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Der Germanwings-Todespilot: Wer war Andreas L.?

Andreas L. war ein aufstrebender, junger Pilot. Freunde beschreiben ihn als ruhig, höflich und glücklich. Dann brachte er Flug 4U9525 willentlich zum Absturz - und riss 149 Menschen in den Tod. Warum?

Was passierte an Bord von Flug 4U9525? Seit Dienstag rätselten die Ermittler, warum die Germanwings-Maschine mit 150 Menschen an Bord abgestürzt ist. Nun scheint sich die wohl schrecklichste Vermutung zu bestätigen: Offenbar hat Copilot Andreas L. das Flugzeug absichtlich abstürzen lassen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft verriegelte Andreas L. die Tür, nachdem der Pilot aufgestanden war und das Cockpit verlassen hatte. Im Anschluss leitete er den Sinkflug ein und steuerte den Airbus A320 bewusst in die Alpen - und brachte so allen Insassen, sich selbst eingeschlossen, den Tod.

Was für ein Mernsch war Andreas L.? Dies fragen sich viele nach dieser unfassbaren Tat. Hinweise darauf scheinen weder sein Arbeitgeber Germanwings noch Freunde bei ihm wahrgenommen zu haben - jedoch gibt es Spekulationen über psychische Probleme.

Der Traum vom Fliegen

Andreas L. wurde 1987 geboren und wuchs im rheinland-pfälzischen Montabaur im Westerwald auf. Sein Elternhaus steht im Süden der Stadt inmitten von Einfamilienhäusern. Es ist eine Wohnidylle mit akkurat gemähten Gärten und ordentlichen Zäunen, nicht weit entfernt vom Freizeitbad. Seine Mutter arbeitet als Organistin. Wenn er nicht bei seinen Eltern wohnte, lebte Andreas L. im 130 Kilometer entfernten Düsseldorf. Er reiste gern und hörte elektronische Musik, zudem mochte er skurrile Videos und Sprücheklopfer-Seiten, wie die "Gefällt mir"-Angaben seines Facebook-Profils nahelegen.

Schon früh verliebte er sich in das Fliegen: Seine ersten Erfahrungen sammelte Andreas L. im Luftsportclub Westerwald. Viele Jahre stieg er dort in Segelflieger, im vergangenen Herbst machte er Flüge zur Verlängerung seiner Segelfluglizenz. Auffällig geworden ist er nie: "Ich habe ihn als sehr netten, lustigen und höflichen Menschen kennengelernt", sagt der Vereinsvorsitzende des Luftsportclubs, Klaus Radke, der Nachrichtenagentur DPA.

Ähnlich äußerten sich Bekannte gegenüber der Nachrichtenagentur AP: "Er war glücklich, dass er den Job bei Germanwings hatte und es ging ihm gut", so ein Mitglied des Segelflugklubs. Er beschreibt Andreas L. als einen "eher ruhigen", aber freundlichen jungen Mann.

Der 27-Jährige war nicht nur ein begeisterter Pilot, sondern auch ein athletischer Sportler. Silvester 2007 absolvierte er einen Zehn-Kilometer-Lauf in 42 Minuten und 31 Sekunden. Das ist keine Rekordzeit, legt aber nahe, dass Andreas L. ein aktiver, schneller Sportler war. Auf seiner Facebook-Seite verfolgte er auch die Beiträge einer Kletterhalle, in seinen Aktivitäten war der Lufthansa-Halbmarathon verzeichnet.

Andreas L. steuerte den Germanwings-Flug 4U 9525 vermutlich absichtlich gegen eine Felswand in den französischen Alpen.

Ein Bild von seinem Facebook-Profil: Andreas L. vor der Golden Gate Bridge in San Francisco

Er bestand alle Tests

Seine Piloten-Ausbildung begann Andreas L. im Jahr 2008, sie führte ihn von der Flugschule Bremen bis nach Phoenix, Arizona. In einem strengen Auswahlverfahren wurden nicht nur seine kognitiven und technischen Fähigkeiten getestet, sondern auch seine psychische Eignung. 2009 kam es zu einer mehrmonatigen Unterbrechung. Zu den Gründen machte Lufthansa-Chef Carsten Spohr auf einer Pressekonferenz keine Angaben. Medienberichten zufolge soll Andreas L. damals psychische Probleme gehabt haben, die Rede ist von einem Burnout. Für die Lufthansa war die Auszeit in der Ausbildung nach einem neuen Gesundheitscheck erledigt. "Nachdem die Eignung dann nochmals festgestellt wurde, hat er die Ausbildung wieder aufgenommen", sagte Spohr. Andreas L. wurde ein Pilot wie aus dem Lehrbuch, bestand alle medizinischen Tests und alle fliegerischen Prüfungen.

Nach der abgeschlossenen Ausbildung musste Andreas L. eine elfmonatige Wartezeit überbrücken, in der er unter anderem als Flugbegleiter arbeitete. Im September 2013 war Andreas L. dann endlich am Ziel: Er wurde erster Offizier (Copilot) bei Germanwings. "Er war 100 Prozent flugtauglichohne Einschränkung", versicherte Spohr. Und seine fliegerischen Leistungen seien "einwandfrei" gewesen. Allerdings musste Spohr einräumen, dass der psychische Zustand der Piloten nicht gesondert getestet werde.

Auch bei bei den routinemäßigen Sicherheitsüberprüfungen stellte die Luftaufsicht keine Auffälligkeiten fest, wie die Düsseldorfer Bezirksregierung mitteilte. Zuletzt sei dem 27-Jährigen Ende Januar bescheinigt worden, dass keine strafrechtlichen oder extremistischen Sachverhalte gegen ihn vorliegen. Die Luftaufsicht habe ihn im Jahr 2008 zum ersten Mal überprüft und zum zweiten Mal 2010, auch die beiden vorigen Male ohne jede belastende Erkenntnis. Die Sicherheitsüberprüfungen finden jetzt alle fünf Jahre statt, früher alle zwei Jahre.

Aushängeschild der Piloten

Seit 2013 saß Andreas L. im Cockpit, in dieser Zeit absolvierte er rund 630 Flugstunden. Der Airbus A320 wurde sein neues Zuhause. Damit erfüllte sich sein großer Traum: Schon immer wollte er am Steuer des beliebten Mittelstrecken-Fliegers sitzen. Er war begeistert von der wohl populärsten Passagiermaschine der Welt, auf Facebook gefiel ihm eine Seite über den Flugzeugtyp.

Er war ein aufstrebender Pilot, der im September 2013 sogar von der amerikanischen Bundesluftfahrbehörde (FAA) geehrt wurde. Er habe die Erwartungen in seiner Ausbildung an der "Lufthansa Flight Academy" in Bremen übertroffen und sei ein Aushängeschild der Pilotenzunft, urteilen die Fachleute. Heute liest sich diese Beschreibung wie blanker Hohn.

Ruhig bis zum Schluss

Bis zuletzt schien niemand etwas bemerkt zu haben. In den ersten 20 Minuten des Flugs klang der 27-Jährige noch heiter und höflich, erklärte die Staatsanwaltschaft, die derzeit die Aufnahmen des Stimmrekorders auswertet. Auffällig schien allerdings, dass Andreas L. nur "lakonisch" auf die Vorbereitungen des Kapitäns zur Landung in Düsseldorf reagierte.

Als der Pilot schließlich das Cockpit verließ, verriegelte Andreas L. die Tür - und öffnete sie bis zum Schluss nicht mehr. Sein Kollege hämmerte verzweifelt gegen die Tür und flehte Andreas L. an. "Lass mich rein!", rief der Pilot. Vergebens, Andreas L. reagierte nicht, während wenige Meter entfernt die Passagiere anfingen zu schreien.

Gegen 10.40 Uhr prallte der Airbus A320 in den südlichen französischen Alpen, wo die Gipfel um die 3000 Meter hoch sind, auf etwa 1500 Metern Höhe gegen eine Bergwand.

Christoph Fröhlich