Abwasch der Woche Ein Upgrade für Herrn Wulff, bitte!


Christian Wulff spart versehentlich bei seinen Urlaubsflügen. Die Liberalen sparen absichtlich bei der privaten Krankenversicherung. Zeit für den Abwasch.
Von Jan Rosenkranz

"Es gibt so viele fähige Menschen, von denen man viel erwarten könnte, wenn sie das Ernsthafte mit dem Angenehmen verbinden würden." Hat Gottfried Wilhelm Leibniz mal gesagt. Und dieser Satz hat mehr mit der vergangenen Woche zu tun, als man im ersten Augenblick denken würde. Dieser Satz hat auch mehr mit Christian Wulff zu tun, als dem inzwischen lieb sein dürfte. Er findet sich auf der Homepage des niedersächsischen Ministerpräsidenten im Unterpunkt "Philosophische Provokationen", die man kennen müsse, wolle man ihn ganz verstehen, wie es dort heißt. In dieser Woche nun wurde Christian Wulff vorgeworfen, er selbst habe jüngst das Ernsthafte (Job als Ministerpräsident) mit dem Angenehmen (Familienurlaub) in einer Weise verknüpft, die ihm nun wohl ernsthaft unangenehm sein müsste. Es geht um einen Urlaubsflug über die Weihnachtstage von Düsseldorf nach Miami - und um ein kostenloses Upgrade, dass Joachim Hunold, der Chef der Fluggesellschaft Air Berlin, der Wulff-Familie zugestand. Die hatte nur Holzklasse gebucht, durfte tatsächlich aber Business fliegen. Geldwerter Vorteil: rund 3000 Euro. Man kennt sich halt seit vielen Jahren, hat beruflich hin und wieder miteinander zu tun.

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Die Staatsanwaltschaft überprüft gerade, ob ein Anfangsverdacht zur Vorteilnahme im Amt besteht. Doch so schlimm wird's schon nicht kommen. Angenommen, er hätte dienstlich erflogene Bonusmeilen privat verflogen, gut, dann wäre ein Rücktritt unausweichlich gewesen. Unter den gegebenen Umständen genügte es, eine Fragestunde im Landtag unfallfrei zu überstehen. Und so räumte Wulff brav den "Fehler" ein, gab an, die Preisdifferenz nun nachgezahlt zu haben - und zu bedenken, dass es schließlich vielen Fluggästen so ginge, dass sie bei freien Plätzen hochgestuft werden.

Man kennt das, passiert einem doch dauernd, ständig wird man upgegradet - und man kann sich einfach nicht dagegen wehren. Man fährt von Bremen nach Stuttgart mit der Bahn - und kriegt ein Sparticket reingedrückt. Man kauft beim Bäcker fünf Brötchen - und zählt zu Hause sechs. Man will Benzin tanken - und kriegt an der Tanke einfach nur noch Super. Zum selben Preis. Man muss aufpassen wie ein Fuchs. Diese verdammten Vergünstigungen lauern einfach überall.

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Die Liberalen zum Beispiel, die könnten Choräle davon singen. Die machen ernsthafte Politik und werden zum Dank dafür so angenehm überrascht, dass es ihnen langsam unangenehm wird. Die FDP kämpft schließlich seit Jahren nicht nur für "Mehr Netto vom Brutto", sondern auch für das Wohlergehen der privaten Versicherungswirtschaft. Vor allem die privaten Krankenversicherungen fanden stets ein offenes liberales Ohr. Doch wenn die DKV, Europas größte Privatkasse, zum Dank für ewige Treue "exklusiv für FDP-Mitglieder" einen Beitragsrabatt von fünf Prozent einräumt (ohne nervigen Vorerkrankungs-Check, dafür mit kostenfreier Familien-Mitversicherung), dann erhebt sich ein Geschrei...

Dabei hat das mit Vorteilsnahme rein gar nichts zu tun. Im Gegenteil, versicherungsmathematisch macht das Angebot sicher sogar Sinn: FDPisten stellen für Krankenversicherungen ein geringeres Risiko dar, als sagen wir sozialdemokratische Rotweinliebhaber oder Kette rauchende Linke. Der Liberale an sich ist verhältnismäßig jung, gilt als verletzungsunanfällig und ist in der Regel derart hart im Nehmen, dass er im unwahrscheinlichen Fall eines Krankenhausaufenthaltes das teure Einzelzimmer bereits wenige Stunden nach der stressbedingten Bypass-OP mit blutender Narbe freiwillig räumt, um seine überbordende Schaffenskraft unverzüglich wieder in den Dienst der eigenen Karriere stellen zu können.

Mit anderen Worten: So einen Liberalen wünscht sich jede Kasse. Einfach unkaputtbar diese Typen.

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Leider könnte der ganze Rummel, der nun wegen dieser Lappalie veranstaltet wird, den Liberalen mächtig die Rendite verhageln. Vielleicht gibt's ein paar Stimmen weniger bei der NRW-Landtagswahl im Mai. Geschenkt. Weit schwerer wiegt, dass sich bei all der Aufregung doch kein deutscher Hotelier mehr traut, FDP-Mitgliedern anständige Preisnachlässe zu gewähren. Ganz zu schweigen von kostenlosen Wellness-Wochenenden. Soll sich die Partei am Ende etwa ganz umsonst für die Senkung der Mehrwertsteuer auf Hotelübernachtungen krumm gemacht haben? Jetzt mal abgesehen von der Millionen-Spende des Mövenpick-Miteigentümers Baron von Finck. Zum einen ist die fast verjährt. Und zum anderen hat der Basisliberale davon doch rein gar nichts abbekommen.

So gerät ein Modell, das die Mitgliedschaft in Parteien endlich wieder attraktiv machen würde, in Verruf, bevor es überhaupt Wirkung entfalten konnte. Ein Modell, welches doch ganz vorbildlich das Ernsthafte mit dem Angenehmen zu verbinden wüsste. So wird das nichts mit dem Kampf gegen die Politikverdrossenheit.


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