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Angela Merkel in Heidenau Kaum besser als Schweigen

Endlich, viel zu spät, war die Kanzlerin in Heidenau. Willkommen war Angela Merkel dort nicht. Die "Buh"-Rufer hat sie ignoriert und sich den Flüchtlingen gewidmet. Ein Zeichen konnte sie dennoch nicht setzen.
Von Samuel Rieth, Heidenau

Die Stimmung ist schon gereizt, da ist die Kanzlerin noch gar nicht da. Viele Heidenauer sind gekommen, um Angela Merkel zu sehen. Hinter Absperrband stehen sie an der Einfahrt zum Flüchtlingsheim und auf dem Parkplatz des Real-Marktes. Es ist derselbe Markt, in dem sich die Rechtsextremen vor ihren Krawallen mit Bier versorgt haben sollen.

"Wie soll das enden?", ruft ein Bürger, schließlich könnten doch allein in diesem Jahr bis zu einer Million Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Ein anderer schnauzt einen Journalisten an, er solle nicht so "arrogant wessihaft gucken".

"Werden Sie mal wütend!"

Dann fährt das Auto von Stanislaw Tillich vor. Der sächsische Ministerpräsident habe sich nicht klar genug gegen rassistische Übergriffe gestellt, haben Kritiker ihm vorgeworfen. Zum letzten Mal war er am vergangenen Sonntag hier und sagte über die Krawalle: "Das ist nicht unser Sachsen." Jetzt geht er auf die wartenden Heidenauer zu, sucht den Dialog.

"Wir sind diejenigen, die diese Leute durchfüttern", ruft einer. "Ich bin wütend! Ich bin Wutbürger! Werden Sie mal wütend", fordert er Tillich auf. "Wir wurden als Pack beschimpft!", regt sich ein anderer auf, eine Anspielung auf den Besuch von Vizekanzler Sigmar Gabriel am Montag. Die Diskussion wird immer hitziger, bis der Ministerpräsident kaum mehr zu Wort kommt.

Buh- und "Volksverräter"-Rufe

Dann fährt Merkels Wagenkolonne heran, auf derselben Straße, auf der am Wochenende Böller explodierten und Bierflaschen zersplitterten. Einige Heidenauer empfangen sie mit Winken, die meisten aber mit Buhrufen und als "Volksverräter". Die Kanzlerin geht nicht auf die Bürger zu. Wortlos verschwindet sie hinter dem Zaun, der das Flüchtlingsheim schützt.

Statt einer Demonstration haben sich die Feinde der Flüchtlinge heute etwas Neues einfallen lassen. Wieder per Facebook-Aufruf: Wer am Flüchtlingsheim vorbeifährt, veranstaltet ein Hupkonzert. Viele machen mit - oder immer dieselben fahren im Kreis. Die Heidenauer auf dem Real-Parkplatz bejubeln jedes Hupen und stimmen immer wieder "Lügenpresse! Lügenpresse!"-Chöre an oder: "Wir sind das Volk!" Und auch, in Anlehnung an Gabriel: "Wir sind das Pack!"

Merkel hat zu lange gewartet

Rund eineinhalb Stunden später öffnet sich der Zaun und Merkel tritt vor die Kameras. Viele haben lange auf diesen Moment gewartet, auf klare Worte, mit denen sie sich auf die Seite der Flüchtlinge stellt. Abwarten, schweigen und erst Haltung zeigen, wenn es nicht mehr anders geht - diese Strategie hat sie in der Vergangenheit immer wieder zum Erfolg geführt. Aber nicht hier.

Zu lange hat sie gewartet. Als Besuch aus freien Stücken kann sie ihr Kommen nicht mehr glaubhaft verkaufen. Nun wirkt Merkel, als sei sie eingeknickt unter dem Druck der Opposition, der Medien, des Koalitionspartners SPD, des Twitter-Hashtags #merkelschweigt. Ein Paukenschlag hätte den Besuch vielleicht noch retten können. Doch die Kanzlerin kopiert einfach das Besuchsprogramm, das ihr Vize schon zwei Tage zuvor absolviert hat - und der Paukenschlag bleibt aus.

Das Statement der Kanzlerin ist kurz, fragen lässt sie keine zu. Auch heute ist sie nicht der Typ Politiker, der Emotionen zeigt. Nüchtern bekräftigt sie das Recht auf Asyl für politisch Verfolgte, plädiert für die "menschliche und würdige Behandlung jedes Einzelnen". Vor allem dankt sie den vielen freiwilligen Helfern. "Es ist beschämend, was wir hier erleben mussten", sagt Merkel zwar über die Krawalle. "Es gibt keine Toleranz gegenüber denen, die die Würde der Menschen in Frage stellen." Ihre Stimme geht dabei fast unter zwischen dem Hupen auf der Straße und dem Brummen der Möbelfabrik nebenan.

Klare Worte nur vom Bürgermeister

Das reicht nicht für eine Öffentlichkeit, die sich zunehmend, vielleicht zum ersten Mal in ihrer Kanzlerschaft, nach der Führung von Angela Merkel sehnt. Für die Helfer drinnen im Heim habe sich die Kanzlerin viel Zeit genommen und Mühe gegeben, heißt es später. Doch ihre Wähler lässt sie allein in einem Moment, in dem beim Thema Flüchtlinge ein Riss durch Deutschland geht, der immer größer wird mit jedem Flüchtlingsheim, das niederbrennt.

Über die Krawalle fallen heute Mittag auch die Sätze: "Das hat mit Demokratie nichts zu tun. Das ist nur Menschenverachtung." Doch diese Worte sagt nicht Angela Merkel, sondern Jürgen Opitz, der CDU-Bürgermeister von Heidenau. Die Kanzlerin ist da schon in ihren Wagen gestiegen und unter "Volksverräter"-Rufen davongefahren.


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