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Afghanistan-Einsatz: Soldaten erhalten umstrittenes Ehrenkreuz

Neuer Heldenkult oder angemessene Ehrung? Erstmals in der Geschichte der Bundeswehr haben vier Soldaten für ihren Afghanistan-Einsatz die Tapferkeitsmedaille erhalten. Während die Koalition diese Art der Auszeichnung verteidigt, kritisiert die Linke eine Glorifizierung des Soldatentums.

Für ihren Mut bei der Bergung von Kameraden unter Lebensgefahr hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erstmals vier deutsche Soldaten mit dem neuen Ehrenkreuz für Tapferkeit ausgezeichnet. Die Soldaten hätten bei ihrem Einsatz in Afghanistan in akuter Lebensgefahr alles getan, um ihren Kameraden und mehreren einheimischen Kindern zu helfen, sagte Merkel am Montag bei einer Feierstunde im Kanzleramt. Zugleich appellierte sie an die Bevölkerung, Leistung und Belastungen der Bundeswehr stärker zu würdigen. "Wir reden darüber in Deutschland immer noch zu wenig. Unsere Soldaten müssen für ihren Einsatz mehr Anerkennung erhalten", betonte Merkel.

Nach einem Selbstmordanschlag auf eine Bundeswehr-Patrouille am 20. Oktober 2008 nahe Kundus hatten die vier nun ausgezeichneten Soldaten versucht, ihre Kameraden und mehrere afghanische Kinder zu retten. Sie setzten dabei ihr Leben aufs Spiel, weil die Munition auf dem getroffenen Fahrzeug noch explodierte. Bei dem Anschlag wurden zwei deutsche Soldaten und fünf afghanische Kinder getötet.

Die ausgezeichneten Soldaten hätten eine Tapferkeit bewiesen, die über das Erwartbare hinausgehe, sagte Merkel. "Sie alle haben Ihre soldatische Pflicht weit über das normale Maß hinaus erfüllt", betonte auch Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU), der sich für die Schaffung der neuen Auszeichnung eingesetzt hatte.

"Leistungen und Mut der Soldaten würdigen"

Mit dem Kanzleramt wählte die Bundesregierung einen zivilen Rahmen für die erste Verleihung des Ehrenzeichens. Dennoch rückt durch die neue Auszeichnung der militärische Kampf, das Töten und Sterben, als neue Realität für die Bundeswehr stärker in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Erst vor einigen Monaten hatte Jung nach langem Drängen der Truppe begonnen, von gefallenen und nicht nur von getöteten Soldaten zu sprechen. Außerdem gab er den Bau eines Ehrenmals für die im Dienst ums Leben gekommenen Soldaten in Auftrag. Die SPD kritisiert den Minister allerdings weiter, weil er nicht von einem Krieg im Norden Afghanistans sprechen will.

Die Bundeswehr benutzte bisher für die Auszeichnung von Soldaten vier verschiedene Ehrenkreuze, die meistens aber an die Länge der Dienstzeit geknüpft waren. Angesichts der Erfahrungen aus der NS-Zeit hatte Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg im Gegensatz zu anderen Nato-Staaten bewusst auf einen Tapferkeitsorden verzichtet. Das Ehrenkreuz ist die fünfte Stufe der bislang von der Bundeswehr verliehenen Auszeichnungen.

Die SPD begrüßte die Einführung der Tapferkeitsmedaille. Es sei richtig, dass die Leistungen und der Mut der Soldaten in entsprechender Art und Weise gewürdigt und anerkannt würden, sagte SPD-Generalsekretär Hubertus Heil. So werde auch hierzulande erklärt, was Soldaten im Ausland leisteten. "Davor haben wir hohen Respekt."

Linke kritisiert Verherrlichung des Soldatentums

Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, sagte im WDR zu Befürchtungen von Kritikern, die Medaille könnte zu einem neuen Heldenkult führen, die Bundeswehr in einer Demokratie mit dem Staatsbürger in Uniform habe mit der einstigen Wehrmacht "überhaupt nichts am Hut".

Nach den Worten des Bundestags-Wehrbeauftragten Reinhold Robbe haben Tugenden wie Kameradschaft und Tapferkeit eine neue Bedeutung für Bundeswehrsoldaten bekommen. Früher sei die Übung der Ernstfall gewesen, heute sei der Ernstfall Realität in vielen Teilen der Welt. In Afghanistan hätten dies bereits viele Soldaten leidvoll erfahren müssen, sagte Robbe dem "Handelsblatt". Die neue Tapferkeitsmedaille sei "positiver Patriotismus" und kein Heldenkult.

Die Linke zeigte sich hingegen empört. "Mit der Tapferkeitsmedaille geht die Bundesregierung in die nächste Runde und verstärkt ihre Bemühungen zur breiten gesellschaftlichen Sinnstiftung für das Soldatentum", kritisierte Paul Schäfer, der verteidigungspolitische Sprecher der Linken. Längst überkommen geglaubte militaristische Rituale zur Glorifizierung und Verherrlichung des Soldatentums würden reaktiviert, um das politische Versagen der Bundesregierung in Afghanistan zu überdecken.

Reuters/DPA/AP / AP / DPA / Reuters