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AfD am Wahlabend: Bin ich schon drin?

Knapp verpasst die AfD den Sprung in den Bundestag. Ihr Ergebnis von 4,7 Prozent ist dennoch eine der größten Überraschungen dieses Wahlabends.

Von Sebastian Schneider und Fritz Zimmermann

Sie haben den Einzug ins Parlament verfehlt, doch sie feiern ihren Spitzenkandidaten, als habe er sie soeben in die Regierung geführt. "Lucke! Lucke!"-Sprechchöre begleiten Bernd Lucke, den 51-jährigen Sprecher der Alternative für Deutschland (AfD) auf die Bühne, es ist kurz nach 18 Uhr. Dieser Abend beginnt siegestrunken. Mit einem Blumenstrauß in der Hand ruft der Gefeierte in den Saal: "Noch nie zuvor war eine Partei wenige Monate nach ihrer Gründung erfolgreicher als wir." Das mag pathetisch klingen, aber Lucke hat Recht. 4,7 Prozent der Stimmen hat seine Partei, die eurokritische AfD, bei der Bundestagswahl erhalten - und das gerade einmal ein halbes Jahr nach ihrer Gründung. Selbst wenn der Einzug ins Parlament am Ende knapp verpasst werde: "Das ist ein großartiger Erfolg", sagt Lucke unter tosendem Applaus.

Fast also wäre die AfD unter der Führung des Wirtschaftsprofessors und ehemaligen CDU-Mitglieds in den Bundestag eingezogen. Und das, obwohl die Partei im Wahlkampf lange Zeit kaum eine Rolle gespielt hatte. "Merkels Strategie war, uns in den Wochen vor der Wahl einfach totzuschweigen. Und die Journalisten haben das Spiel auch noch mitgemacht, es war eine Kampagne", sagt ein Parteimitglied. Das Medieninteresse ist an diesem Abend enorm. In dem stickigen Konferenzsaal des Hotels in der Berliner Friedrichstraße stehen fast mehr Journalisten als Parteianhänger. Die AfD zieht Erstwähler mit Einstecktuch ebenso an wie Mittfünfziger mit Vokuhila. Frauen sind, wenn überhaupt, als Begleitung da. Ein Besucher hat seinen Hund dabei.

Mit wem soll Angela Merkel eine Koalition bilden?

Alternative rechts von der CDU

Gut zwei Millionen Wähler stimmten gestern für die AfD. Nach Angaben der Wahlforscher von infratest dimap sind darunter alleine 450.000 Menschen, die 2009 noch die FDP gewählt haben. Konrad Adam, einer der drei AfD-Sprecher verspottet die Liberalen gegenüber stern.de als "reine Funktions- und Lobbypartei". Und so bejubeln die Besucher der Wahlparty die desaströsen Ergebnisse der FDP fast so laut wie das Abschneiden ihrer eigenen Partei. Beinahe hätte dieses für den Einzug in den Bundestag gereicht.

Doch auch so zeigt das Wahlergebnis, dass sich die CDU/CSU unter Angela Merkel zum ersten Mal mit einer ernstzunehmenden Partei rechts von sich konfrontiert sieht. Bernd Lucke lenkt in seiner Ansprache den Fokus auf die anstehenden Europawahlen im Mai 2014, bei der mit der AfD zu rechnen sein werde. "Wir haben andere Parteien wahrhaft das Fürchten gelehrt", sagt Lucke am Sonntag und spricht von "Entartungen von Demokratie und Parlamentarismus in den vergangenen vier Jahren". Nicht die erste Entgleisung Luckes in den vergangenen Wochen. Erst vor wenigen Tagen hat er bei einer Wahlkampfveranstaltung Flüchtlinge als "eine Art sozialen Bodensatz" bezeichnet, die lebenslang in deutschen Sozialsystemen verharrten. Um sie zu schützen, solle man sie nicht ins Land lassen.

Verschwörungstheorien am Wahlabend

Am Sonntag sind nicht alle Besucher der Wahlparty uneingeschränkt zufrieden mit dem Ergebnis. "Was glauben Sie? Wenn man sich im Wahlkampf mit allem, was man hat, reingehängt hat, dann will man auch ins Parlament kommen", sagt Konrad Adam zu stern.de. Den gesamten Abend über ist die Stimmung eigentümlich hin und her gerissen zwischen Freude über das gute Abschneiden und Ärger über die wenigen fehlenden Stimmen. Einerseits bejubeln die Gäste Bernd Lucke, andererseits stöhnen sie bei jeder neuen Hochrechnung enttäuscht auf, weil die fehlenden Zehntel einfach nicht kommen. Zeit für Verschwörungstheorien: Das ginge nicht mit rechten Dingen zu, sagen einige im Saal, als die Ergebnisse für die AfD bei den Hochrechnungen mehrere Stunden lang übereinstimmend bei 4,9 Prozent verharren.

Es wird noch weniger. Die Euphorie verflüchtigt sich langsam. Mit dem Einzug in den Bundestag rechnet kaum noch jemand. Der Saal leert sich. Das Buffet wird abgeräumt. Nach einer Hochrechnung um 21 Uhr sagt eine blonde Frau: "Das kann doch nicht wahr sein!" Die Ansprüche sind gestiegen.