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Amtsjubiläum Wowereit ist seit zehn Jahren "Regierender Partymeister"


Den einen gilt er als aufrechter Sozialdemokrat, den anderen als halbseidener Partylöwe. Zehn Jahre im Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin haben nicht nur Klaus Wowereit verändert.

Es ist nicht vielen Politikern vergönnt, mit einem einzigen Satz das eigene Bild in der Geschichte zu bestimmen. Schon gar nicht, bevor sie in ein Regierungsamt gewählt werden. Klaus Wowereit ist beides gelungen - mit seinem oft zitierten "Ich bin schwul, und das ist auch gut so". In den zehn Jahren seit seinem Amtsantritt als Regierender Bürgermeister von Berlin ist das Etikett "Regierender Partymeister" hinzugekommen.

Sein Image zu ändern, ist Wowereit bislang nicht gelungen. Verändert haben sich seit seiner erstmaligen Wahl am 16. Juni 2001 aber beide: Wowereit - und die Hauptstadt. Berlin legte viel von seinem alten Mief ab, wurde offener, entspannter und zu einem der beliebtesten Reiseziele Europas. Wowereit beförderte das Image mit seiner schnoddrig-lauten Art ("Berlin ist arm, aber sexy"), gleichzeitig wurde der heute 57-Jährige in seinen zwei Amtszeiten vorsichtiger und misstrauischer. Statt spontaner Äußerungen aus dem Hochgefühl der Anfangszeit gibt es heute abgewogene Standardkommentare.

Die Wählergunst blieb ihm über weite Strecken erhalten. Die Aussichten der Grünen-Kandidatin Renate Künast bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus im September sind nicht herausragend. In Umfragen setzen doppelt so viele Berliner weiter auf Wowereit statt auf Künast.

Am 10. Juni 2001 machte das erste Schwulen-Outing eines deutschen Spitzenpolitikers den bis dahin unbekannten Wowereit deutschlandweit, vielleicht sogar weltweit bekannt. Inzwischen ist der Satz seiner damaligen Kandidaten-Rede legendär. Auf die damit eingeleitete "Enttabuisierung im politischen Bereich" und die größere Toleranz gegenüber Minderheiten ist Wowereit stolz. Die schwul-lesbische Szene liebt ihn, auf den bunten Paraden wird er bejubelt. Eine ganze Reihe von Spitzenpolitikern auch von CDU und FDP haben sich seither öffentlich zu ihrer Homosexualität bekannt.

Genervt reagiert Wowereit, wenn er meint, dass Geschichten über sein Outing und die vielen Partys die Politik und Erfolgmeldungen über Berlin überlagern. Auf Anhieb listen der Regierende und seine politischen Weggefährten Erfolgsbilanzen auf. Dazu zählen der Wiederaufstieg der Berliner SPD und die Einbindung der Linken in die Regierungsarbeit, der Sparkurs gegen den Schuldenberg, ausgeglichene Haushalte in der Wachstumszeit, Tausende Arbeitsplätze im Kreativsektor und der anhaltende Tourismusboom.

In einer Umfrage unter Managern schaffte es Berlin jüngst unter die Top drei der begehrtesten Investitionsstandorte in Europa, geschlagen nur von den beiden Metropolenregionen London und Paris.

Die Opposition sieht die Landesschulden von 60 Milliarden Euro immer noch auf einem katastrophalen Höchststand, hält die industrielle Entwicklung Berlins für vernachlässigt und kritisiert, die Touristen, die den Billigflugzeugen entströmen, trieben die bislang so angenehm billigen Mieten auf das Normalniveau einer Großstadt. Wowereit selbst gibt nach zehn Jahren zu, die Stadt könnte wirtschaftlich besser dastehen. "Wir haben immer noch eine relativ hohe Arbeitslosigkeit."

Fehler, die er bereuen würde, nennt Wowereit für die vergangenen zehn Jahre kaum. Weder die Berufung seines Parteifreundes Thilo Sarrazin zum Finanzsenator noch die heftigen Gehaltskürzungen im öffentlichen Dienst, die die Angestellten in den Streik trieben.

Nur einen Faux-Pas gibt er zu. Die Szene von der Bambi-Verleihung im November 2001 ist in Erinnerung geblieben: In der Euphorie der ersten Amtsmonate posierte Wowereit zu später Stunde mit rotem Damen-Pumps und Champagnerflasche vor den begeisterten Fotografen. Heute sagte Wowereit: "Den berühmten Damenschuh würde ich heute vielleicht gleich fallen lassen."

Wowereit auf den leichtlebigen Partygänger zu reduzieren, hieße, ihn zu unterschätzen. Daneben gibt es den kühl kalkulierenden Machtpolitiker mit Sachkenntnis und einem guten Zahlengedächtnis, der auch in der SPD eine Rolle spielen will. Ambitionen auf die SPD-Kanzlerkandidatur 2013 streitet er bis heute ab. Im Gespräch dafür möchte er trotzdem bleiben. Auf die Frage von Markus Lanz im ZDF, was ein Schwuler in der SPD werden könnte, sagte Wowereit jüngst: "Alles. Aber nicht jeder Schwule wird alles, das ist kein Privileg."

Kirsten Baukhage und Andreas Rabenstein, dpa DPA

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