützung für die Petition; Kollegen, "die von den Thesen des Herrn Wendt nicht angesprochen werden und denen es missfällt, dass ihm öffentlich zumeist die Hoheit über eine mutmaßlich homogene Polizeimeinung zugeschrieben wird."

Von Dobrowolski betrachtet seine Petition schon jetzt als Erfolg: "Insbesondere in den ersten Tagen erreichten mich heftige Reaktionen, ausschließlich vom rechten politischen Rand. Häufig wurde ich verbal angegangen und beleidigt. Das bestätigt mir, dass wir Herrn Wendt politisch zutreffend verortet haben."

Rainer Wendt sagt: "Ich nehme das nicht ernst"

Rainer Wendt selbst macht sich keine Sorgen wegen der Petition. "Ich habe herzhaft gelacht, als ich davon erfahren habe", sagt er dem stern. "Weil ich nicht glaube, dass sich die Medien davon wirklich beeindrucken lassen, nehme ich das auch gar nicht ernst", sagt er. "Was ich aber ernst nehme, ist der Geist, der dahinter steckt, nämlich eine andere Meinung nicht mehr zu dulden, sondern stattdessen jemanden mundtot zu machen."

Auch von Polizisten der Konkurrenzgewerkschaft der DPolG, der Gewerkschaft der Polizei (GdP), habe Wendt im Bezug auf die Petition des Kollegen Zuspruch erhalten, wie er dem stern sagt.