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Atomdiskussion in Deutschland: Der rasche Ausweg aus der Kernkraft

Japans Atom-GAU hat bei der Mehrheit der Deutschen den Wunsch erzeugt: Raus aus der Kernkraft. Das wäre zügig möglich - allerdings müssten Nachteile in Kauf genommen werden.

Von Björn Erichsen

Flackert bei Ihnen zu Hause in den letzten Tagen gelegentlich das Wohnzimmerlicht? Nein? Wird es auch nicht. Das vorübergehende Ausschalten der sieben ältesten Atomreaktoren plus Krümmel durch das Moratorium der Bundesregierung ist unerheblich für die Stromversorgung in Deutschland. Die Netzbetreiber befürchten höchstens ein paar Schwankungen, schließen einen Blackout aber aus. Schließlich wird hierzulande Strom im Überfluss produziert, selbst ohne die zur Disposition stehen Meiler entstehen Überschüsse von fast acht Gigawatt. Die erneuerbaren Energien aus Wind- und Wasserkraft, Sonnenenergie und Biomasse steuern inzwischen bereits 16 Prozent zur Stromerzeugung bei. Von einer "Stromlücke" jedenfalls, die noch als Argument für eine angeblich nötige Laufzeitverlängerung der AKW herhalten musste, redet niemand mehr.

Die Deutschen wollen raus aus der Kernkraft, spätestens seit ihnen durch die Katastrophe von Fukushima das mögliche Restrisiko vor Augen geführt wird. In einer Umfrage des stern sprechen sich 63 Prozent für einen Ausstieg sofort oder spätestens in fünf Jahren aus.

"Wir sollten früher aussteigen"

Selbst die schwarz-gelbe Regierung will inzwischen die Energiewende - doch so schnell soll es dabei nicht gehen. "Wir sollten früher aussteigen", hat Norbert Röttgen, der im "Herbst der Entscheidungen" überstimmte Bundesumweltminister, im aktuellen stern eingeräumt und über Laufzeiten von "10 bis 15 Jahren" gesprochen. Das reicht vielen jedoch nicht: Beim Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik hält man einen Ausstieg bis 2020 für möglich, der Chef des Bundesumweltamtes spricht vom Ausschalten der letzten Meiler im Jahr 2017. Manche Forscher und Umweltorganisationen meinen: Es geht sogar noch schneller.

"Wenn wir es wirklich wollen und aufs Tempo drücken, kommen wir geordnet in den nächsten fünf bis zehn Jahren aus der Kernkraft raus", sagt Energieexperte Manfred Fischedick, Vizepräsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Geordnet heißt: "Eingebettet in eine mittel- und langfristige Energiestrategie, die auch gesellschaftlich akzeptiert ist." Er schlägt vor, die alten Meiler nach Abschluss des Moratoriums vom Netz zu lassen und die neueren Atomkraftwerke für eine Übergangszeit weiterzubetreiben. "Parallel dazu müssten wir Investitionen bei den erneuerbaren Energien und Gaskraftwerken vorziehen und stärker an Stromeinsparmöglichkeiten arbeiten. Die belaufen sich bei Haushalten, Gewerbe und Industrie auf rund 25 Prozent und sind in wirtschaftlicher Hinsicht hoch attraktiv", so Fischedick.

Atomkraft taugt nicht als "Brückentechnologie"

In vielen wissenschaftlichen Konzepten zur Energiepolitik der Zukunkt spielt Atomenergie bereits jetzt schon keine Rolle mehr. So spricht sich der Sachverständigenrat für Umweltfragen in seiner Studie "Wege zur 100% Erneuerbaren Stromversorgung" gegen weitere Laufzeitverlängerungen aus. Im künftigen Energiemix wäre Kernkraft eher hinderlich: Da die Erzeugung von Wind- und Sonnenenergie Schwankungen unterliegt, werden Kraftwerke benötigt, die sich je nach Bedarf schnell rauf- und runterfahren lassen. Das Urteil des Expertenrates ist daher eindeutig: "Wegen ihrer begrenzten Flexibilität eignen sich Kernkraftwerke nicht als 'Brückentechnologie' zur Ergänzung der erneuerbaren Energien."

Ein sehr kurzfristiger Ausstieg aus der Kernkraft hätte allerdings auch eine Kehrseite: Schaltet Deutschland tatsächlich innerhalb der nächsten drei, vier Jahre den letzten Meiler ab, würde dies die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen erhöhen. Eventuell wäre der Bau neuer Kohlekrafwerke nötig, in jedem Fall aber müssten bestehende Kraftwerke länger laufen und stärker ausgelastet werden. Dies aber würde bedeuten, dass sich die Bundesregierung von ihren Klimazielen für 2020 - 40 Prozent weniger CO2-Emissionen - verabschieden müsste.

Steigende Strompreise wären ebenso die Folge: Die Verbraucher müssten vermutlich mehr über die EEG (Erneuerbare Energiengesetz)-Umlage zahlen, hinzu kämen steigende Rohstoffpreise sowie höhere Kosten für die dann anfallenden Emissionszertifikate. Umweltschützer verweisen dagegen auf hohe Einsparmöglichkeiten bei der Energieerzeugung. Wie viel ein rascher Ausstieg den Verbraucher tatsächlich kosten würde, lässt sich kaum beziffern. Für den Atomstrom gilt dies jedoch genauso, so lange niemand weiß, was die mögliche Erhöhung der Sicherheitsstandards bei Kernkraftwerken kosten wird.

Unvermeidlich: Der Ausbau der Netze

Ob nun Atomausstieg schnell oder langsam, eine schon länger aufgeschobene Milliardeninvestition kommt in jedem Fall auf die Deutschen zu: Die Erneuerung des Stromnetzes in Deutschland gilt als Flaschenhals hin zur großflächigen Nutzung von regenerativen Energien. Weil die derzeitige Infrastruktur nicht dafür ausgelegt ist, den Strom über die weite Strecke von den Off-Shore-Windparks im Norden in die Industrieregionen im Westen und Süden zu transportieren und zu wenig Speichermöglichkeiten vorhanden sind, muss hier möglichst bald mit einem Ausbau begonnen werden. Die deutsche Energie-Agentur rechnet mit einem Bedarf an Stromtrassen von bis zu 3500 Kilometern bis 2020.

Wer also glaubt, mit einem Atomausstieg sei das Ende der Proteste gekommen, täuscht sich: Die werden aufs neue anfangen, wenn so mancher Bürger erfährt, dass er künftig mit mächtigen Überlandleitungen vor seiner Haustür leben soll. Umso wichtiger ist es, dass einsame Regierungsentscheidung wie bei der Laufzeitverlängerung der AKW ein Ende haben und die Energiefragen der Gegenwart offen diskutiert werden, über die Vorteile ebenso wie über Unanehmlichkeiten und Kosten. Ein solcher Dialog könnte etwa mit dieser Erkenntnis anfangen: Der Atomausstieg ist möglich, sogar kurzfristig, und wir können ihn haben, wenn wir ihn denn wollen.

  • Björn Erichsen