Anschläge Deutschland muss das Trauern lernen


Der Tod dreier Bundeswehr-Soldaten in Kundus zwingt uns, über Sinn und Unsinn des Afghanistan-Einsatzes zu diskutieren. Ebenso wichtig ist jedoch, dass wir lernen, die Trauer über den Tod der Soldaten mit öffentlichen Ritualen zu feiern.
Ein Kommentar von Florian Güßgen

Der Tod ergibt nie Sinn. Er ist sinnlos. Er ist unbegreifbar. Jener Verlust, den die Angehörigen und Freunde der drei Bundeswehr-Soldaten erlitten haben, ist unermesslich, ihre Trauer ist zutiefst persönlich. Jeder Verwandte, jeder Freund, muss Wege suchen und finden, mit dieser Trauer umzugehen. Gegen die oft abstrakten Ziele irgendeiner Außen- und Sicherheitspolitik kann das alles nicht aufgewogen werden.

Der Anschlag darf niemanden überraschen

Dennoch: Jenseits der privaten Dimension gibt es auch eine politische, eine öffentliche. Es muss gefragt werden: Rechtfertigen die sicherheitspolitischen Ziele der Regierung, rechtfertigt ein vielleicht in ferner Zukunft wie auch immer befriedetes Afghanistan, rechtfertigt das alles den Tod deutscher Soldaten? Wollen wir den höchsten Preis zahlen, den ein Staat, den diese Bundesrepublik für eine Politik zahlen kann? Muss Deutschland tatsächlich am Hindukusch verteidigt werden? Die Debatte, die um diese Frage kreist, kocht nun wieder hoch. Zwar darf der Anschlag in Kundus niemanden überraschen. Die Risiken des Einsatzes waren lange bekannt, die Zeiten, in denen die Bundeswehr nur Trockenübungen veranstaltete, sind lange vorbei. Aber dennoch ist diese neue, alte Debatte wichtig und notwendig. Nutzen und Preis des Afghanistan-Einsatzes müssen stets neu abgewogen und überprüft werden.

Die politische Rechtfertigung des Einsatzes kann allerdings nur ein Teil der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Sterben deutscher Soldaten sein. Der zweite, mit dem ersten eng verwobene Teil, muss darin bestehen, dass die private Trauer flankiert wird von einer gewollten, bewusst gefeierten öffentlichen Trauer. Durch öffentliche Zeremonien und öffentliches Gedenken müssen wir uns den Preis deutscher Politik auch durch Trauer- und Gedenkrituale bewusst machen.

Gerade das jedoch müssen die Deutschen erst lernen. Sie sind unerfahren, weil Auslandseinsätze und tote Soldaten aus gutem Grund lange nicht zur bundesrepublikanischen Erfahrungswelt gehörten. Zudem herrschte, zumindest in Westdeutschland, lange eine gesunde Skepsis gegenüber militärischen Ritualen vor. An diesen haftete der Ruch, neonazistisch und nationalistisch durchtränkt zu sein. Wozu brauchte man auch Rituale, wenn sich Bundeswehr-Einsätze ohnehin auf gefahrloses, däumchen-drehendes Verteidigen im Inland beschränkten

Ehrenmal in der Nähe des Reichstages

Mit den neuen Auslandseinsätzen der Bundeswehr hat sich das Todesrisiko für jeden Soldaten objektiv drastisch erhöht. Und auch, wenn man über Sinn und Zweck des einen oder anderen Einsatzes streiten muss, sind getötete Soldaten nun Teil unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit. Deshalb wäre es zu einfach, Trauerrituale mit dem Verweis auf die braune Vergangenheit zu diskreditieren und zu unterdrücken. Sie müssen eingeübt werden - eben ohne rechten Schwulst.

Dazu gehört etwa, dass wir als Öffentlichkeit beobachten können, wie die Särge der Opfer nach Deutschland zurückgebracht werden, dass wir beobachten können wie die Bundeswehr ihren verstorbenen Angehörigen die letzte Ehre erweist. Dazu gehört aber auch, dass das Ehrenmal, das Verteidigungsminister Franz-Josef Jung den verstorbenen Soldaten errichten lassen will, die Namen der Opfer aufführt. Und dazu gehört, dass dieses Ehrenmal, anders als bislang geplant, nicht auf dem Gelände des Berliner Amtssitzes des Verteidigungsministeriums im Bendlerblock versteckt wird, in der Nähe des Denkmals für die Widerständler des 20. Juli 1944. Das Ehrenmal muss gut sichtbar sein, in der Nähe des Bundestages, am besten sogar im Reichstag, in der Nähe jener, die über den Einsatz der Armee auch künftig entscheiden. Das Ehrenmal muss als Memento Mori dienen, als stete Erinnerung an Parlamentarier und Regierung, dass ihre Entscheidungen Leben kosten können.


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