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Deutsche Behörden-Logik Wie ein exzellenter Physikstudent beinahe abgeschoben wurde


Willkommenskultur? Gibt es in Deutschland eher nicht. Die Behörden reagieren oft mit Abwehr auf ausländische Studenten - wie bei einem hochbegabten Palästinenser, der fast abgeschoben worden wäre.
Von Uli Hauser

Die Geschichte ist ein bisschen kompliziert, aber dann doch zu verstehen. Ein junger Mann aus Palästina möchte in Deutschland Maschinenbau studieren. Dafür lernt er Deutsch und bekommt ein Visum. Ein Professor ermuntert ihn, seine herausragenden Talente doch eher in einem Physikstudium zu entwickeln. Für Studenten wie ihn habe man extra einen Studiengang in englischer Sprache geschaffen, Deutschland brauche dringend exzellente Akademiker. Später lobt er den "großen Eifer" seines Schützlings und zählt ihn "zu den besten Studenten" im internationalen Master-Studiengang. In die Freude platzt ein Brief des Ausländeramts: Die Behörde droht mit Abschiebung. Aber noch mal von vorn.

Saher Abusulaiman, 24, wollte immer schon in Deutschland studieren. Er ist Palästinenser, wurde im Gazastreifen geboren, seine Eltern sind Ärzte. Den ersten Deutschkurs für sein Studien-Visum beendet er mit der Note "gut", weitere Deutschkurse sind für eine Aufenthaltserlaubnis vorgeschrieben. Saher Abusulaiman ist ein Mensch von schneller Auffassungsgabe, er kann am Küchentisch mal eben die Relativitätstheorie erklären. Er will so schnell so viel wie möglich lernen und holt Studienangebote aus dem ganzen Bundesgebiet ein: Wo immer er sich meldet, könnte er bleiben. Er entscheidet sich für Siegen, dort kann er sich auf Nanowissenschaften spezialisieren. Ein anspruchsvolles Studium.

Behörden reagieren mit Ignoranz

Dann kommt Post vom Amt. Man habe den Eindruck, schrieb ein Mitarbeiter der Ausländerbehörde dem "ungeklärten Staatsbürger palästinensischer Volkszugehörigkeit", er habe das "Physikstudium in Siegen nur aufgenommen", weil er den "Deutschkurs nicht mit dem erforderlichen DSH-Niveau beenden konnte". DSH bedeutet: Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang. Es gibt mehrere Stufen. Abusulaiman hatte die erste geschafft, war aber dann dem Rat gefolgt, auf Englisch zu studieren. Dem Siegener Beamten war das egal. Weil das "deutschsprachige Maschinenbaustudium nicht aufgenommen" worden sei, seien die "Voraussetzungen für die Verlängerung einer Aufenthaltserlaubnis nicht erfüllt". Und weiter schrieb er: "Wenn es Ihr Ziel gewesen wäre, einen englischsprachigen Studiengang aufzunehmen, hätten Sie dies bereits vor Ihrer Einreise im Rahmen des Visaverfahrens angeben müssen."

Das formaljuristisch korrekte, aber unter gelegentlicher Missachtung der deutschen Zeichensetzung formulierte Amtsschreiben erreichte Abusulaiman zu der Zeit, als die Israelis den Gazastreifen bombardierten und drei seiner besten Freunde von einer Granate tödlich getroffen worden waren. "Ich konnte wochenlang nicht schlafen", sagt er in fließendem Deutsch. "Und hatte Panik, dass sie mich zurück in den Krieg schicken." Der Mann vom Amt unterstellte ihm zudem, "seinen Aufenthalt zu nutzen, um eine Straftat zu begehen": Bei einer Führerscheinkontrolle hatte Abusulaiman ein altes Dokument dabei - ohne zu wissen, dass in Palästina nach einem Regierungswechsel neue Papiere erforderlich sind. Die entscheidende Unterstellung von Amts wegen aber ist dieser fast fehlerfrei formulierte Satz: "Somit scheint von Ihrer Seite auch kein Interesse mehr daran, die notwendigen Deutschkenntnisse zu erlangen."

Abusulaiman studiert jetzt in Jülich

Für andere Entscheider in Deutschland spielt das keine Rolle: Abusulaiman lernt so gut, dass er ab Juli seine Studien am international renommierten Forschungszentrum Jülich fortsetzen kann. Sein Anwalt Marco Di Venanzio hat ihn schließlich vor der Abschiebung bewahrt und kann sich nun wieder anderen Amts-Scharmützeln widmen. "Während Politiker eine Willkommenskultur fordern und die deutschen Unternehmen mehr qualifizierte Zuwanderer, sind viele Mitarbeiter in den Ämtern auf Abwehr getrimmt", sagt Di Venanzio.

Sein jüngster Fall: Sariah Daoud, 20, der noch im Krieg in Damaskus als einer der Besten in Syrien Abitur machte und jetzt in Duisburg Informatik studieren will, soll nach Frankreich abgeschoben werden. Weil er dort mit einem Visum zuerst eingereist war. Er soll gehen, obwohl er bereits aus eigener Tasche einen Deutschkurs bezahlt hat. Übrigens: Der Siegener Beamte verlängerte nach telefonischer Rücksprache mit Herrn Professor die Aufenthaltserlaubnis Saher Abusulaimans. Er sei bereit, ihm "die Möglichkeit zu geben zu beweisen, dass er das Masterstudium zügig absolvieren kann".

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