HOME

Angela Merkels Kanzleramt: Eva Christiansens Aufstieg im Girlscamp

Als "neue Strategin Merkels" wurde Eva Christiansen jüngst bezeichnet. Dabei ist Christiansen schon seit Jahren fast ununterbrochen an der Seite der Kanzlerin. Und jetzt ist sie wichtiger als je zuvor.

Von Hans Peter Schütz

Die Schlagzeilen klangen eindrucksvoll. Von "Merkels neuer Strategin" kündeten einige fett. Andere beförderten sie in Großbuchstaben zur "Stabschefin" der Kanzlerin. Das klang nach neuer Kommandogewalt bei der Verteidigung der Macht. Schmeckte nach einer in der Verfassung bisher nicht vorgesehenen Struktur politischer Einflussnahme.

Es waren Schlagzeilen allerdings zu einer Personalie von gestern und vorgestern. Eva Christiansen war das alles schon, was hier als die Neuigkeit verkauft wurde anlässlich ihrer Beförderung an die Spitze des neuen Kanzleramt-Referats "Politische Planung; Grundsatzfragen; Sonderaufgaben".

Sie war an Angela Merkels Seite, als die Ende 1999 Wolfgang Schäuble zum Abschuss freigab. Als Helmut Kohl von seinem "Mädchen" um den CDU-Ehrenvorsitz gebracht wurde. Als die Unions-Männer Merkel 2002 die Kanzlerkandidatur missgönnten und sie Edmund Stoiber zuschoben. Als Merkel den Kampf gegen den Fraktionsvorsitzenden Friedrich Merz wagte und gewann. Und natürlich auch, als Merkel 2005 an Gerhard Schröder vorbei ins Kanzleramt einzog. Eva Christiansen war immer dabei, wenn politische Analyse und strategische Planung gefordert waren. Charmant und diskret zugleich, allgegenwärtig in der Kulisse, aber uneitel.

Ob Hochzeit oder Papst - Christiansen ist dabei

Und nicht nur dann, wenn der politische Machtkampf kulminierte. Sie war der Kanzlerin auch nahe in Augenblicken, die ihr schier das Herz stocken ließen. Etwa Anfang 1999, als Merkel soeben Joachim Sauer geheiratet hatte. Da stand die Frischgetraute kurz danach auf einer Bühne, erzählt Christiansen, und ein Mann überreichte ihr aus gegebenem Anlass ein Geschenk. "Sie packt es aus und hält einen Strampler in der Hand." "Einen Strampler", stöhnte Christiansen noch Jahre danach, "einen Strampler für eine über Vierzigjährige!" Sie habe es nicht fassen können. Doch Merkel habe genau das Richtige gemacht: Blitzschnell den Strampler verschwinden lassen, ehe ein Foto mit ihm in ihrer Hand gemacht werden konnte.

Oder in jenen Tagen, als Merkels erste - und von ihr intensiv erstrebte - Privataudienz mit dem Papst bevorstand. Eine angemessene Kopfbedeckung musste her. Hut oder Schleier. Christiansen kaufte im Berliner Lafayette-Kaufhaus eine Stola. Die ließ Merkel jedoch ziemlich traurig aussehen. Und das ging nicht, entschied Christiansen. "Sie durfte auf dem Foto neben dem Papst doch nicht wie eine alte Hutzelfrau aussehen oder wie eine alte Oma". Also Hut.

Die "Kanzlerflüsterin"

Der Bogen ihrer gut zehn Jahre andauernden Nähe zu Angela Merkel ist weit gespannt. Als Merkel 1999 zur CDU-Generalsekretärin aufrückte, wurde Christiansen von der stellvertretenden zur ersten CDU-Sprecherin befördert. Als Merkel den Chefposten in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion übernahm, wechselte Christiansen aus der Parteizentrale mit und wurde Fraktionssprecherin. Als Merkel Kanzlerin wurde, zog Christiansen mit und wurde ihre Medienberaterin. Es folgte eine Babypause, weil die Diplomvolkswirtin, verheiratet mit einem Rechtsanwalt, Anfang 2006 das Töchterchen Sophie-Leonor bekam. Doch schon anderthalb Jahre später war sie zurück an Merkels Seite, zwar Teilzeit-Mutti, aber ganztags an "Muttis" Ohr.

Die "Kanzler-Flüsterin" nennen die Journalisten gerne die heute 40-Jährige. "Unsere Fouché" lästerten dagegen viele CDU-Promis in den ersten Merkel-Jahren über Christiansen. Das war eine ziemlich giftige Anspielung auf Frankreichs ehemaligen Polizeiminister Joseph Fouché, dessen Spitzelsystem einst Napoleons Macht abgesichert hatte. Denn es sei, so die CDU-Herren, doch Aufgabe der Blondine, jeden ausfindig zu machen, der sich indiskret zu internen CDU-Vorgängen geäußert hatte.

Frauen-Trio gegen Machismo-Fraktion

Das war die Ära des "Girlscamp." Drin saßen Merkel, Christiansen und Beate Baumann, bis heute einflussreiche Büroleiterin der Kanzlerin. Auch "Rasputina" genannt, oder, noch ungalanter, damals als die "Beißzange" gescholten. Die Machismo-Fraktion der Unionsmänner stänkerte gerne über den "Drei-Mädel-Graus", dem Trio, dem sie so gerne strategische Fehler angehängt hätte. Was die Herren übersahen: Dass die drei Frauen eine unverbrüchliche gegenseitige Loyalität verband. Ihre internen Gespräche reichten von der Frage, ob eine Kanzlerin mit einer Handtasche schlenkern sollte, bis hin zur machtpolitischen Erkenntnis, dass Merkel sich auf keinen Fall in die Rolle einer Maggie Thatcher drängen lassen dürfe.

Helmut Kohl verlor gegen die drei Frauen, ebenso Gerhard Schröder, Roland Koch, Wolfgang Schäuble. Mag sein, dass das Bündnis sich jetzt auch an Guido Westerwelle versucht. Einschlägige Erfahrung hat die Frauen-Seilschaft. In den Monaten bevor das Trio gegen Gerhard Schröder vorging, hatte die Politik-Professorin Gertrud Höhler über Merkel erklärt: "Eine Vorsitzende, die keine Leadership in Sachfragen entwickelt, die weder Vision noch Strategie entwickelt."

Die Lage von damals ist mit jener von heute vergleichbar. Ist Merkel ihrem Machtanspruch im Konflikt mit der FDP nicht gewachsen? Kanzleramtsminister Ronald Pofalla müsste nachdenklich werden beim Blick auf Eva Christiansens Beförderung zur Leiterin eines neuen Referats, auch wenn dies nur aus vier Mitarbeiterinnen besteht. Denn hat die Frau einen neuen Job, in dem sie "die lange Linie der Kanzlerin Merkel strategische vordenken soll." Das heißt: Sie ist Merkels Chefbeobachterin im Kanzleramt, im CDU-Präsidium und in der CDU/CSU-Fraktionsführung.

Nur Medienberaterin, das war einmal.