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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Hände weg von der Schweigepflicht

Politiker wollen die ärztliche Schweigepflicht antasten. Das ist populistischer Aktionismus! Vertrauen erlaubt keine Ausnahmen.

Von Axel Vornbäumen

Die ärztliche Schweigepflicht sollte uneingeschränkt und immer gelten. Für die Politiker wäre es gerade an der Zeit zu Schweigen. Schnelle Forderungen braucht jetzt keiner

Die ärztliche Schweigepflicht sollte uneingeschränkt und immer gelten. Für die Politiker wäre es gerade an der Zeit zu Schweigen. Schnelle Forderungen braucht jetzt keiner

Das Unfassbare von Unglücksflug 4U9525, es spiegelt sich sechs Tage nach dem Absturz des Germanwings-Airbus - leider - auch in den Forderungen der Politik. Noch ist nicht sicher, was im Cockpit der Unglücksmaschine tatsächlich passierte. Letzte Gewissheiten fehlen - und doch ist es für eine Gesellschaft in diesen schnelllebigen Zeiten offenbar unmöglich, in Ruhe abzuwarten, und seien es nur ein paar Tage, um dann die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Man hätte fast die Uhr danach stellen können bis die erste Forderung nach Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht auftaucht, weil der Copilot der Unglücksmaschine mutmaßlich depressiv und deswegen in ärztlicher Behandlung war.

Vertrauen erlaubt keine Ausnahmen

In großkoalitionärer Eintracht näherten sich über das Wochenende gleich zwei Politiker diesem höchst sensiblen Themenfeld. "Piloten müssten zu Ärzten gehen, die vom Arbeitgeber vorgegeben werden", zitiert die Rheinische Post den CDU-Verkehrsexperten Dirk Fischer. Diese Ärzte müssten gegenüber dem Arbeitgeber und dem Luftfahrtbundesamt von der ärztlichen Schweigepflicht entbunden sein. Ganz ähnlich sieht das auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach: Wenn Leib und Leben anderer Personen gefährdet seien, "ist der Arzt verpflichtet, den Arbeitgeber über die Arbeitsunfähigkeit des Mitarbeiters zu informieren", sagte Lauterbach der Bild-Zeitung. "Dies gilt ganz besonders im Fall psychischer Erkrankungen und einer möglichen Selbstmordgefahr." Damit wird mal eben ein essentieller Bestandteil der Arzt-Patienten-Beziehung grundsätzlich zur Disposition gestellt - das Vertrauensverhältnis. Wie aber soll Vertrauen entstehen, wenn die eine Seite (der Arzt) auch noch abhängig von der Diagnose die Verschwiegenheit aufkündigen kann? Vertrauen erlaubt keine Ausnahmen. Und: Bei welcher Berufsgruppe sollte man mit einer Ausnahme anfangen - und wo sollte das eigentlich alles enden? Müsste nicht das, was heute für den Piloten-Beruf gefordert wird, morgen schon für den Lokführer gelten, den Busfahrer, den Taxifahrer?

Nicht in Aktionismus verfallen

Es zeichnet eine Gesellschaft aus, dass die, die sich um die Regeln ihres Zusammenseins kümmern, in Krisensituationen nicht in vorschnellen Aktionismus verfallen. Oder in Populismus. Es zeichnet eine Gesellschaft auch aus, das Unfassbare zu ertragen, wenn sich rausstellt, dass das, was da geschehen ist, ein Ausnahmefall war. Extrem in jeder Hinsicht. Und nach den Regeln einer humanitären Gesellschaft wohl - so bitter das ist - nicht zu verhindern.

Axel Vornbäumen empfiehlt zur Lektüre in Krisenzeiten Sten Nadolnys "Die Entdeckung der Langsamkeit". Man kann dem Autor auf Twitter unter @avornbaeumen folgen.

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