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70. Jahrestag der Bombardierung: Dresden kämpft um sein Image

Pegida hat in Dresden Fremdenhass geschürt und die Bevölkerung gespalten. Nun droht zum 70. Jahrestag der Bombardierung erneut Druck von rechts. Wie wird sich die Stadt präsentieren?

Von Silke Müller

Dresden gedenkt der Bombardierung durch die Alliierten vom 12. bis 15. Februar 1945. Und nach den rechts-nationalistischen Pegida-Aufmärschen der vergangenen Wochen steht die Stadt, stehen ihre Bürger, wieder einmal unter Bekenntnisdruck. Dresden ringt um seine Selbst- und Außenwahrnehmung. Es fühlt sich an, als sei der Spiegel zerbrochen, in dem sich die Stadt sonst so gern betrachtete.

Zum Gedenken an alle Opfer des Krieges spricht ab 17.15 Uhr Bundespräsident Joachim Gauck in der Frauenkirche, um sich anschließend ab 18 Uhr in die Menschenkette rund um die Dresdner Innenstadt einzureihen. Das Bündnis "Dresden nazifrei" ruft zum "Mahngang Täterspuren" auf und informiert über einen Liveticker über etwaige Aktionen rechter Gruppierungen.

Missbrauchte Erinnerung

Die Erinnerung an die verheerenden Bombennächte und die Deutung des Ereignisses beschäftigen seit jeher die Dresdner. Wie ein Fixpunkt im Leben der Stadt rückt das Ereignis immer wieder in den Mittelpunkt gesellschaftlicher Auseinandersetzungen von links bis rechts. Die Nationalsozialisten etablierten den Mythos vom unschuldigen "Opfer" und der Vernichtungsstrategie der Alliierten, die DDR setzte die Erzählung vom "angloamerikanischen Terrorangriff" nahezu unkorrigiert fort. Und in den 90er Jahren machen sich die Neo-Nazis das Gedenken zu eigen, um von der deutschen Täterschaft abzulenken und die Toten ideologisch zu vereinnahmen.

2010 korrigierte eine Historikerkommission die kursierenden Opferzahlen und schloss aus, dass mehr als 25.000 Menschen durch die Bomben der Briten und Amerikaner starben. Damit war zumindest den Spekulationen, es habe bis zu einer Million Tote gegeben, ein Ende bereitet.

Agitation aus dem Knast

Anfangs traute sich nur die radikale Szene der Antifaschisten, sich den Märschen der Rechten entgegen zu stellen. Die Stadt Dresden schaute zu. 2005 zog der größte Neonazi-Aufmarsch Europas ungehindert durch die Stadt, 2009 kam es zu einem erneuten Rekord. Die gewaltbereite Linke lieferte sich Straßenschlachten mit den Marschierern und der sie schützenden Polizei. 2011 leitete die Polizei 465 Ermittlungsverfahren gegen Blockierer ein und sammelte Millionen Daten von Demonstrationsteilnehmern, Anwälten und Journalisten unter dem Verdacht, eine linksradikale kriminelle Vereinigung zu identifizieren. Ergebnis: Nichts. Der Datenskandal ging als "Handygate" in die sächsische Geschichte ein.

Zwölf Versammlungen wurden bislang beim Ordnungsamt angemeldet. Eine davon aus einem westdeutschen Knast heraus: der bayerische Neonazi Gerhard Ittner, der auch Kontakte zum "Nationalsozialistischen Untergrund" pflegte, sitzt wegen Volksverhetzung in Untersuchungshaft, Seine Veranstaltung erledigt sich damit von selbst.

Doch die linke Szene ist im Alarmzustand: Das zum gewaltfreien Widerstand aufrufende Bündnis "Dresden nazifrei", so dessen Sprecher Silvio Lang, könne auch kurzfristig Blockaden mobilisieren, sollten die Rechten durch Dresden ziehen.

Stern-Reporterin Silke Müller twittert unter @silkeundmueller über ihre aktuellen Recherchen. Ihre Reportage über Dresden "Im falschen Licht" können Sie im neuen stern lesen – ab Donnerstag am Kiosk

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