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Atomkraftgegner im Zwiespalt Die Neinsager der Nation


Wenn die AKW vom Netz gehen sollen, brauchen wir neue Stromtrassen und Speicher. Doch auch dagegen wehren sich Atomkraftgegner. Ein Besuch im Südschwarzwald - bei den Neinsagern der Nation.
Von Nikolai Fichtner, Bad Säckingen

Man soll sich diese Mauer sehr groß vorstellen. Höher als die Türme des Münsters drüben in der Stadt. Und 520 Meter bis zum Hang gegenüber, mehr als doppelt so lang wie die alte Holzbrücke über den Rhein. Klaus Stöcklin macht eine Pause, will die Zahlen wirken lassen. Dann zeigt er ins steil abfallende Haselbachtal. Man sieht Bäume. Kein Naturschutzgebiet. Aber: "Von höchster Wertigkeit", sagt Stöcklin, ein "internationaler Wildtierkorridor".

Wenn es nach den Schluchseewerke geht, wird aus dem Haselbachtal bald das Haselbecken, gefüllt mit Wasser. Aber Stöcklin, klein, grauer Bart, misstrauische Augen, sagt: "Wir werden es zu verhindern wissen." Die Bürgerinitiative Atdorf führt einen Abwehrkampf, und Stöcklin ist ihr Vorkämpfer.

Zu den großen Forderungen der Initiative gehört der Erhalt des Haselbachtals. Zu den kleinen, dass die Schluchseewerke ein Modell der Anlage bauen, aus der Froschperspektive, damit die Spaziergänger einen Eindruck von der Staumauer bekommen.

Idyllisch - verglichen mit einem Atomkraftwerk

Das Modell der Schluchseewerke zeigt wie üblich die Vogelperspektive. Der Südschwarzwald türmt sich auf, dazwischen zwei blaue Flecken, einer auf dem Berg, einer im Tal, begrenzt von einem Damm, nicht größer als ein Daumen. Das Pumpspeicherwerk Atdorf im Hotzenwald. Verglichen mit einem Atomkraftwerk wirkt es ganz idyllisch.

Vor einer Woche ist eine weitere Perspektive auf Atdorf dazugekommen. Die Katastrophe in Japan lässt Staumauer und Wildtierkorridor noch kleiner aussehen. Geradezu kleinlich. Wenn Deutschland jetzt doch schneller aus der Atomkraft aussteigt, steht das Land vor einer nationalen Aufgabe: dem Umstieg ins Zeitalter der erneuerbaren Energien. Damit der funktioniert, müssen dringend neue Stromtrassen gebaut werden. Und Stromspeicher. Gerade hier in Baden-Württemberg, das vom Ausfall der alten Atommeiler am stärksten betroffen ist.

Nationale Hoffnungsträger

Pumpspeicherwerke sind die effizienteste Art, große Mengen Strom zu speichern und schwankenden Ökostrom auszugleichen. Man braucht zwei Stauseen und dazwischen Turbinen. Wenn Sonne oder Wind Strom erzeugen, den keiner verbraucht, pumpt man damit Wasser nach oben. Bei Regen oder Flaute lässt man es runterfallen und treibt die Turbinen an. Atdorf wäre das größte Pumpspeicherwerk Deutschlands, ein Projekt mit einner Milliarde Euro Investitionssumme. Wenn die Genehmigung steht, ist 2013 Baubeginn, 2019 soll es fertig sein. Atdorf ist ein nationaler Hoffnungsträger.

Letzten Mittwoch war Kanzlerin Angela Merkel in der Gegend, 25 Kilometer rheinaufwärts bei einer Wahlkampfkundgebung in Waldshut. Sie hat für das Pumpspeicherwerk geworben. Und am nächsten Tag, in ihrer Regierungserklärung zur Atompolitik im Bundestag, hat sie gesagt, man solle doch mal schauen, "wer wo protestiert".

Der Protest ist hochprofessionell, und vor zehn Tagen, vor Fukushima, fiel er noch deutlich leichter: Damals lud die Bürgerinitiative zu einer Pressekonferenz im evangelischen Gemeindehaus in Bad Säckingen - ein paar Tische, ein Beamer, Blick auf den Rhein. Vorn sitzen Stöcklin, der Vorsitzende, der Pressesprecher und der energiepolitische Sprecher der BI. Die Lokalpresse ist gekommen, die anderen Zuschauer gehören der BI an, die meisten von ihnen tragen graue Bärte. An den Seiten sitzen Landtagskandidaten der Grünen, Linken und ÖDP. Die der anderen Parteien hatten keine Zeit.

Innere Widersprüche allerorten

Eine Umfrage wird präsentiert, die zeigt, welche Politiker wofür stehen. Das Ergebnis ist uneinheitlich: Grüne, Linke und ÖDP sind gegen das Pumpspeicherwerk, der lokale FDP-Kandidat anders als der Rest seiner Partei auch. Der CDU-Mann, dessen Partei diesen Wahlkreis bisher immer gewonnen hat, ist als einziger grundsätzlich dafür. Der SPD-Kandidat hat sich noch nicht entschieden.

Solche inneren Widersprüche findet man in ganz Deutschland, und sie werden sich nach Japan verstärken: Da gibt es CDU-Politiker, die Windräder blockieren; Grüne, die gegen Biogasanlagen sind; und große Protestkoalitionen in Niedersachsen, Hessen oder Thüringen gegen neue Stromtrassen. Eine besondere Rolle spielen dabei die Grünen: In Berlin stehen sie an der Spitze der Bewegung für den Ausbau der erneuerbaren Energien - und vor Ort führen sie oft den Widerstand an gegen die dafür nötige Infrastruktur.

Im Südschwarzwald macht das Ruth Cremer-Ricken, 53 Jahre alt, Grünen-Kreisvorsitzende. Jetzt, wo die Kinder aus dem Haus sind, will sie in den Landtag. Sie ist wahrscheinlich die einzige Politikerin, die alle 14 Aktenordner zum Raumordnungsverfahren gelesen hat. Cremer-Ricken sagt im Gemeindehaus: "Dieser Standort ist nicht geeignet."

So viel spricht dagegen, finden Stöcklin und seine Freunde. Da sei das Raumproblem. Es gibt nicht viel Platz zwischen dem Rhein und den Hängen des Schwarzwalds. Wird das Haselbachtal geflutet, muss die geplante Autobahn A98 womöglich noch näher ran an die Bad Säckinger Kurkliniken.

Und dann die Gefahr, dass im Gestein enthaltenes Arsen das Wasser vergiften könnte. Und schließlich ein "ganz heißes Eisen": Der Bürgermeister einer Berggemeinde soll schnell den Vertrag mit den Schluchseewerken unterzeichnet haben, nur um eine Bürgerbefragung zu verhindern. Ein Skandal. Stöcklin liegen entsprechende Mails vor.

"Ich denke an unsere Kinder"

Stöcklin ist 66 Jahre alt. Vor ein paar Jahren ist er auf den Berg gezogen. "Ich denke an unsere Kinder", sagt er. Die sollen nicht mit so einem Ding vor der Nase wohnen. Es gehört zu den typischen Mustern, dass es meist Zugezogene sind, die den Protest anführen. Menschen, die ihren Lebensabend auf dem Land verbringen wollen; die sich die Zeit nehmen, Aktenordner zu lesen und Probebohrungen zu bewachen. Und die die Aufmerksamkeit genießen, die sie dafür bekommen, besonders nach Stuttgart 21.

Eine Einstellung teilen fast alle Protestler: Sie sind Atomkraftgegner. Ihr Nein zu Stromtrassen begründen sie damit, dass die Atomstrom transportieren; gegen Pumpspeicherwerke spricht, dass damit ja auch Atomstrom gespeichert werde. Niemand würde von sich behaupten, er sei gegen den Umstieg auf erneuerbare Energien.

Nicht verschönern, sondern verhindern

Auch Stöcklin nicht. Aber er findet, dass es bessere Standorte für Pumpspeicherwerke gibt. Norwegen etwa oder den früheren Braunkohletagebau in Ostdeutschland. Von da müsste man zwar neue Stromleitungen legen, durchs Wattenmeer oder durch den Thüringer Wald, wo es ebenfalls Bürgerinitiativen gibt. Aber Stöcklin sagt: "Da sind wir nicht beteiligt." Er liebt eben die Froschperspektive.

Mindestens zwei Jahre noch wird das Genehmigungsverfahren laufen. Die Schluchseewerke werden versuchen, die Lage mit einem runden Tisch zu entschärfen, nach Vorbild von Stuttgart 21. Aber der harte Kern der Gegner wird nicht teilnehmen, sie wollen das Projekt nicht verschönern, sondern verhindern. Beide Seiten werden sich einen Kampf um die öffentliche Meinung liefern. Am Ende werden Gerichte entscheiden. Die BI hat sich einen Anwalt aus Berlin genommen. Den, der schon das Kohlekraftwerk in Datteln verhindert hat. "Wir haben leider keinen Auerhahn da", sagt Stöcklin. "Sonst wäre das Ding eh gestorben."

Hilft der Japan-Schock, Widerstände zu überwinden?

In dieser Woche will Kanzlerin Angela Merkel Ideen präsentieren, wie man den Umstieg beschleunigen kann. Ihr Ziel ist ein breiter, überparteilicher Konsens für neue Netze und Speicher. Wirtschaft, Gewerkschaften, Kirchen und Umweltverbände sollen mitmachen. Die Hoffnung ist, dass der Schock von Japan hilft, die Widerstände zu überwinden.

Sogar im Südschwarzwald haben sich inzwischen ein paar Dinge verändert. Peter Steinbeck von den Schluchseewerken fühlt sich bestärkt. "Das traurige Ereignis arbeitet für uns", sagt er. Die Gegner seien ruhiger geworden. Und die Stimmung in der Bevölkerung ist eine andere. Vor Japan hatten zwei betroffene Berggemeinden ihre Bürger zum Pumpspeicherwerk befragt. Das Ergebnis war ungefähr Hälfte-Hälfte, bei geringer Wahlbeteiligung. Noch hat es keine neuen Umfragen gegeben.

Staumauer im Erdbebengebiet

Der SPD-Mann vor Ort zumindest hat mal seine Meinung geändert. Kurz nach dem Atomunfall diskutierten einige der Landtagskandidaten auf einem Podium über die Konsequenzen. Der zuvor unentschlossene SPD-Politiker war nun dafür. CDU-Kandidat wirkte ziemlich ratlos, er hat den Atomschwenk seiner Parteichefin noch nicht verinnerlicht. Ruth Cremer-Ricken war sehr zurückhaltend, konzentrierte sich in ihren Beiträgen lieber auf die geplante Autobahn A98.

Stöcklins Bürgerinitiative hat für sich schnell klare Antworten gefunden. Aufgrund der vielen Anfragen nach Japan hat sie einen Text auf ihre Internetseite gestellt: "An der Einschätzung zum Pumpspeicherbecken hat sich nichts geändert; die schon bislang geäußerte Kritik am Projekt wurde durch die jüngsten tragischen Ereignisse bestärkt." Oh ja. Die Erdbebensicherheit wird jetzt eine Rolle spielen. Die große Staumauer soll nämlich auf einer tektonisch bedenklichen Stelle entstehen.

FTD

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