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ARD zeigt Dokudrama "Eichmanns Ende": Jagd auf den Architekten des Holocaust

Adolf Eichmann gilt als Inbegriff des Schreibtischtäters. Der SS-Obersturmbannführer war zuständig für die Organisation der Vertreibung und Deportation der Juden im Dritten Reich. Nach dem Krieg versuchte er, in Buenos Aires unterzutauchen. Doch die Liebe macht ihm einen Strich durch die Rechnung.

In Buenos Aires trifft Ende der 50er Jahre ein Junge ein Mädchen: ein kleiner Flirt in einem hübschen Idyll. Nur ist der junge Mann namens Nick der Sohn von NS-Funktionär Adolf Eichmann, der im Hitler-Deutschland für den Mord an sechs Millionen Menschen mitverantwortlich war. Das Mädchen Silvia ist ausgerechnet die Tochter des erblindeten jüdischstämmigen Lothar Hermann, der, dem Holocaust entkommen, es sich zum Lebensziel gesetzt hat, den in Argentinien unter falschem Namen lebenden Eichmann aufzuspüren.

Die Liebe seiner Tochter führt den alten Mann zu dem Massenmörder. Die Justiz wird informiert, der Geheimdienst Mossad entführt Eichmann nach Israel. "Liebe, Verrat, Tod" ist der Untertitel der szenischen Dokumentation "Eichmanns Ende", die die ARD an diesem Sonntag (21.45 Uhr), in üppiger Besetzung. Herbert Knaup spielt Eichmann, Axel Milberg den Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, Ulrich Tukur einen Journalisten, der Eichmann zwei Jahre vor seiner Entführung ausführlich interviewte. Raymond Ley schrieb das Buch und führte Regie.

Sein Anstoß zu diesem Film waren die 800 Seiten, auf denen das Interview von damals festgehalten wurde. Ob und wann sie ohne die Eichmann-Entführung je veröffentlicht worden wären, muss offen bleiben. Nach seiner Verhaftung machte jedenfalls der Interviewer Willem Sassen damit schwungvolle Geschäfte. Heute liegen Bänder und Manuskript im Bundesarchiv Koblenz, und Regisseur wie Darsteller hielten sich "bis ins Komma und jedes Räuspern hinein" (Ley) an seinen Wortlaut.

Der aber ist ungeheuerlich. Der Mann, der in seiner Funktion im "Reichssicherheitshauptamt" für die Deportation und Ermordung der Juden verantwortlich war, zeigt sich dort frei von jedem Unrechtsbewusstsein. Er habe schließlich kein einziges seiner Opfer eigenhändig getötet, immer nur Befehle ausgeführt oder gegeben und hätte ebenso wenig gegen Menschenrechte verstoßen wie der Pilot eines Bomberflugzeugs.

Oft gehen solche Argumente in die Region bizarrer Komik über, und an die jüdische Philosophin Hannah Ahrendt muss man denken, die freimütig zugab, als Augenzeugin des Eichmann-Prozesses in Jerusalem zuweilen hell aufgelacht zu haben. Sie prägte das Wort von der "Banalität des Bösen." Es könnte Motto dieses Films sein. Gedreht wurde in Niedersachsen, wo sich Eichmann nach dem Krieg zunächst versteckt hielt, bevor er über Italien mit falschem Pass nach Argentinien flüchtete, und in Kuba: Das war billiger, und außerdem, so Ley, sei Buenos Aires so modern geworden, dass man es nicht als Kulisse für die 50er Jahre hätte einsetzen können.

Abzuwarten bleibt, ob nicht in unserer vergesslichen Zeit jüngere Zuschauer achselzuckend fragen werden, wer denn um Himmels willen dieser Eichmann gewesen sei. ARD-Chefredakteur Thomas Baumann, sonst mehr Anhänger der "klassischen" Dokumentation ohne szenischen Zusatz, hatte auch deshalb für diesen Film der szenischen Form zugestimmt: "Sie spricht mehr Zuschauer an, das wissen wir." Und programmtaktisch wohlüberlegt hat man den Film genau hinter einen "Tatort" gesetzt. Dessen Quote mag dann ein möglichst großes Publikum hinüber in diesen Film ziehen.

DPA / DPA